Gymer Neufeld – Der kritische Blick der Denkmalpfleger

Sie freuen sich über den palastähnlichen Gymer Neufeld, ärgern sich über umgebaute Wohnhäuser: Daniel Wolf und Stephan Steger von der Denkmalpflege erneuern das städtische Bauinventar. Ein Rundgang in der Länggasse.

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Sandra Rutschi

Eine grosszügige Halle, links und rechts eine Treppenkaskade – was die Besucher im Inneren des Gymnasiums Neufeld erwartet, ist von aussen kaum zu erahnen. «Das ist fast wie in einem barocken Palazzo. Die Treppen sind ein wesentlicher Teil des Raums», sagt Daniel Wolf. Gemeinsam mit Stephan Steger überarbeitet er zurzeit das Bauinventar der Stadt Bern. In den nächsten vier Jahren gehen die beiden durch alle Quartiere und betrachten die Gebäude im vorgegebenen Gebiet.

Einer der ersten Stadtteile ist die Länggasse. Jeweils zwei Stunden sind die Fachmänner unterwegs, danach ist der Kopf zu voll. In den darauf folgenden Tagen müssen sie die Einstufungen im Büro festhalten, damit die Eindrücke noch frisch sind. Später geht ein Zivildienstleistender durch die Gassen und fotografiert die Häuser, die ihm die Experten angeben.

Zeitliche Distanz ist nötig

Das bestehende Inventar dient den Fachmännern auf ihren Rundgängen als Orientierung. In diesem Inventar wurden in den 1980er- und 1990er-Jahren Gebäude, die vor 1960 gebaut wurden, in schützens-, erhaltens- oder beachtenswert eingeteilt. Jene Häuser, die nach 1960 gebaut wurden und einen speziellen architektonischen Wert aufweisen, sind im Anhang vermerkt. So auch der Gymer Neufeld, der 1961 bis 1962 entstand.

«Eine gewisse zeitliche Distanz ist nötig, um den wahren Wert eines Gebäudes einschätzen zu können», sagt Roland Flückiger, Leiter der Inventarerneuerung. Die Experten überprüfen nun, ob die verzeichneten Bauten noch gleich einzustufen sind wie vor 30 Jahren. Bei den als beachtenswert eingestuften Gebäuden, eine beim Kanton nicht bekannte Kategorie, werden die jeweiligen Häuser von Fall zu Fall neu eingeteilt. Zudem nehmen sie neu auch Bauten auf, die zwischen 1960 und 1990 entstanden sind – solche, die zum Teil im Anhang des Inventars vorgemerkt sind. Jüngere Häuser können sie wiederum im Anhang vormerken.

Beim heutigen Anhangobjekt Gymnasium Neufeld ist der Fall für Steger, Wolf und Flückiger sofort klar: Es wird als schützenswert definitiv ins Inventar aufgenommen. «Der Gymer ist etwas vom Allerschönsten, das es im Schulhausbau gibt. Diese Eingangshalle ersetzt quasi die Aula», sagt Flückiger.

Situations- und Eigenwert

Bei anderen Objekten haben die drei Experten aber durchaus Diskussionsstoff. So etwa beim Wohnhaus an der Hochfeldstrasse 51. Dieser Teil eines Reihenhauses stammt aus der Zeit um 1900 und ist als erhaltenswert eingestuft. «Aber die benachbarten Häuser wurden in den 50er- und 60er-Jahren so um- beziehungsweise neu gebaut, dass das erhaltenswerte Haus heute als Fremdkörper wirkt», sagt Wolf. Flückiger spricht vom Situationswert und vom Eigenwert eines Objekts. In diesem Fall sei der Situationswert – also die Rolle eines Hauses im Umfeld – gering. Auf den zweiten Blick ist dies auch der Eigenwert: Die Türe wurde ersetzt, der Dachbau abgeändert. Definitiv aus dem Inventar gekippt wird das Haus bei einem Blick auf die Rückfassade: Balkone mit Gittern und Betontöpfen sowie provisorische Holzdächer haben diese verändert.

Anders bei der gleichen Häuserreihe, die um die Ecke zum Ralligweg und diesen ein Stück weit runterführt. Dort prägen gleiche Häuser den Strassenbereich. Sie bleiben nach einer ersten Einschätzung als erhaltenswert im Inventar. Definitiv eingestuft werden die Gebäude aber erst, wenn die Übersicht über das ganze Stadtgebiet vorhanden ist und die Arbeit von einer Fachkommission begutachtet wurde.

So diskutieren die Fachmänner über einzelne Häuser, betrachten dabei das Material der Wände, die Anordnung der Fenster oder Verzierungen. Einen grossen Haken hat ihre Arbeit aber: In Privathäusern können sie das Interieur nicht betrachten. «Wir haben das als Pilotversuch in der oberen Altstadt mal versucht», erzählt Wolf. Doch der Aufwand war zu gross, die Denkmalpflege hat zu wenig Mittel und Personal dazu. So werden Privathäuser heute, wie im ganzen Kantonsgebiet, nur von aussen beurteilt.

Die Schwierigkeit bei Stadien

In der Länggasse gibt es dankbare und weniger dankbare Objekte für die Denkmalpflege: Dankbar sind Schulen wie der Gymer Neufeld, die sich in der Regel gut einteilen lassen und auch baulich im Verlauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht sonderlich abgeändert werden müssen.

Zu den undankbaren Objekten zählt Steger Stadien – wie etwa jenes im Neufeld – und Spitäler wie den benachbarten Lindenhof. «Da ändern die baulichen Anforderungen im Verlauf der Zeit. Die Medizin hat sich stark entwickelt – was uns zum Beispiel bei der Insel vor Probleme stellt. Und wenn ein Fussballklub Erfolg hat, muss ein neues Stadion her. Wie etwa im Wankdorf.» Die drei Männer schweigen und denken wehmütig ans alte Wankdorfstadion. Ob das neue Stadion als Anhangobjekt im Inventar vermerkt wird, wie einst der Gymer Neufeld? Die Experten bezweifeln es. «Das Stade de Suisse ist vor allem funktional und wurde von einem Gesamtunternehmen gebaut», erklärt Flückiger. «Aber vielleicht schätzt das die kommende Generation dann ganz anders ein und schüttelt den Kopf über uns.»

Berner Zeitung

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