Der Konsum der Zauberpilze birgt Gefahren

Ende ­September findet man im ­Berner Jura nicht nur Speisepilze. Halluzinogene Pilze ­gedeihen dort in Massen. Doch Pilzsammler warnen vor dem Konsum. Zu Recht.

Der Spitzkegelige Kahlkopf ist ein halluzinogener Pilz, der im Berner Jura in grossen Mengen zu finden ist.

Der Spitzkegelige Kahlkopf ist ein halluzinogener Pilz, der im Berner Jura in grossen Mengen zu finden ist.

(Bild: zvg)

Erweitertes Bewusstsein, verstärkte Sehfähigkeit und veränderte Wahrnehmung: Das erhoffen sich alternative Pilzsammler auf der Suche nach sogenannten Zauberpilzen. Klein und unscheinbar verstecken sich diese auf natürlich gedüngten Kuhweiden in den mittleren Breiten, unter anderem auch im Berner Jura.

Der Verzehr der Pilze kann zu Halluzinationen und Wahrnehmungsveränderungen führen, ähnlich wie die Droge LSD. Obwohl der Besitz des als giftig eingestuften Spitzkegeligen Kahlkopfs gegen das Betäubungsmittelgesetz verstösst, lässt sich die Fangemeinschaft des Naturrausches nicht davon abhalten. Doch der Konsum der Zauberpilze birgt Gefahren.

Der Rausch aus der Natur

«Zauberpilze findet man Ende September im Berner Jura wie Sand am Meer», sagt Marisa Ar­materra, Landschaftsgärtnerin und erfahrene Pilzsammlerin aus Biel. Obwohl sie selber kaum Erfahrungen mit dem Konsum von Zauberpilzen gemacht hat, weiss sie genau darüber Bescheid, wo und wann diese zu finden sind.

Wer aus Versehen einen der Pilze mit dem typischen Nippel auf dem Schirm isst, wird kaum etwas spüren. «Die meisten konsumieren zwischen 15 und 20 Pilze, um einen Rausch hervorzurufen», sagt Armaterra. Doch wie stark die Wirkung eines Pilzes ist, lässt sich kaum einschätzen. Denn der Anteil des Wirkstoffs Psilocybin, der für die halluzinogene Wirkung verantwortlich ist, sei in jedem Pilz unterschiedlich hoch.

Im Berner Jura wachsen zudem drei unterschiedliche Gattungen des Spitzkegeligen Kahlkopfs: der graue, der braune und der orange. Die grauen weisen laut Armaterra den geringsten Anteil Psilocybin auf, die orangen den höchsten. Es sei daher schwer abzuschätzen, welche Wirkung der Konsum der Pilze haben kann. Durchschnittlich hält die Wirkung zwischen drei und fünf Stunden an. Im Vergleich zu den kubanischen Magic Mushrooms, die illegal exportiert oder hier angebaut werden, seien die Schweizer Zauberpilze jedoch viel schwächer.

Obwohl Armaterra Pflanzen wie der kleine Zauberpilz sehr beeindrucken, warnt sie vor dem Konsum. Man könne nie genau sagen, welche Wirkung die Pilze auf einen haben. «Von Angstzuständen über beflügelnde Gefühle bis hin zu abgedrehten Halluzinationen habe ich schon alles gehört», sagt sie. Forschungen zu Langzeitschäden sind bis heute nicht abgeschlossen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass der Konsum von halluzinogenen Pilzen bei einer vorhandenen Veranlagung Psychosen auslösen kann.

Die kleinen Pilze mit grosser Wirkung gedeihen nicht nur in den Berner Jurahöhen, sondern können auch im Seeland wachsen. Holzspäne und natürlich gedüngte Wiesen in privaten Gärten bieten dafür optimale Voraussetzungen. In privaten Gärten ist die Gefahr gross, dass Kleinkinder den Spitzkegeligen Kahlkopf in die Hände bekommen. Glücklicherweise ist der Zauberpilz klein und im Gegensatz zum Fliegenpilz farblich für Kinder wenig attraktiv. Im Seeland ist daher keine Vergiftung wegen des Verzehrs von Zauberpilzen aus den privaten Gärten bekannt.

Junge Konsumenten

Bei Tox Info Suisse gehen häufig Anrufe von Personen ein, die halluzinogene Pilze konsumiert haben. «Die Konsumenten melden sich, wenn sie einen Rausch erleben, den sie so nicht erwartet hätten», sagt Katharina Schenk-Jäger, Ärztin und Pilzexpertin der Informationsstelle der Schweiz für Fragen rund um Vergiftungen. Die letzte Meldung sei vor zehn Tagen eingegangen. Oft seien es junge Menschen, welche die Pilze zum ersten Mal konsumieren. Die Anzahl der Meldungen hänge jedoch nicht von der Pilzsaison ab, da die meisten sich meldenden Konsumenten die Pilze nicht selbst gesammelt, sondern gekauft hätten.

Für die Spezialisten gelte es dann in Zusammenarbeit mit Pilzkontrolleuren herauszufinden, welche Pilze genau konsumiert wurden und ob eine ernsthafte Vergiftung vorliegt. Denn der Spitzkegelige Kahlkopf sei zwar schädlich für das Nervensystem, doch weitaus weniger gefährlich als andere kleine, spitzhütige Pilzarten.

«Uns bereiten besonders diejenigen Konsumenten Sorgen, bei denen trotz der Einnahme von vermeintlichen Psilocyben keine Halluzinationen auftreten», sagt sie. Denn es bestehe die Gefahr, dass die Psilocybe mit nierengiftigen Pilzarten verwechselt werden, wie beispielsweise dem Spitzgebuckelten Raukopf, dessen Konsum zu Nierenversagen führen kann. Schenk-Jäger erinnert sich an einen Fall in Deutschland, bei dem drei Jugendliche nach dem Konsum vermeintlich halluzinogener Pilze an einer Party mit Nierenversagen im Spital landeten.

Info:Auskunft von Tox Info Suisse unter 044 251 66 66. Notruf 145.

Berner Zeitung

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