Gut für Pendler, schwierig für Schulen

Ein späterer Schulbeginn kann die Verkehrsspitze entlasten. Das zeigen Messungen bei Haltestellen in der Nähe jener Schulen, die ihren Unterricht angepasst haben. Für Schulen und Schüler bleibt der Eingriff aber eine Herausforderung.

Späterer Schulbeginn für weniger volle Busse: Was halten Berner Gymnasiasten von dieser Idee?
Sandra Rutschi

Seit diesem Schuljahr ticken zehn Gymnasien und Berufsfachschulen im Raum Bern anders. Um den öffentlichen Verkehr zwischen 7 und 8 Uhr zu entlasten, haben sie ihre Stundenpläne angepasst. Einige – etwa die Technische Fachschule, die Wirtschafts- und Kaderschule oder das Gymnasium Neufeld – haben den Schulbeginn für manche Klassen nach hinten verschoben. Andere – etwa die Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern (Gibb) – geben den Lehrpersonen mehr Flexibilität oder setzen den dezentralen Sportunterricht auf die erste Lektion an.

Die Massnahmen zeigen Erfolg, wie Verkehrsdirektorin Barbara Egger (SP) gestern vor den Medien sagte. Etwa beim Gymnasium Neufeld: Hier beginnen seit August 10 Prozent weniger Jugendliche als im Vorjahr die Schule in der ersten Lektion. Wie eine sechswöchige Messung zeigt, fahren seither durchschnittlich rund 60 Personen und somit fast 20 Prozent weniger Personen zur Pendlerspitze mit dem Postauto ins Neufeld (Grafik unten).

Weniger Fahrgäste ins Neufeld

Dies, obwohl das Gymnasium mehr Schüler hat. Auch bei der Gewerbeschule in der Lorraine hat es während der Morgenspitze 6,4 Prozent weniger Leute. Hier steigen die Schüler der Gibb, der Technischen Fachschule und der Schule für Gestaltung aus. Nächstes Jahr setzt der Kanton die Messungen fort.

17 Millionen Franken sparen

Die Glättung der Verkehrsspitze durch einen späteren Schulbeginn in der Sekundarstufe II ist ein Steckenpferd von Verkehrsdirektorin Egger. Sie geht davon aus, dass im Raum Bern etwa 17 Millionen Franken gespart werden können, wenn die Pendlerströme besser über den Tag verteilt werden. Denn heute fahren einige Extrafahrzeuge lediglich zu Spitzenzeiten und werden ansonsten nicht gebraucht. Zudem steigt die Nachfrage im öffentlichen Verkehr bis zum Jahr 2040 um voraussichtlich 50 Prozent.

«Wir haben nun sehr viele Dispensationsgesuche für die  letzten Lektionen.»Rolf Maurer, Rektor Neufeld

Etliche Jahre brütete Eggers Direktion über der Idee. 2015 zeigte eine Umfrage, dass die Mehrheit der Lehrpersonen und Schüler es ablehnt, wenn der Unterricht flächendeckend erst in der zweiten Lektion beginnt. 60 Prozent zeigten sich jedoch bereit, mildere Massnahmen zu ergreifen – etwa einen späteren Schulbeginn an einigen Tagen oder Freifächer in den Morgenlektionen. Also jene Eingriffe, die nun nebst der Förderung des Velo- und Fussverkehrs umgesetzt oder noch vorgesehen sind.

Für Schulen herausfordernd

Die Sache hat allerdings ein paar Haken. Zum einen ist es komplex, einen Stundenplan auszuarbeiten. Zusätzliche Einschränkungen zu berücksichtigen, ist dabei schwierig. Das zeigt das Beispiel Gymnasium Neufeld. Der Unterricht dauert in der Regel acht Stunden pro Tag. «Wir zittern bei jedem neuen Stundenplan, ob wir ihn überhaupt erstellen können», sagt Rektor Rolf Maurer. Denn der Gymer benötigt 4000 Quadratmeter mehr Schulraum. Einst wurde die Anlage für circa 800 Schüler konzipiert, heute werden dort mehr als doppelt so viele unterrichtet. Mit neuem Schulraum kann Maurer erst Ende der 2020er-Jahre rechnen. Aus finanziellen Gründen sei dies nicht vorher möglich, habe ihm der Kanton mitgeteilt.

Zum anderen verschiebt sich durch den späteren Beginn auch der Rest des Tages nach hinten. Die betroffenen Schüler haben erst um 18.05 Feierabend. Viele mit längerem Schulweg sind dann erst zwischen 19 und 20 Uhr zu Hause – oft zu spät, um noch Musik- oder Sportunterricht zu besuchen (siehe Umfrage). «Entsprechend haben wir nun sehr viele Dispensationsgesuche für die letzten Lektionen», sagt Maurer. «Das stellt uns vor grosse Probleme.» Ausserdem sei es eine Illusion, zu glauben, dass Jugendliche freiwillig früher aufstünden, um Hausaufgaben zu erledigen. Maurer hofft, dass der Konflikt entschärft wird, wenn es mit der neuen Lektionentafel in ein bis zwei Jahren weniger Unterrichtsstunden gibt.

Die SBB sind aufgesprungen

Egger weiss, dass der spätere Schulbeginn die Schulen vor Herausforderungen stellt. «Wir greifen in die Tagesgestaltung von Familien ein und schrauben am Feierabend herum.» Es sei immer schwierig, Gewohnheiten zu ändern, sagt auch Theo Ninck, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Die Erfahrung etwa mit Fahrplanwechseln zeige aber, dass sich das Leben nach dem anfänglichen Ärger bald wieder einpendle.

Trotz allem ist Egger überzeugt, dass der Kanton den rich­tigen Weg beschreitet. Mit der immer stärkeren Nutzung stosse der öffentliche Verkehr immer öfter an seine Grenzen. Sie verweist zudem auf weitere Projekte mit späterem Schulstart, welche die SBB etwa gemeinsam mit der Hochschule Luzern oder der Fachhochschule Nordwestschweiz umgesetzt haben. Laut Egger wurden sie dabei von Bern inspiriert und die Projekte nur deshalb früher umgesetzt, weil die Beteiligten nicht zuvor nach ihrer Meinung gefragt wurden.

Berner Zeitung

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