«Die Dynamik in Biel ist nicht nur Zufall»

Der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann ist neu Co-Präsident des Vereins Hauptstadtregion – und er glaubt tatsächlich, dass dieses Gebilde Bern vorwärtsbringt.

Der Kanton Bern, träge und erstarrt? «Finde ich nicht!» Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) in seinem Büro am Münsterplatz.

Der Kanton Bern, träge und erstarrt? «Finde ich nicht!» Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) in seinem Büro am Münsterplatz.

(Bild: Christian Pfander)

Herr Ammann, Sie sind am Freitag zum Co-Präsidenten der Hauptstadtregion gewählt worden. Macht das Freude?Christoph Ammann: Ja. Selbst wenn ich mir diese Frage so explizit gar nie gestellt habe: Der Kanton Bern muss hier in führender Rolle dabei sein, die kantonale Wirtschaftspolitik macht längst nicht an der Kantonsgrenze halt.

Muss der Kanton Bern wirklich? Die Hauptstadtregion existiert seit gut sechs Jahren und deckt einen unüberblickbaren Perimeter von Brig bis La Chaux-de-Fonds ab. Sichtbare Resultate liegen nicht vor. Würde man nicht besser abbrechen?Ich gebe zu, dass ich mir solch ­kritische Fragen zu Beginn auch gestellt habe. Ich bin jetzt seit einem Jahr im Vorstand, meine Optik hat sich durch die Erfahrung stark gewandelt. Die Hauptstadtregion bringt Mehrwerte für den Kanton Bern, namentlich in Form von gestärkten Netzwerken mit den politischen Entscheidträgern in den Nachbarkantonen, aber auch mit den Entscheidträgern grosser Unternehmungen im Einzugsgebiet.

Diese Netzwerke müssten Sie als bernischer Volkswirtschaftsdirektor sowieso pflegen.Aber mit dem Rahmen der Hauptstadtregion, an der fünf Kantone beteiligt sind, hat sich die Bewusstseinsbildung beschleunigt und erweitert. Zum Beispiel im Gesundheitsbereich: 35 Prozent der Medtech-Arbeitsplätze der Schweiz befinden sich in der Hauptstadtregion, ebenso 20 Prozent der Arbeitsplätze im Bereich Pharma-Biotech. Bis 2019 werden in der Hauptstadtregion in diesen Sektoren 1000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Doch nicht wegen der ­Hauptstadtregion.Aber das Bewusstsein für diese spezifische Stärke unseres Wirtschaftsraumes ist gestiegen. Firmen wie CSL Behring, Biogen oder Ypsomed sind in der Hauptstadtregion an Bord, weil sie alle über die Kantonsgrenzen hinaus die Frage beschäftigt, wie sie die für das Wachstum benötigten qualifizierten Arbeitskräfte finden. Dazu kommt das grössere politische Gewicht: Im letzten Herbst gelang es im Bundesparlament inmitten einer Sparsituation, zusätzliche Mittel für das geplante nationale Kompetenzzentrum für translationale Medizin auf dem Inselcampus in Bern zugesprochen zu erhalten. Da hat der geschlossene Auftritt der an der Hauptstadtregion beteiligten Kantone eine Rolle gespielt.

Sie glauben tatsächlich, die Hauptstadtregion bringt Bern etwas?Die Hauptstadtregion ist eines von mehreren Instrumenten, die den Kanton Bern vorwärtsbringen. Die Forderung nach einem ÖV-Halbstundentakt zwischen den Zentren etwa wird von allen fünf Kantonen der Hauptstadt­region getragen, und ich denke, dass der gute ÖV-Anschluss wichtig war für den Entscheid der UBS, 600 Arbeitsplätze von Zürich nach Biel zu verlagern.

Die Hauptstadtregion wurde gegründet, damit sie das darbende Bern zwischen den Wirtschafts-polen Zürich - Basel und Genf - Lausanne stärkt. Dieses Woche informierte die Hauptstadtregion, dass in Köniz und Worblaufen zwei Plus-Energie-Quartiere entstehen. Man fragt sich: Was hat das miteinander zu tun?Sehr viel. Es geht um den Megatrend Digitalisierung, über den man nicht unverbindlich philosophieren will, sondern den man auf konkrete Projekte hinunterbrechen will. Kann man ein ­ganzes Quartier mit neuester, smarter Technik betreiben und dafür sorgen, dass es Energie abgeben kann?

Kann man?Die beiden Projekte in Worblaufen und Köniz sind spruchreif, in der ganzen Hauptstadtregion gibt es zusätzlich rund 20 Vorhaben, die noch in der Pipeline sind. Die Ambition ist es, die Hauptstadtregion zur Modellregion für smarte Quartiere zu machen. Sie ist daran, sich zu etablieren, sodass sich mittlerweile grosse In­frastrukturunternehmungen wie BLS, SBB, die Gebäudeversicherung oder die Swisscom ebenso in unseren Projekten engagieren wie Losinger-Marazzi.

Auch hier: Wohl nicht wegen der Hauptstadtregion.In einem föderalistischen System ist es oft so, dass viele an denselben Problemen herumdenken, aber jeder für sich wurstelt. Hier sind es fünf Kantone, die gemeinsam nach Lösungen suchen. Jeder für sich allein hätte die grossen Partner aus der Wirtschaft nicht ins Boot holen können.

Demnächst übernimmt Lorenz Jaggi die Geschäftsführung der Hauptstadtregion. Er ist Partner bei der Berner Kommunikationsagentur Furrerhugi. Warum die enge Anbindung ?Wir versprechen uns in der Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit, die von der Hauptstadtregion bisher bewusst nicht forciert wurde, einen gewissen Schub. Und dass sich die bestens etablierte und national vernetzte Agentur Furrerhugi für die Hauptstadtregion engagiert, ist ein Zeichen dafür, wie ernst sie genommen wird.

Als Volkswirtschaftsdirektor müssen Sie den klammen und trägen Kanton Bern vorwärtsbringen. Bewegt sich etwas?Klar: Der Kanton Bern hat viele Arbeitsplätze in den Branchen Landwirtschaft und Tourismus, die wertschöpfungsschwach sind und gewisse strukturelle Probleme haben. Deshalb sind wir ja ein grosser Bezüger im nationalen Finanzausgleich. Aber daraus zu schliessen, der Kanton Bern sei träge oder erstarrt, wie Sie das tun, halte ich für falsch.

Was ist richtig?Es gibt Branchen – wie die Medtech-, Pharma- und Präzisionsindustrie – sowie Regionen, die ex­trem dynamisch unterwegs sind.

Wo genau?Zum Beispiel in Biel, wo der In­novationspark funktioniert, ein Smart Factory Lab eröffnet wurde und bald auch der Campus der Berner Fachhochschule entsteht. Ich glaube nicht, dass diese Dynamik nur Zufall ist; es wurden auch einige Weichen politisch richtig gestellt, damit man vom nun günstigen Zeitfenster profitieren kann. Dafür setze ich mich ein. Aber was natürlich stimmt: Die Dynamik hat noch nicht die Breitenwirkung, damit Bern sich im Ressourcenranking rasch verbessert. Da sind die Lasten, die wir mitschleppen, noch zu gross.

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