«Der Kanton Bern könnte Vorbild sein»

Bern habe es verpasst, erneuerbare Energien rasch auszubauen, sagt Sara Stalder. Dadurch hätten viele Arbeitsplätze geschaffen werden können, ist die Konsumentenschützerin überzeugt.

Konsumentenschützerin Sara Stalder plädiert für mehr Selbstbewusstsein im Kanton Bern.

Konsumentenschützerin Sara Stalder plädiert für mehr Selbstbewusstsein im Kanton Bern.

(Bild: Monika Flueckiger/zvg)

Sandra Rutschi

Frau Stalder, was ist im Kanton Bern top?Sara Stalder: Bern ist ein abwechslungsreicher Kanton: Er bildet in vielen Belangen die Vielfalt der Schweiz ab. Eine geeig­nete Infrastruktur und unterschiedlichste Erwerbsmöglichkeiten stehen zur Verfügung, auch in abgelegenen Gebieten. Doch genau diese müssen sich immer wieder bemerkbar machen, damit sie nicht zu kurz kommen: Sparübungen bemerken ländliche Gegenden besonders bei der Gesundheitsversorgung, im Bildungssektor und beim öffentlichen Verkehr.

Was ist schlecht?Durch seine Vielfältigkeit und Grösse hätte der Kanton die beste Ausgangslage, Vorbildfunktionen zu übernehmen. Leider hat er es unter anderem bis jetzt verpasst, die erneuerbare Energie deutlich und rasch auszubauen: Dabei wären unzählige regionale Arbeitsplätze geschaffen worden. Zudem hätten tiefere Energiepreise die Haushaltportemonnaies entlastet. Und der Kanton wäre in diesem zentralen Bereich weitgehend unabhängig geworden, was auf die Zukunft gesehen sehr wichtig ist.

Wie lässt sich diese Situation verbessern?Mächtige Unternehmen, beispielsweise der Grosskonzern BKW, die über die Hälfte der öffentlichen Hand gehören, haben immer einen Zielkonflikt. In der Regel dominiert die kurzfristige finanzielle Sicht des Unternehmens. So erhalten die zukunftsweisenden Änderungen auch im Gesetzgebungsprozess zu wenig Gewicht. Schade, denn das sind verpasste Chancen für die nächste Generation. Hier bräuchte es eine Trennung der Finanzflüsse und Zuständigkeiten.

Was macht eine gute Regierung aus?Gute Entscheide trifft eine Regierung, wenn sie die Überlegungen aller Beteiligten miteinbezieht – ohne finanzielle Verstrickungen. Es braucht auch einen Blick in die Zukunft und langfristiges Denken dazu, für die unaufhaltsamen Veränderungen gewappnet zu sein. Eine gute Regierung beschreitet ab und zu einen unkonventionellen, neuen Weg, verpasst es aber auch nicht, Syn­ergien zu nutzen: Nicht jeder Kanton muss das Rad neu erfinden. Glücklicherweise haben in unserem politischen System die Innovation sowie die Nachahmung ihren Platz.

Braucht der Kanton die bürger­liche Wende?Es braucht Politiker in der Regierung, welche der Sache dienen und die bestmögliche Lösung suchen. Da sollte die Parteizugehörigkeit eine kleine Rolle spielen. Den Parteien kommt aber eine wichtige Funktion in unserem politischen System zu, daher sind standhafte Regierungspersonen gefragt. Das ermöglicht ihnen, auch gegen ein Parteibuch zu entscheiden. Da verschiedene Parteien finanziell von der Wirtschaft abhängig oder sonst verstrickt sind, verpflichten sie und ihre Exponenten sich leider allzu oft den Geldgebern statt den Bürgerinnen und Bürgern.

Das Interview mit Sara Stalder wurde schriftlich geführt.

Berner Zeitung

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