Dürfen wir künftig nur noch mit Vignette in den Wald?

Die Berner Waldbesitzer wollen die defizitäre Waldpflege in Gebieten, wo sich Biker und Reiter tummeln, nicht länger alleine tragen. Ihr Geschäftsführer Stefan Flückiger möchte diese mit einer Waldvignette zur Kasse bitten.

Biker im Wald: Wer sich im Wald erholen will, soll sich auch an den Kosten für die Waldpflege beteiligen.

Biker im Wald: Wer sich im Wald erholen will, soll sich auch an den Kosten für die Waldpflege beteiligen.

(Bild: Keystone)

Stefan Flückiger, Sie möchten den Berner Wald einzäunen und Eintritt verlangen. Stimmts?
Stefan Flückiger: Nein. Wir wollen eine Nutzung des Waldes auch für jene ermöglichen, die nicht Waldeigentümer sind. Aber seit einigen Jahren ersitzt sich die Öffentlichkeit Leistungen, ohne sich an den Kosten zu beteiligen.

Welche Leistungen?
Insbesondere Erholungsleistungen. Nutzniesser profitieren von einer jahrzehntelangen Waldpflege, sind aber nicht bereit, sich an den Kosten zu beteiligen.

Wieso sollte der Biker plötzlich an die Waldpflege bezahlen?
Ein Erholungswald muss bewirtschaftet, alte Bäume müssen herausgeholt, Jungwald gepflegt werden. In den vergangenen hundert Jahren konnte dieser Aufwand über den Holzpreis querfinanziert werden. Und es gab deutlich weniger Erholungsuchende. Aber in den letzten Jahrzehnten zeichnet sich ab, dass die Querfinanzierung nicht mehr funktioniert und die Waldbesitzer privates Vermögen abbauen müssen, um die Waldpflege aufrechterhalten zu können.

Was kümmert es den Biker, ob alte Bäume stehen bleiben?

Ein nicht gepflegter Wald stellt langfristig ein Risiko dar. Aus politischer Sicht ist dieses nicht gross, weil die Auswirkungen einer vernachlässigten Waldpflege nicht in einer Legislatur spürbar werden.

An welche Risiken denken Sie?
Einerseits an finanzielle. Wenn man einen nicht mehr gepflegten Wald später vitalisieren will, entstehen viel höhere Kosten, als wenn man immer drangeblieben wäre. Diese müsste die Öffentlichkeit tragen müssen, weil der Waldbesitzer keine Bewirtschaftungspflicht hat. Andererseits ist es schlicht gefährlich für den Waldbesucher. Wer durch nicht gepflegten Wald geht, muss damit rechnen, etwa vom Ast eines toten Baumes getroffen zu werden.

Haftet der Waldbesitzer?
Grundsätzlich nicht. Es gibt keine abschliessenden Gerichtsentscheide. Aber Kosten entstehen bereits ab dem Zeitpunkt, wo ein Waldbesucher sich gegen ungerechtfertigte Forderungen eines Geschädigten verteidigen muss. Dafür werden im Kanton Bern jährlich Zehntausende von Franken ausgegeben. Mit dem Bevölkerungsdruck und der zunehmenden Mentalität, jemanden verantwortlich zu machen, wenn etwas passiert, gerät der Waldbesitzer zunehmend unter Druck.

Und nun: Wie viel pro Hektare fordern Sie, damit Waldbesitzer den Wald gesund erhalten?
Das kommt darauf an, von welchen Waldleistungen wir sprechen. Beim Schutz vor Naturgefahren sind die Leistungen heute gut finanziert. Dann gibt es den Bereich Grundwasserschutz. 40 Prozent des Grundwassers im Kanton Bern wird im Wald gewonnen, Bewirtschaftungsvorschriften in der Grundwasserschutzzone haben die Waldbesitzer sehr wohl, eine Entschädigung für die Grundwasserproduktion aber haben sie nicht. Wir haben die Kosten ermittelt: Sie würden 5 Rappen pro Kubikmeter Grundwasser ausmachen.

Möchten Sie jetzt also ähnlich wie in der Landwirtschaft auch im Wald eine Art Direktzahlungen für öffentliche Leistungen?
Nein, ausser im Bereich des Schutzwaldes und für Leistungen, die nur der Staat bestellen kann, wollen wir kein Geld vom Staat. Wir wollen nicht das Direktzahlungssystem kopieren, das die Macht die der Verwaltung stärkt und garantiert nicht zur Eigenwirtschaftlichkeit der Branche führt. Der Nutzniesser, der in den Wald geht, würde dieser Leistung auch nicht mehr Wertschätzung entgegenbringen. Zudem wäre der Betrag wohl abhängig von den aktuellen Staatsfinanzen.

Wie wollen Sie denn zu Geld kommen?
Das richtige Instrument wäre eine Vignette oder ein Waldpass. Statt der Haftpflichtvignette fürs Velo würden Biker und Reiter eine Waldvignette kaufen.

Und der Hundebesitzer, der im Wald spazieren geht?
Der Fussgänger bewegt sich im Wald, ohne Schäden zu verursachen. Er beteiligt sich indirekt an den Kosten der Waldpflege, indem er geholfen hat, Strassen zu finanzieren. Er ist höchstens ein Problem, wenn er bei Holzschlägen über sämtliche Abschrankungen klettert. Aber wir wollen wirklich keinen Zaun um den Wald ziehen, sondern ihn zugänglich erhalten – im Rahmen des Gesetzes.

Das Gesetz spricht vom freien Betretungsrecht im Wald.
Mit «Betreten» waren nicht Velopedale gemeint und auch nicht Steigbügel an den Füssen. Diese Betretungsformen – wie auch das Schneeschuhlaufen – hat man sich in den letzten Jahrzehnten ersessen. Leider wurde bis heute kein Zivilprozess durchgeführt, um gerichtlich zu klären, was zum Betreten gehört und was nicht. Die Nutzniesser haben sich immer mehr Rechte herausgenommen. Aber meine Haltung ist klar: Jede Form, die nicht auf den Füssen stattfindet, ist nicht mehr Betreten. Ich würde sofort eine Vignette kaufen.

Was ist schlimm, wenn Biker im Wald eine Bikerpiste einrichten?
Wenn ein Verein im Wald mit Einwilligung des Waldbesitzers eine Piste baut und aus irgendeinem Grund verschwindet, haftet der Waldeigentümer am Ende als Werkeigentümer. Für den Rückbau und weitere Schäden haftet dann der Grundbesitzer. Deshalb empfehlen wir den Waldeigentümern, nie mit Vereinen über irgendwelche Werke im Wald zu verhandeln. Es braucht eine Organisation, die sich mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht auflöst. So kann etwa die Einwohnergemeinde die Partnerschaft eingehen oder für den Verein eine Bürgschaft übernehmen. Mit organisierten Erholungsuchenden kann man so arbeiten. In grösseren Hotspots in Bern, Biel, Thun hat man das bereits im Griff. Wo man es nicht im Griff hat, ist dort, wo sich der Nutzer gegenüber dem Waldbesitzer nicht zu erkennen gibt.

Was würde die Vignette ändern?
Das Geld aus dem Verkauf käme in unseren bereits bestehenden Fonds für Wald und Tourismus. Daraus könnten wir Projekte finanzieren, gefragte Erholungsgebiete aufwerten und Waldbesitzer entschädigen. Mit der Waldpass- oder Vignettenlösung könnten wir Zänkereien verhindern: Der Waldbesitzer wäre stolz auf seinen Single-Trail, und der Biker würde sich über ein tolles Angebot freuen.

Was würde die Vignette kosten?
Damit tatsächlich Projekte realisiert werden könnten, wäre ein Preis von etwa 15 Franken pro Jahr sinnvoll. Je nach Bedarf und Projektnachfrage müsste dieser angepasst werden können.

Was ist mit jenen, die im Wald Party feiern und campieren?
Die brauchen heute schon eine Bewilligung. Aber das ist ein anderes Thema. Hier ist der Staat in der Verantwortung, dass geltendes Recht auch vollzogen wird.

Wollen Sie jetzt Grossräte animieren, sich in der laufenden Revision des Waldgesetzes für die Einführung einer Waldvignette starkzumachen?
Im Moment sind wir in der Aufklärungsphase. Es ist nachvollziehbar, dass Regierungsrat Andreas Rickenbacher das in Aussicht gestellte Verbot für Biker und Reiter zurückgezogen hat. Aber jetzt zu sagen, man habe über das Ziel hinausgeschossen, wie er es gemacht hat, zeigt, dass das Problem noch nicht erkannt ist. Für die Waldeigentümer stehen in der Revision aber auch andere Themen im Zentrum.

Glauben Sie, dass die Politik auf die Idee mit der Vignette eintreten wird?

Stefan Flückiger (41), lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Kappelen. Er ist Forstingenieur ETH, arbeitet zu 80 Prozent als Rektor der Kaufmännischen Berufsschule Emmental und zu 20 Prozent als Geschäftsführer des Verbands Berner Waldbesitzer, der die Interessen von rund 36'000 Waldbesitzern im Kanton Bern vertritt.

Berner Zeitung

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