Der Umgängliche aus dem Oberland

Albert Rösti, der Oberländer Nationalrat und Gemeindepräsident von Uetendorf, politisiert stramm auf der Linie seiner Partei, ist aber im Umgang moderat.

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Die Meinungen sind einhellig quer durch alle politischen Lager: Albert Rösti, promovierter Agraringenieur, Unternehmensberater, Gemeindepräsident von Uetendorf und seit 2011 Nationalrat der SVP, gilt als freundlich, zuvorkommend und eher zurückhaltend. «Er ist ein Anständiger», sagt FDP-Präsident Philip Müller. «Auf persönlicher Ebene wirkt er umgänglich», sagt Aline Trede von den Grünen. «Inhaltlich ist er ein SVP-Hardliner: der klassische Wolf im Schafspelz – das ist sehr gefährlich.»

Auch SP-Nationalrätin Nadine Masshardt sagt: «Er ist klar auf Blocher-Kurs.» Im Rat habe er bislang «keine grossen Stricke zerrissen». In der SVP sind die Reaktionen selbstredend durchwegs positiv. Generalsekretär Martin Baltisser schwärmt, Rösti sei intelligent, bodenständig und habe viel politisches Gespür – «ein Glücksfall für die SVP». Kurt Spöri, Gemeindeschreiber von Uetendorf, sagt: «Er ist kompetent, dossierfest, ein guter Zuhörer, menschlich angenehm, aber auch bestimmt in der Sache.»

Differenzierte Töne

Rösti weiss um seinen Ruf und urteilt über sich: «Ich bin am Rednerpult kein Provokateur.» Zu seinen Lebensweisheiten gehöre die Einsicht: «Man sieht sich mehrmals.» Daraus leitet er einen respektvollen Umgang mit Andersdenkenden ab, letztlich seien die errungenen Beschlüsse gemeinsam umzusetzen. Ungewohnte Worte für den Wahlkampfleiter jener SVP, die sich einst mit Messerstecherinseraten und Anti-Minarett-Kampagnen hervortat. Laut Rösti sind die Flügelkämpfe seit Abspaltung der BDP bereinigt. Die Partei habe inzwischen eine beträchtliche Grösse erreicht, sodass es nicht mehr nur laute Töne brauche, sondern auch differenzierte.

Folgerichtig strebte er als Wahlkampfleiter Listenverbindungen mit Parteien rechts der Mitte an – bisher allerdings erfolglos. «Wir wollten signalisieren, dass wir nicht einfach am äussersten rechten Rand politisieren», so der 48-Jährige. «Offenbar ist den anderen Parteien das eigene Hemd am nächsten.»

Umgänglich im Auftreten, dezidiert in der Sache: «In den zentralen Pfeilern vertrete ich konsequent die SVP-Haltung», bestätigt Rösti. Also keine EU-Annäherung, eine strikte Asyl- und Ausländerpolitik und eine wirtschaftsfreundliche Steuerpolitik. «Die wichtigen bilateralen Verträge sind für mich unbestritten», sagt der Energie- und Wirtschaftspolitiker und verweist auf den gegenseitigen Aussenhandel mit 180 Milliarden Franken Importen aus dem EU-Raum und 90 Milliarden Exporten.

Kein Verständnis hat er hingegen für die strikte Haltung der EU zur Personenfreizügigkeit: «Das Entweder–Oder kann nicht die Lösung für die Schweiz sein.» Und in der Flüchtlings- und Asylpolitik ist er überzeugt: «Wir unterstützen mit unserer angeblich humanen Politik nur die Schlepperbanden. Mit dem gleichen Geld liesse sich das Flüchtlingselend vor Ort viel effizienter lindern.»

«Mit Herzblut Berner»

Im Ständerat will sich Rösti wo immer möglich für den Kanton Bern einsetzen. Etwa bei der Raumplanung: Der Fokus im revidierten Raumplanungsgesetz auf die drei Metropolitanräume Basel, Zürich und Genf greift für ihn zu kurz. Dabei würden nur jene speziell gefördert, die eh wachsten.

Auch seine skeptische Haltung zur Energiewende würde er im Stöckli einbringen. Mit dem Bernbezug, dass die Rechnung dafür vor allem die kleinen, im Bernbiet mit einem Anteil von 85 Prozent vertretenen KMU (weniger als neun Mitarbeiter) zu bezahlen hätten. «Ich bin mit Herzblut Oberländer und Berner», wirbt er für sich und seinen Wechsel in die kleine Kammer.

Politisiert durchs Radio

Aufgewachsen ist Rösti in Kandersteg, in einer Bergbauernfamilie, wo der Vater jeweils die Radionachrichten kommentierte und so die drei Kinder früh politisierte. Beruflich war er immer in Kontakt mit der Politik, sei es als Generalsekretär von Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch (SVP) oder als Direktor der Milchproduzenten.

Heute arbeitet Rösti als Unternehmensberater in Uetendorf. Das Gemeindepräsidium ist ein 40-Prozent-Job, für den Wahlkampf ist er fast täglich im Kanton unterwegs. Das Klinkenputzen hat er nach einem Pilotversuch in Uetendorf und Gerzensee allerdings aufgegeben – das Interesse der Wähler an direkten Gesprächen an der Haustür war zu gering.

Eine tiefe sechsstellige Summe soll Röstis Wahlkampf kosten. Ob dies alles reicht, um einen der Bisherigen, Hans Stöckli (SP) oder Werner Luginbühl (BDP), zu verdrängen, wird sich zeigen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2015, 09:24 Uhr

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