Medikamententests auch in Berner Psychiatrien

An den psychiatrischen Kliniken im Kanton Bern wurden in den 1950er-Jahren Tests mit nicht zugelassenen Präparaten durchgeführt. Medizinhistoriker Urs Germann von der Uni Bern geht von weit über 200 betroffenen Patienten aus.

Medizinhistoriker Urs Germann forscht an der Universität Bern über die Medikamententests an psychiatrischen Kliniken.

Medizinhistoriker Urs Germann forscht an der Universität Bern über die Medikamententests an psychiatrischen Kliniken.

(Bild: Franziska Rothenbuehler)

Herr Germann, weshalb wurden ab 1950 auch in den Berner ­Psychiatrien Tests mit nicht zugelassenen Medikamenten durchgeführt?Urs Germann: Unternehmen, die neue Psychopharmaka auf den Markt bringen wollten, waren darauf angewiesen und dazu verpflichtet, diese vorgängig in den Kliniken zu testen. Das ist auch heute noch so. Die Resultate wurden dann bei der Beantragung der Marktzulassung als Belege eingereicht. So bewiesen die Pharmaunternehmen, dass die Medikamente nicht schädlich sind und wirken.

Und was hatten die psychiatrischen Kliniken davon?In den 1950er-Jahren kamen die ersten Psychopharmaka auf den Markt. Es gab grosse Erwartungen. Die Psychiater wollten un­tersuchen, welche Präparate für welche Krankheiten wirksam sind und welche Nebenwirkungen sie haben. So entstand eine symbiotische Beziehung zwischen Kliniken und Industrie, auch wenn deren Interessen nie ganz deckungsgleich waren.

Inwiefern?Die Psychiater hatten an möglichst günstigen, gut wirkenden Präparaten Interesse. Die Industrie wollte im Gegenzug möglichst viele Medikamente absetzen und mit ihren Produkten alle Wirkungsbereiche abdecken.

Bisher waren vor allem die Tests in den Kliniken Münsterlingen, Basel und Zürich bekannt. Wie haben Sie von den Versuchen in der universitären psychiatrischen Klinik in Bern und der ­Klinik in Münsingen erfahren?Das war im Zusammenhang mit einer Studie, die ich über die Versuche in der psychiatrischen Uniklinik Basel gemacht habe. Dabei habe ich auch im Umfeld recherchiert und gesehen, dass es an der Berner Uniklinik und in Münsingen Psychiater gab, die solche Tests durchführten.

Gemäss damaligen Publikationen sind rund 200 Berner Patienten betroffen. Was bedeu­teten die Versuche für diese ­Personen?Um das zu beantworten, stellt sich zuerst die Frage, was die Patientinnen und Patienten überhaupt gewusst haben. Aufgrund von verschiedenen Unterlagen aus diversen Kliniken kann man heute davon ausgehen, dass der grösste Teil kaum gewusst oder realisiert haben dürfte, dass er ein noch nicht zugelassenes Präparat erhält. Hinzu kamen dann unter Umständen noch unbekannte Nebenwirkungen der Medikamente.

Also mussten die Patienten ­keine Einwilligung abgeben?Wahrscheinlich nicht. Als Historiker haben wir das Problem, dass die Aufklärung und die Einwilligung der Patienten aus den Krankenakten meist nicht ersichtlich sind. Bekannt ist, dass es bei ­chirurgischen Eingriffen wie Hirnoperationen oder Elektroschockkuren häufig schriftliche Einwilligungserklärungen gab. Da solche bei Medikamentenabgaben fehlten, nehme ich an, dass das Bewusstsein der Ärzte für ihre Informationspflicht in diesem Bereich weniger hoch war.

Die Versuche führten teilweise zu schwerwiegenden Nebenwirkungen, in Münsingen und auch andernorts kamen sogar Patienten ums Leben. Nahmen die Ärzte dies einfach in Kauf?Man muss klar unterscheiden zwischen der Inkaufnahme von Nebenwirkungen und der Inkaufnahme von schweren Schädigungen oder sogar dem Tod. Die damaligen Mediziner gingen davon aus, dass psychische Störungen schwere Erkrankungen sind und dass die Therapie und letztlich eine Anpassung an die gesellschaftlichen Normen geboten sind. Das beinhaltete, dass ­gewisse Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen sind. Dies gilt aber nicht für schwere Schädigungen oder gar den Tod. Es gibt dokumentierte Fälle, bei denen Testreihen wegen schwerer Nebenwirkungen gestoppt wurden.

«Die damaligen Ärzte hatten ein paternalistisches Selbstverständnis.»Urs Germann, Universität Bern

Trotzdem wirken die Versuche aus heutiger Sicht menschenverachtend.(zögert) Die damaligen Ärzte hatten ein paternalistisches Selbstverständnis. Sie gingen davon aus, dass sie im Interesse der Patienten handeln, aber auch entscheiden. Demgegenüber steht ein nach heutigem Massstab gering ausgeprägtes Bewusstsein für die Autonomie und Selbst­bestimmung der Patienten. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die ethische Beurteilung der Versuche.

Sie haben insbesondere die Tests in Basel und Zürich untersucht. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?Erstens hat mich das Ausmass erstaunt. Einerseits vom Umfang der betroffenen Personen her, andererseits vom Umfang der Nachweise in den Krankenakten. Für Basel gehe ich davon aus, dass 10 Prozent aller depressiven oder schizophrenen Patienten irgendwann in ihrer Klinikzeit mit einem nicht zugelassenen Medikament behandelt worden sind. Zweitens haben in Basel deutlich mehr Frauen als Männer solche Präparate erhalten. Und drittens hat mich erstaunt, dass es viele Veröffentlichungen der Ärzte gab. Die Tests waren also kein Geheimnis.

Sogar die Behörden wussten ­davon?Im Einzelfall wussten die Gesundheitsdirektionen oder Aufsichtsgremien wohl nicht, welche Medikamente getestet wurden. Aber sie müssen gewusst haben, dass ihre Ärzte Tests durchführen, und waren stillschweigend damit einverstanden.

In den Berner Kliniken sind vergleichsweise wenig betroffene Patienten bekannt im Vergleich mit Münsterlingen, Zürich oder Basel mit je über 1000. Weshalb wurden in Bern weniger Tests durchgeführt?Zu den Kliniken im Kanton Bern gibt es derzeit noch relativ wenige Informationen. Etwa darüber, was getestet wurde, welche Ärzte involviert waren und wie viele Patienten betroffen waren. Das hängt einerseits damit zusammen, dass die Berner Psychiater relativ wenig veröffentlicht haben, andererseits sind die Abklärungen zu den Tests hier noch nicht weit fortgeschritten.

Ist eine Aufarbeitung geplant?Momentan ist eine medizinhistorische Dissertation in Arbeit, die sich mit dem Thema befasst.

Gehen Sie davon aus, dass noch mehr Patienten betroffen sein könnten?Ja. Ich vermute, dass es in Bern ein ähnliches Bild wie in Basel geben wird.

Weiter ist die Aufarbeitung der Vergangenheit bei den Verdingkindern. Sie werden derzeit ­entschädigt für das erlittene Leid. Wäre so etwas auch bei Psychiatriepatienten not­wendig?Ja. Bei den Psychiatriepatienten muss man davon ausgehen, dass ein grosser Teil nicht freiwillig in den Anstalten war. Sie wurden von Ärzten oder Behörden eingeliefert und sind so gesehen auch Betroffene von Zwangsmassnahmen. Deshalb sollten auch sie ­Anrecht auf eine Entschädigung haben. Klar ist meiner Meinung nach zudem, dass die Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte in diesem Rahmen zu kurz kommt.

Sie haben es ganz zu Beginn ­angesprochen: Auch heute noch sind Tests an Menschen notwendig, damit ein Medikament zugelassen wird. Was hat sich seit den 1950er-Jahren dies­bezüglich verändert?Es gibt eine viel stärkere Regulierung. Damit ein Patient in eine Studie aufgenommen wird, braucht es Aufklärung und eine schriftliche Einwilligung. Zudem sind die Anforderungen an die Zulassung von Medikamenten massiv höher, die Pharmaunternehmen müssen heute mehr Nachweise über Wirkungen und Nebenwirkungen erbringen. Schliesslich hat sich auch die Testmethodik weiterentwickelt. Heute gibt es klare Studienplanungen. Die Verantwortlichkeiten haben sich diesbezüglich ­zudem von den Kliniken zur Industrie verschoben.

Ist das denn positiv?Das ist schwer zu sagen. Die Abhängigkeit von den wirtschaft­lichen Interessen der Pharmaunternehmen ist vermutlich heute grösser. Es gibt auch immer wieder Gerüchte, dass Studien wegen unvorteilhafter Ergebnisse unterdrückt werden. In den 1950er- und 1960er-Jahren boten die Kliniken vielleicht sogar ein gewisses Gegengewicht zur Industrie.

Teilweise werden zudem auch heute noch entgegen dem Willen der Patienten Medikamente verabreicht.Zwangsmedikation hat es immer gegeben. Diese ist mittlerweile aber klar geregelt. Zudem sollte heute ausgeschlossen sein, dass es Zwangsbehandlungen mit noch nicht zugelassenen Medikamenten gibt.

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