An der Lehrer-Demo musste er heulen

Für Martin Gatti ist am Mittwoch der letzte Bildungstag als Präsident von Bildung Bern. Er tritt im Sommer zurück – wohl mitten im Kampf gegen ein weiteres Sparpaket.

Martin Gatti ist seit elf Jahren Präsident   des Berufsverbands Bildung Bern.

Martin Gatti ist seit elf Jahren Präsident des Berufsverbands Bildung Bern.

(Bild: Manuel Zingg)

Sandra Rutschi

Herr Gatti, Sie sind Reallehrer in Gümligen und seit elf Jahren Präsident des Berufsverbands Bildung Bern. Wie hat sich das Lehrerdasein in dieser Zeit verändert?Martin Gatti:Es ist anspruchsvoller, vielfältiger und vielseitiger geworden. Zum einen sind viele Familien mit anderen Wurzeln, Ideen und Lebensweisen in die Schweiz geflüchtet. Zum anderen spart der Kanton immer wieder gerne bei der Bildung, weil wir nicht genau beziffern können, welche Wertschöpfung wir mit einer guten Bildung schaffen. Und dann gibt es zum Teil Eltern, die ihre Ansprüche an die Schule pointierter formulieren, als dies bislang der Fall war.

Also hat sich einiges getan.Ja, nicht mit einem Knall, aber schleichend. Dass ich das so empfinde, hat aber vielleicht auch ­etwas mit meinem Alter zu tun.

Auch strukturell ist viel passiert: So wurden etwa die harmonisierte Schule Harmos und die Quartalösung beim Übertritt ans Gymnasium eingeführt, es gibt neue Technologien. Wie behält man den Überblick?Man muss sich spezialisieren, gerade wenn es um die neuen Medien geht. Ich bin froh, dass ein Kollege mit aktuellester Ausbildung jetzt bei meiner Realmischklasse den Informatikunterricht übernimmt. Trotzdem: Neugier bleibt eine Grundvoraussetzung für diesen Beruf.

Was war für die Lehrer die einschneidendste Veränderung?Das ist schwierig zu sagen, denn ein Lehrer in Bern-West begegnet anderen Herausforderungen als eine Lehrerin im Oberland. Zudem hängt es sehr von einzelnen Schülern ab, wie das Schuljahr läuft. Aber der Umgang mit anderen Kulturen kann je nach Gegend eine grosse Belastung sein. Vor allem, wenn man Kinder in der Klasse hat, die noch nie unterrichtet worden sind.

Wie einschneidend wird der Lehrplan 21?Natürlich ist das eine grosse Kiste, vor allem wegen der Weiterbildungen, welche die Lehrer absolvieren müssen. Aber ich bezweifle, dass dieser Lehrplan eine einschneidende Veränderung sein wird. Er bietet interessante Möglichkeiten und dient dabei mehr als Kompass denn als Bibel.

«Es war toll, zu erfahren, welche Kraft hinter dem Verband steckt.»

Dennoch ist er mit seiner Orientierung an Kompetenzen vielen suspekt. Was sagen Sie zur Anti-Lehrplan-Initiative?Ich befürchte, dass Emotionen mit Teilaspekten geschürt werden – wie es bei Harmos der Fall war. Wir werden schauen, wie die Initianten ihre Kampagne führen und entsprechend reagieren. Denn wir wollen den Lehrplan umsetzen und dann beurteilen.

Der Lehrplan 21 wird im Herbst, also schon vor der Abstimmung, umgesetzt. Ist das ein Vorteil?Das weiss ich nicht. Es gibt immer Lehrpersonen, die reklamieren und sich Gehör verschaffen.

Sie sind seit über vierzig Jahren Lehrer. Was hat Sie so lange an diesem Beruf fasziniert?Ich wurde Lehrer, weil mir das in der Sek niemand zutraute – ich war sehr ruhig und schlecht im Französisch. Jedenfalls fand ich, ich könnte diesen Job besser machen als einige meiner Lehrer.

Eine klassische Trotzreaktion.Ja, aber nicht nur. Denn man sagte damals auch: Wenn du Lehrer bist, hast du eine gesicherte Pension und musst dir keine Sorgen machen. Auch als ich mich mit vierzig einmal intensiv umschaute, merkte ich: Doch, es ist kein schlechter Beruf, ich bin gesichert und hätte Einbussen, wenn ich ihn wechseln würde. Und eigentlich macht er auch Spass.

Wenn Sie heute zwanzig wären: Würden Sie den Beruf erneut wählen?Ich bin ehrlich: Ich würde es mir gut überlegen und genau abklären, welche Alternativen ich habe. Das Lehrerstudium wäre sicher eine Möglichkeit, aber es würde nicht zwingend im Vordergrund stehen.

Weshalb nicht?Das hat mit dem heutigen Image der Lehrpersonen zu tun und wie man mit ihnen und der Bildung umgeht. Ausserdem würden mich die Arbeitszeiten wohl abschrecken. Ein Leben ohne 70-Stunden-Woche und Wochenendarbeit hat auch seinen Reiz.

Sind diese Überlegungen schuld am Lehrermangel?Es ist zurzeit im Kanton Bern finanziell nicht sehr attraktiv, zu unterrichten. Wir sind sehr schlecht gestellt, und es geht nur stockend vorwärts. Junge Lehrpersonen haben einen gewissen Idealismus und probieren es mal. Es ist aber legitim, die Kosten-Nutzen-Rechnung zu machen.

Wenn Sie auf die elf Jahre als Präsident von Bildung Bern zurückblicken: Was war für Sie das beeindruckendste Erlebnis?Als wir die Lehrpersonen im November 2010 zu einer Manifestation aufgerufen haben. Der Leiter Gewerkschaft und ich warteten vor dem Rathaus, die Band machte sich bereit – und kein Mensch war da, nur eine Gruppe Japaner, die uns fragten, was wir da machen. Doch zehn Minuten vor Beginn begann es zu rauschen und die Leute strömten herbei. 5000 wurden es, der Platz war zu klein. Da haben wir beide heulen müssen. Es war toll, zu erfahren, wer und welche Kraft hinter dem Verband steckt – obschon Lehrpersonen eher apolitisch sind. Darauf konnten wir aufbauen und künftig offensiver vorgehen.

Sie haben immer wieder für höhere Löhne gekämpft. Nun ist das Lohnwachstum garantiert. Eine gute Bilanz?Der Kampf ist noch nicht fertig, etwa was die Lohngerechtigkeit zwischen den Unterrichtsstufen betrifft. Aber wir holen zumindest die Einbussen der Sparpakete wieder auf, es kommt wohl gut, wenn nichts dazwischen kommt. Doch uns droht ja bald wieder ein Sparpaket.

«Es wiederholt sich zu vieles. Das wurde schon ein bisschen langweilig.»

Beim Sparpaket 2013 gingen die Lehrer wieder auf die Strasse.Nicht nur die Lehrer, sondern das gesamte Staatspersonal. Dennoch hat man gespart, etwa mit der Erhöhung der Schülerzahlen.

Gegen das neue Sparpaket hat Ihr Verband bereits 10 000 Unterschriften gesammelt. Dabei ist noch gar nicht klar, wo gespart werden soll. Das riecht nach einer Überreaktion.Wir sind gebrannt. In der Regel kamen wir immer dran, wenn gespart wurde, weil es bei uns relativ einfach geht. Lehrpersonen fallen weg, Klassen verschwinden – und schon ist gespart. Wir wollen deshalb auf eine höfliche Art zeigen: Wir sind aufmerksam. Der nächste Schritt ist nun eine Resolution am Bildungstag, welche die Lehrpersonen unterschreiben können. Diese Resolution erhalten dann die Grossräte.

Die eigentliche Debatte ist im Herbst, wenn Sie nicht mehr Präsident von Bildung Bern sind. Sind Sie froh darum?Ganz ehrlich gesagt: Es wiederholt sich zu vieles. Das wurde schon ein bisschen langweilig. Zudem stört mich die Arroganz von gewissen Politikern, die immer und immer wieder bei der Bildung abbauen wollen und die grossen Zusammenhänge nicht erkennen. Deshalb bin ich sehr froh, dass ein jüngeres Präsidium neue Aspekte reinbringen wird.

Also eher eine bittere Bilanz Ihrer Amtszeit.Oh nein, überhaupt nicht! Trotz dieses Aspekts ist meine Gesamtbilanz positiv. Ich habe sehr viel gelernt und viele Leute kennen gelernt. Ausserdem machte ich Dinge, die ich mir niemals zugetraut hätte – am Bildungstag vor Tausenden von Leuten zu reden, zum Beispiel.

Was freut Sie besonders?Wir sind als Verband breiter geworden, haben die Schulleitungen, die Speziallehrkräfte und die Pensionierten integriert. Das ist wichtig – und mit ein Grund, weshalb wir am Bildungstag das 10 000. Mitglied begrüssen dürfen. Dieser Kurs wird weitergehen. Auch eine Annäherung an den bernjurassischen Berufsverband ist ein Thema.

Und was war Ihr Tiefpunkt?Als ich an einer Delegiertenversammlung mit dem Stichentscheid den Ausschlag geben musste, dass sich unser Verband gegen die sofortige Einführung der Basisstufe ausspricht. Es war eine Reaktion auf die, wie uns schien, verfrühte Einführung des Frühfranzösisch. Das Lehrmittel stand für die Weiterbildung noch gar nicht zur Verfügung. Das konnten mir einige Leute nur schwer verzeihen. Der Bildungsdirektor hat die Basisstufe dann trotzdem eingeführt.

Das Lehrmittel blieb umstritten.Da gehen die Meinungen weit auseinander. Ich unterrichte zurzeit die Neuntklässler mit dem «Bonne Chance!», die Achtklässler mit dem «Clin d’Œil» – und merke keinen grossen Unterschied. Die Achtklässler können andere Sachen, zudem sind sie unkomplizierter und haben mehr Strategien. Es ist gut, das Lehrmittel vorerst weiterlaufen zu lassen und Verbesserungen aufzuschalten – etwa mit der Grammatik, die auf Sekundarstufe gefordert wird.

Was ist die grösste Herausforderung für Ihren Nachfolger?Je nachdem das kommende Sparpaket sowie die Abstimmung im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21. Und schliesslich generell die Attraktivität des Lehrerberufs zu steigern: mit einer guten Ausbildung, fairen Löhnen, stimmigen Arbeitsbedingungen. Das alles mit dem Ziel, die guten Ausbildungsangebote im Kanton Bern zu erhalten.

Wie geht es bei Ihnen weiter?Ich werde weiterhin Spass haben an der Schule. In einem Jahr werde ich dann pensioniert und habe bereits Ideen. Zum Beispiel, irgendetwas Neues und anderes zu lernen. Aber vorerst werden meine Frau und ich wohl ziemlich hungrig mit der gewonnenen Zeit umgehen. Mit Reisen, Lesen, Musik oder E-Bike-Fahren.

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