Zum Hauptinhalt springen

«Die Gesellschaft fordert die absolute Sicherheit»

Seit Anfang November ist Georges A. Caccivio Direktor der Anstalten Thorberg. Er nimmt Stellung zu seinem Job, zur Würde des Menschen und zu Fragen der Sicherheit.

Seit dem 1. November ist der 52-jährige Bieler Georges A. Caccivio neuer Direktor der Anstalten Thorberg. Der passionierte Motorradfahrer und Golfspieler trägt hier als Nachfolger von Hans Zoss, Thorberg-Direktor von 1994 bis 2011, die Hauptverantwortung für 120 Mitarbeitende und 180 Insassen.

Schlüssel raus, aufschliessen, Türe auf, ins Schloss, Türe zu, abschliessen, Schlüssel einpacken. «Man gewöhnt sich daran», sagt Caccivio auf dem Weg in sein Büro. «Käme nicht gut an, wenn mans vergisst.» In der Mitte ein Tisch, sechs Stühle rundum, blaue Polster, am Boden ein roter Teppich. Hier nehmen die Insassen also Platz, wenn sie etwas vom Direktor wollen. Einen Monat lang hat Caccivio, der seit 1999 im Generalsekretariat der Polizei- und Militärdirektion des Kantons Bern arbeitet und seit 2004 Stabschef Fachamt Freiheitsentzug und Betreuung war, dieses Büro geteilt mit Hans Zoss. Der Oktober war die Einarbeitungszeit. «Die lief nicht wie geplant», sagt Caccivio. Zoss und er hatten einen Plan mit Themen, die sie besprechen wollten. «Doch schon am ersten Morgen war alles anders, weil wir vier Disziplinarrapporte auf dem Tisch hatten. Man hat Drogen gefunden, es gab eine Schlägerei, zwei haben die Arbeit verweigert.»

Die Tat und der Mensch

Erste Erkenntnis nach sechs Wochen Thorberg: «Sie wissen nie, wie der Tag läuft.» Weiter falle «die Unterschiedlichkeit der Insassen» auf. Manche sind fünf, sechs Monate auf dem Thorberg, wenn Fluchtgefahr besteht, dann vor allem Ausländer. Andere werden verwahrt, sind zum Teil seit Jahrzehnten hier oben. Auch bei Eintrittsgesprächen bemerke er Unterschiede: «Da lernt man, dass es Leute gibt, die sich reingeschickt haben in den Vollzug. Aber es gibt auch Leute, die ‹verjagt› es fast. Die interessiert eigentlich nur eines: ‹Wann komme ich wieder raus?› Dann lesen Sie auf dem Vollzugsauftrag: ‹Drei Jahre, sechs Monate.› Da kann man dann nicht mehr viel dazu sagen.»

Hat ihn etwas überrascht in den ersten sechs Wochen? «Dass das Bild von der Tat häufig nicht zum Bild vom Menschen passt. Ich konnte mit einem Insassen ein Gespräch führen, der zwei Menschen ums Leben gebracht hat. Wenn Sie die Akten lesen, und dann den Insassen sehen, denken Sie: «Wie passt das zusammen? Ein Mensch, der einem anderen das Leben genommen hat, kann fein, klein, zierlich sein und in einer fast geduckten Haltung auf Sie zukommen.»

«Wir achten die Würde des einzelnen Menschen unabhängig von Herkunft, Stellung und Delikt.» Was bedeutet das? «Dass man klar artikuliert: Hier bei uns läuft es so.» Dass Klarheit herrsche gegenüber dem Insassen, so dass er die Möglichkeit habe, sich in diesem System, in das er aufgrund seiner Tat hineingeraten ist, zurechtzufinden. Nicht schlechte Behandlung im Vollzug sei die Strafe, sondern der Freiheitsentzug. «Man kann das nicht genug betonen», sagt Caccivio, der beim Touring-Club Schweiz eine KV-Lehre gemacht, beim Strassenverkehrsamt gearbeitet und das Kinderspital Wildermeth in Biel geleitet hat.

Nicht programmierbar

Ein weiterer Thorberg-Leitsatz: «Wir fördern das soziale Verhalten der Eingewiesenen, insbesondere die Fähigkeit, straffrei zu leben.» Insassen mit einer endlichen Freiheitsstrafe kommen irgendwann wieder raus. Die Gesellschaft aber, sagt Caccivio, fordere vermehrt «die absolute Sicherheit, nach dem Motto: Ihr dürft einen nicht mehr rauslassen, wenn ihr nicht ganz, ganz, ganz hundert und noch ein paar Prozente mehr sicher seid, dass er nie mehr straffällig wird.» Es sei die Aufgabe des Vollzugs, zu einer Beurteilung zu kommen. «Das beinhaltet, auch wenn das niemand gerne hört, das Risiko, dass sie einmal falsch ist.» So wie man in einer Geburtsklinik nicht sagen könne, «der wird einmal delinquieren, und der nicht», so könne man das nicht, wenn man jemanden aus der Haft entlasse. «Wir können keinen mit einem Garantieschein entlassen: ‹Wird nie mehr straffällig›. Das wird nicht funktionieren. Zum Glück, würde ich sogar sagen.» Zum Glück? «Könnte man das, würden wir vom programmierbaren Menschen ausgehen. Und vor dieser Vorstellung, das muss ich Ihnen ehrlich sagen, graut es mir. Bei allem Wissen darum, was hier für Kaliber rumlaufen.» Drei davon sind im «HS 1», dem Hochsicherheitstrakt. Was sie von der Welt sehen, ist ihre Zelle und ihr Arbeitszimmer. Und sie dürfen auf den gesicherten Spazierhof auf dem Dach des Vollzugsgebäudes. Dann steht man da, in diesem Käfig, und blickt in die Berge. Caccivio: «Manche sagen, das sei wunderschön. Andere sagen, das sei Folter.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch