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«Die Korrekturen sind bloss Kosmetik»

Der Berner Erziehungswissenschaftler Walter Herzog bleibt dem Lehrplan 21 gegenüber kritisch eingestellt. Er warnt insbesondere vor einer schleichenden Einführung von Rankings.

Walter Herzog: «Der Ansatz ist nicht sehr überzeugend, und der Prozess war nicht sonderlich demokratisch.»
Walter Herzog: «Der Ansatz ist nicht sehr überzeugend, und der Prozess war nicht sonderlich demokratisch.»
zvg

Letzte Woche wurde die Überarbeitung des Lehrplans 21 angekündigt. Er soll um 20 Prozent kürzer, etwas moderater in den Ansprüchen und insgesamt wertneutraler werden. Insgesamt bleiben Inhalt, Struktur und Ausrichtung aber erhalten. Überarbeitet wird der Lehrplan von denselben Leuten, die bereits den Entwurf zusammenstellten. Kritische Stimmen werden nicht eingebunden.

Der Berner Erziehungswissenschaftler Walter Herzog ist eine dieser Stimmen. Dem fundier-ten Kritiker des zukünftigen Schulkompasses für sämtliche Deutschschweizer Kantone erscheinen die angekündigten Massnahmen als blosse «Kosmetik». Er bleibt bei dem, was er im Januar in Luzern in einem Referat vor Pädagogen gesagt hatte: «Der Lehrplan 21 ist ein ungenügend legitimiertes Reformprojekt, dessen Scheitern absehbar ist.» Darauf angesprochen, präzisiert Herzog: «Scheitern wird der Lehrplan wohl nicht am Widerstand, obwohl auch das nicht ausgeschlossen ist. Scheitern wird er in der Umsetzung.»

Rankings durch die Hintertür

Für Herzog, der einen schlanken Rahmenlehrplan bevorzugt hätte, fehlt ein sauberer pädagogischer Aufbau des dicken Wälzers. Der gewählte Kompetenzbegriff sei unpräzis. Insbesondere bleibe auch unklar, wie das beabsichtigte Bildungsmonitoring ausgestaltet werden solle. Als hartnäckiger Mahner warnt er vor Rankings, welche sich durch die Hintertür einschleichen könnten. «Niemand will sie. Aber niemand sagt, was dagegen unternommen werden soll», moniert er. Bilden nur Stichproben die Basis für die Vergleiche, wie dies beabsichtigt ist, halte sich die Gefahr jedoch in Grenzen, räumt er ein.

Fehlende öffentliche Debatte

Dass er kürzlich von der SVP, die fundamental gegen den Lehrplan agiert, ohne Anfrage vor den Karren gespannt wurde, behagt Herzog nicht. «Die Ziele ihres Alternativlehrplans teile ich nicht.» Dennoch bleibt er kein Freund des Lehrplanprojekts der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz: «Der Ansatz ist nicht sehr überzeugend, und der Prozess war nicht sonderlich demokratisch.»

Die Schule hätte eine grundsätzliche Debatte zur Ausrichtung verdient. Herzog stört sich auch an der Geheimniskrämerei über die Kosten. Allerdings hätte die öffentliche Diskussion viel früher, also vor der Präsentation eines Entwurfs, erfolgen müssen. «Jetzt über einzelne Fächer zu debattieren, macht tatsächlich keinen Sinn mehr», pflichtet er den am Freitag geäusserten Befürchtungen der Bildungsdirektoren bei.

Trotz seiner Bedenken glaubt Herzog nicht, dass die Schule mit der Einführung des Lehrplans ernstlich Schaden nehmen wird. Die Erfahrung habe ihn gelehrt, dass die Schule meist pragmatisch umgehe mit solchen Reformen und sich nicht so leicht beeinflussen lasse.

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