Die Schule droht zum Spielball der Politik zu werden

Marius Aschwanden, Redaktor Kanton Bern, zur Lehrplaninitiative.

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Wie stark sollen die Politik und das Volk künftig bei der Ausgestaltung der Schule mitbestimmen? Diese Frage können die Bernerinnen und Berner am 4. März beantworten. Den Urhebern der Initiative «Mehr demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volk» geht es aber noch um etwas anderes: eine nachträgliche Abschaffung des Lehrplans 21. Doch weder eine stärkere Einbindung des Volkes noch eine Abkehr vom neuen Lehrplan wären sinnvoll.

Die Befürworter argumentieren, dass ein Lehrplan in «groben Zügen» festlege, welche Aufgaben das Volk der Schule zuweist. Deshalb sollten Lehrpläne auch durch den Auftraggeber – das Parlament oder das Volk – legitimiert werden. Heute liegt diese Kompetenz beim Erziehungsdirektor.

Die Initianten verkennen aber, dass der Grosse Rat bereits jetzt genügend Mitsprachemöglichkeiten hat. Er kann über das Volksschulgesetz die Schulinhalte und über das Budget die Lektionenzahl festlegen. Zudem ist ein Lehrplan ein Fachwerk, quasi eine detaillierte Verordnung zum Gesetz. Darin wird nicht in «groben Zügen» die Aufgabe der Schule festgelegt, sondern aufgrund von pädagogischen Überlegungen bestimmt, ob beispielsweise Algebra vor Geometrie behandelt werden soll.

Politische Ansichten haben in dieser Diskussion nichts verloren. Dieser Meinung ist auch der Grosse Rat selbst. Er hat es abgelehnt, dass das Parlament Lehrpläne beschliessen soll. Die Initianten gehen zudem davon aus, dass bei einem Ja der Grosse Rat nur zurückhaltend Einfluss auf den Schulstoff nehmen würde. Das ist naiv, wie ein Beispiel aus dem Kanton Solothurn zeigt. Dort forderte ein SVP-Vertreter kürzlich, dass an den Schulen einmal pro Jahr die Nationalhymne gesungen werden muss. Eine Annahme der Berner Initiative würde solchen absurden Einflussnahmen Tür und Tor öffnen. Der Schulstoff würde zum Spielball politischer Interessen.

Eine fehlende demokratische Legitimation orten die Befürworter auch beim Lehrplan 21, den sie mit der Initiative nachträglich wieder abschaffen möchten. Zwar habe das Volk einer Harmonisierung der Schule zugestimmt. Dabei sei aber keine Rede von einem neuen Lehrplan mitsamt neuer Didaktik gewesen, heisst es. Nur: Wie, wenn nicht mit einem neuen, gemeinsamen Lehrplan soll eine Harmonisierung über die Kantonsgrenzen vonstattengehen? Zudem hat sich der Grosse Rat bereits mehrfach für den Lehrplan 21 ausgesprochen.

Selbstverständlich wird auch der neue Lehrplan nicht alle Probleme lösen. Manche Kritik ist denn auch berechtigt. So dürfte eine interkantonale Vereinheitlichung des Schulstoffs tatsächlich schwierig werden, wenn die zu erreichenden Ziele nur noch für Mehrjahreszyklen angegeben werden. Andere Befürchtungen jedoch sind weit von der Realität entfernt. So wird es mit dem Lehrplan 21 weder eine Vermessung der Kinder geben, noch werden die Lehrer zu Coachs degradiert.

Mit der Kompetenzorientierung und dem neuen Fach Medien und Informatik werden die Kinder zudem besser auf die sich verändernde Gesellschaft und Arbeitswelt vorbereitet. Und: Der Lehrplan 21 wird im Kanton Bern unabhängig von der Abstimmung vom 4. März ab diesem Sommer eingeführt. Zu weit sind die Vorbereitungen schon fortgeschritten. Eine nachträgliche Abschaffung – frühestens 2020 – würde grosse Unruhe in die Schulstuben bringen. Deshalb sollte die Initiative abgelehnt werden.

Eines darf schliesslich auch nicht vergessen werden: Der Lehrplan 21 ist das, was alle Lehrpläne vor ihm waren – ein Kompass. Viel wichtiger als der Inhalt sind die Lehrerinnen und Lehrer, die ihn bedienen. Sie werden auch künftig dafür verantwortlich sein, wie gut die Schule und damit die Bildung der Kinder ist. Mail: marius.aschwanden

marius.aschwanden@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.02.2018, 09:02 Uhr

Marius Aschwanden, Redaktor Kanton. (Bild: Andreas Blatter)

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