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Die Berner sind anständig – und ein bisschen langweilig

Die Dating-App Tinder wächst und wächst. Auch in Bern gibt es immer mehr Nutzer der Plattform. Zwei Wochen Selbstversuch zeigen: Die Vorurteile von unmoralischen Angeboten bewahrheiten sich nicht.

Der Onlinedating-Markt boomt: Immer mehr Leute lernen sich auf Internetplattformen kennen und lieben.
Der Onlinedating-Markt boomt: Immer mehr Leute lernen sich auf Internetplattformen kennen und lieben.
Franziska Rothenbuehler

Unzählige Geschichten von Freundinnen und Freunden sind mir über die wohl bekannteste Dating-App schon zu Ohren gekommen. Kein Wunder: Tinder ist seit seiner Gründung 2012 bereits von über 100 Millionen Menschen weltweit und von über einer halben Million Schweizerinnen und Schweizern heruntergeladen worden.

Von Männern mit unmoralischen Angeboten wurde mir da berichtet, von freizügigen Frauenfotos und Dates, die zu schnell in eine andere Richtung als geplant verlaufen waren. Kürzlich publizierte das Vergleichsportal Zu-zweit.ch die weltweit erste Studie über Onlinedating-Profilbilder und analysierte hierfür über eine Million Bilder aus der Schweiz.

Dabei fand das Portal beispielsweise heraus, dass auf drei Viertel der Fotos mit einem Lächeln eine Frau zu sehen ist – Männer bevorzugen ernste oder coole Gesichtsausdrücke. Ausserdem zeigten die Bilder, dass der Durchschnitt-Dater einen Bart trägt und dass die meisten Frauen ein Sportfoto auf ihrem Profil haben.

Bilder auf Tinder gab es während zwei Wochen auch von mir. Denn: Es kann doch nicht sein, dass alle ausser mir aus eigener Erfahrung etwas zu dieser Plattform zu erzählen haben, dachte ich mir. Und so erstellte ich kurzerhand ein Profil mit meinem Na­men (dem richtigen), ein paar Fotos (freundlichen) und meinem Alter – noch mit einer 2 vorne, das müsste doch einige Pluspunkte geben.

Mehr als drei Viertel aller Nutzer aus Bern sind unter 36 Jahre alt. Jeder dritte Berner, der eine Kennenlernplattform nutzt, ist zwischen 25- und 34-jährig, auch bei den Bernerinnen ist diese Alterskategorie am häufigsten vertreten. Nachdem die Einstellungen eingetragen waren, und zwar wie alt die Männer sein sollten, die mir das Portal vorschlagen würde und wie weit weg sie wohnen sollten, stand dem Kennenlernen nichts mehr im Weg.

Das Interesse am Onlinedatingmarkt und an der App aus Amerika wächst von Jahr zu Jahr. Im Vergleich zum Vorjahr sind laut Celia Schweyer von der Vergleichsplattform Zu-zweit.ch ein Drittel mehr Schweizer Nutzer auf Kennenlernplattformen registriert. «Die meisten kommen aus Zürich, danach folgen Bern und Genf.» Konkrete Zahlen zu den diversen Ländern oder Städten gibt Tinder jedoch keine bekannt. Auf anderen Plattformen tummeln sich laut Zu-zweit.ch aktuell rund 12'900 Berner und Bernerinnen, die jemanden kennen lernen wollen.

Das tägliche Wischen, um vielleicht die eine interessante Person kennen zu lernen, entpuppte sich bei meinem Versuch schon nach kurzer Zeit als echt kompliziert. Ganze 3,8 Milliarden Mal wird in der Schweiz pro Jahr nach rechts oder links gewischt. Aber, wie soll ich nach einem Blick auf ein paar Bilder entscheiden, ob mir ein Mann gefällt oder nicht? Sollte ich diesem oder jenem eine Chance geben, ihn also nach links wischen, oder gehörte er eher auf den «Nein-Stapel» und würde einen Wisch nach rechts erhalten?

Ich kam mir vor, als würde ich ein Modemagazin durchblättern und die Seiten herausreissen, auf denen sich interessante Kleidungsstücke befinden. Und der Rest des Katalogs? Der landet im Altpapier; aus den Augen, aus dem Sinn. Man muss ehrlicherweise sagen, dass Frauen auf Tinder auch mehr Auswahl haben: Über drei Viertel der Leute, ­die sich auf einer solchen Plattform befinden, sind nämlich Männer.

Beim sorglosen Durchblättern dieses «Katalogs» entsteht dann aber, ehe man sichs versieht, doch so etwas wie Ehrgeiz. Man will plötzlich wissen, ob man demjenigen, dem man gnädigerweise sein Okay gegeben hat, auch gefallen könnte. Das findet man aber erst heraus, wenn die andere Person einem auch einen Wisch nach links gibt, denn so entsteht eine Übereinstimmung auf der App.

Und wenn dann tatsächlich ein sogenannter «Match» aufploppt, sich beide Parteien auf den ersten, oberflächlichen Blick sympathisch sind, schleicht sich eine leise Zufriedenheit ein, die man sich nicht recht eingestehen will.

Und dann? Toll, zwei Leute finden sich gut, wer übernimmt jetzt aber die Initiative?«Ich schreibe als Prinzip nie als Erste», sagen immer wieder Freundinnen zu mir. Na gut, denke ich, versuche ich das auch auf diese Weise. Das Ergebnis der Nachrichten, die ich im Lauf meines zweiwöchigen Selbstversuchs erhalten habe, hat mich gleichermassen beruhigt und ein bisschen ernüchtert. Fünfmal kam nur ein einfaches, langweiliges, nichts aussagendes «Hallo». Keine Frage dazu, gar nichts. So kann man doch keine Konversation beginnen!

Zum Glück fragte die Mehrheit der werten Herren immerhin, wie es mir gehe und ob ich ein schönes Wochenende oder einen angenehmen Tag verbracht habe. Auch nicht gerade wahnsinnig einfallsreich, aber immerhin mehr als «hallo».

Es gab dann tatsächlich auch drei Männer, die mich nach einem Treffen gefragt haben – mutig, mutig. Und alle bis auf einen blieben tadellos anständig, höflich und nett, nichts von unmoralischen Angeboten oder aufdringlichem Gesülze – Kompliment an dieser Stelle an die Berner Männerwelt.

Und dann gab es noch die, die wissen wollten, was genau ich auf einer solchen Plattform suche. Na was wohl? Liebe natürlich. Und da zeigte sich, dass Tinder durchaus vielversprechende Vorschläge macht: Schon nach fünf Minuten tauchte nämlich mein echter Partner im Katalog auf, der bereit gewesen war, bei diesem Versuch mitzumachen – und beim Wisch nach links gab es dann zum Glück auch eine Übereinstimmung.

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