Der Linke, dem Bürgerliche vertrauen

Christoph Ammann rettete einst die Gemeinde Meiringen vor der Zwangsverwaltung. Nun will der Gymerrektor für die SP in die Regierung. Der von Freund und Gegner als stiller Schaffer Gepriesene erhält auch aus dem bürgerlichen Lager Support.

Nun will der Gymerrektor für die SP in die Regierung.

Nun will der Gymerrektor für die SP in die Regierung.

(Bild: Markus Grunder)

Am Bahnhof von Meiringen wünschen die SVP-Kandidaten Lars Guggisberg und Pierre Alain Schnegg von der Plakatwand «es Guets Nöis». Den Kopf von SP-Kandidat Christoph Ammann sucht man vergebens.

Das ist auch nicht nötig, denn er lebt hier, ist der Platzhirsch, der weit über die Parteigrenze Support erhält. Will Ammann am 28. Februar in die Regierung gewählt werden, dann ist sein Problem der Restkanton. Dort ist er weitgehend unbekannt.

Es ist der 13. Januar, und Christoph Ammann hat Zeit für ein ausführliches Gespräch in seinem Elternhaus, das er gemeinsam mit seiner Frau Irina und den Kindern Dimitri und Diana bewohnt. Das geschmückte Weihnachtsbäumchen steht noch in der Stube.

Bei klarem Wetter hätte man von hier aus freie Sicht auf die Engelhörner. Den Platz zwischen der offenen Küche und dem Wohnzimmer versperrt ein Töggelikasten. Ein Geschenk für den 9-jährigen Sohn, sagt Ammann, «und ein bisschen für mich selbst». Schon als Bub habe er von einem solchen Kasten geträumt.

Ferien mit der Familie

Mittlerweile hat er allerdings keine Zeit mehr zum Spielen. Jetzt steht er mitunter morgens um vier auf, um bis spätabends auf Stimmenfang durch den Kanton zu tingeln. Vor seiner Nomination hatte er sich bei amtierenden Regierungsräten erkundigt, wie gut sich Amt und Familienleben vereinbaren liessen.

Die Belastung sei gross, war die Antwort. Trotzdem bestünden Zeitfenster und Rückzugsmöglichkeiten. «Dies ist für mich wichtig», sagt Ammann, der auch als Regierungsrat nicht auf Tauchferien mit der Familie in Griechenland verzichten würde. Oder auf Ferien in der Ukraine, der Heimat seiner Frau Irina. Kennen gelernt haben sich die beiden in Kiew, inzwischen lebt Irina Ammann seit zehn Jahren in Meiringen und spricht hervorragend Deutsch.

Daran, dass der Familienzusammenhalt in der Schweiz um einiges loser ist als in ihrer Heimat, habe sie sich erst gewöhnen müssen, sagt Irina Ammann. Hochzeit feierte das Paar sowohl in der Schweiz als auch in der Ukraine. «Hier waren wir zehn Personen, in der Ukraine hundert», sagt ihr Mann.

Auch die Reaktion seiner Schwiegereltern auf sein Grossratsmandat widerspiegelt die kulturellen Unterschiede. «Sie meinten, dann könne er mir ja eine gute Stelle besorgen», sagt Irina Ammann und lacht.

Sie ist stolz auf ihren Mann und unterstützt seine Kandidatur, obwohl er als Regierungsrat noch seltener zu Hause wäre. Weil die Eheleute Familien- und Haushaltpflichten bereits heute traditionell verteilt haben, würde sich für sie wenig ändern. Einzig der Garten käme wohl zu kurz, ist er doch die Domäne von Ehemann Christoph.

Breite Zustimmung geniesst Ammann auch in der Region – sogar lokale SVP- und FDP-Politiker wollen ihn unterstützen. Das Oberland würde mehr als andere Regionen über die Parteigrenzen hinweg zusammenspannen, sagt Politikberater Mark Balsiger. «Eine Vertretung in der Regierung oder im Parlament zu haben, ist den Oberländern wichtiger als das Parteibuch.»

Der Vorwurf der Juso

Selbst aus dem Oberaargau erhält der Rektor des Gymnasiums Interlaken bürgerlichen Support. Ex-BDP-Grossrat Dieter Widmer engagiert sich sogar als Co-Präsident des Unterstützungskomitees an vorderster Front für Ammann.

Mit dieser Haltung ist Widmer offenbar nicht allein: Einige seiner Parteikollegen ziehen den SP-Kandidaten dem SVPler Lars Guggisberg vor. Vordergründig, weil dieser für die Durchsetzungsinitiative und mit seinen 38 Lenzen zu jung und sei. Tatsächlich dürfte es ihnen aber noch ­immer schwerfallen, einen SVP-Kandidaten zu unterstützen.

Wegen seiner Haltung zur Ausschaffung Krimineller bekam allerdings auch Ammann Probleme: Als es um seine Nominierung ging, verweigerten ihm die Juso ihre Stimme. Ammann hat sich auf seiner Website für die Ausschaffung krimineller Ausländer ausgesprochen. Er habe ein SP-Positionspapier aufgeschaltet, das eine Ausweisung bei besonders schweren Straftaten vorsehe, sagt Ammann. «Auch die SP muss zu solchen Fragen und generell zu Ausländerfragen Stellung beziehen.»

«Komplettes Profil»

Der 46-Jährige hält seine Wahlchance für intakt. Als Beleg verweist er auf die Aussage von Adrian Ritzi, Professor für Public Management an der Uni Bern. Dieser meinte kürzlich in einem Interview, neben dem SVP-Kandidaten Guggisberg verfüge auch Ammann über ein «recht komplettes Profil mit primärer Führungserfahrung im öffentlichen Bereich und vergleichsweise reicher politischer Erfahrung».

Tatsächlich sitzt Ammann seit 2006 im Grossen Rat. Er gehöre allerdings nicht eben zu den umtriebigsten Parlamentariern und setze sich vor allem für Oberländer Themen ein, sagen Kritiker. Abgesehen davon kommt seine ruhige, besonnene und pragmatische Art gut an.

Auch beim politischen Gegner. Er beteilige sich an Diskussionen und vertrete eigene Positionen, sagt Philippe Müller (FDP, Bern). Ammann sei zwar im Auftreten nicht besonders charismatisch, sagt Jakob Etter (BDP, Treiten). «Er ist aber ein stiller Schaffer der gute Arbeit leistet.» Für SVP-Fraktionschef Peter Brand ist der SP-Kandidat zwar ein linientreuer Linker, aber kein Ideologe. «Es geht ihm um die Sache, er sucht über die Parteigrenzen hinaus nach Lösungen», sagt auch Müller.

Das habe er als Gemeindepräsident von Meiringen gelernt, sagt Ammann daheim am Esstisch.

Als er 1999, damals 29, ins Amt gewählt wurde, war die Gemeinde verschuldet und stand vor der Zwangsverwaltung durch den Kanton. Mit Einsparungen sowie Steuer- und Gebührenerhöhungen sei es geglückt, das Ruder herumzureissen, so Ammann.

Zwar scheue er das Sparen nicht, sagt der SP-Mann. «Bevor nicht alle Auswirkungen des letzten kantonalen Sparpakets klar sind, lehne ich aber eine neue Sparrunde ab.»

«Bin mit dem Job zufrieden»

Falls er gewählt wird, will der Rektor des Gymnasiums Interlaken den Kanton «entwickeln». Das heisst, den eingeschlagenen Weg weitergehen. Mit dem Innovationspark in Biel und dem in Bern geplanten Kompetenzzen­trum für Translation und Unternehmertum sei der Kanton gut unterwegs, findet Ammann. Zur Landwirtschaft hat er keine Berührungsängste.

Die Bauern müssten sich von Subventionsempfängern zu Unternehmern entwickeln. Als Lehrer unterstützt er den Lehrplan 21. Und dass eine Spitalschliessung nicht das Ende einer guten Gesundheitsversorgung bedeutet, hat er in Meiringen hautnah erlebt.

Das einstige Spital beherbergt heute ein Gesundheitszentrum. «Solche Hausarzt GmbH sind meine Antwort auf die Spitalstandortinitiative», sagt Ammann. Allerdings müsse die Politik dafür sorgen, dass wieder mehr Hausärzte ausgebildet würden.

Nach der Direktion gefragt, die er als Regierungsrat führen wollte, sagt Ammann, was alle Kandidaten sagen: «Jede ist mir recht.» Im Gespräch macht er jedoch keinen Hehl daraus, dass seine Präferenz bei der Volkswirtschaft liegt. Zumal er als Geschäftsleitungsmitglied der Volkswirtschaft Berner Oberland und als VR-Präsident der Raiffeisenbank Region Haslital-Brienz das nötige Rüstzeug dafür habe.

Er lässt zwar keinen Zweifel an seinem Willen, die Wahl zu schaffen. Was aber, wenn es nicht klappt? «Dann überlebe ich das – ich bin mit dem, was ich heute beruflich und politisch tue, sehr zu­frieden.»

Berner Zeitung

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