Der Guy Parmelin des Berner Juras

Pierre Alain Schnegg soll für die SVP den Jura-Sitz in der Berner Regierung erobern. Mit ihm könnten auch Linke leben, denn der Unternehmer aus Champoz gilt als kompromissbereit.

Regierungsratskandidat Pierre Alain Schnegg in seinem Wohnzimmer mit Kamera und einem seiner Bilder auf dem Laptopbildschirm.<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

Regierungsratskandidat Pierre Alain Schnegg in seinem Wohnzimmer mit Kamera und einem seiner Bilder auf dem Laptopbildschirm.

(Bild: Beat Mathys)

Von seinen beiden Terrassen oberhalb des Dorfkerns von Champoz überblickt Pierre Alain Schnegg einige Hügelzüge des Berner Juras. Im Autounterstand steht ein Jaguar, hinter dem Haus ein Jacuzzi. Das Interieur scheint fern von Protz, aber mit einer gewissen Etikette. Es ist offensichtlich, dass Pierre Alain Schnegg als Mitbegründer und Geschäftsleiter der Softwarefirma Solvaxis SA erfolgreich war.

Als Sohn eines Mechanikers aufgewachsen, absolvierte er die kaufmännische Lehre, später das Ingenieur- und das Managementstudium. Vier Kinder haben der 53-jährige Regierungsratskandidat der SVP und seine Frau Marcelle in ihrem Haus im 160-Seelen-Dorf grossgezogen. Nun leben sie alleine hier, sind vor drei Monaten erstmals Grosseltern geworden. Bilder des kleinen Nathan zieren Küche und Wohnzimmer im Haus der ehemaligen Krankenpflegerin und des Poli­tikers.

2014 hat Schnegg seine Firma verkauft. Heute ist er als Berater tätig und hat diverse Mandate inne, wie etwa schon seit längerem das Verwaltungsratspräsidium der Hôpital du Jura Bernois SA und der Kehrichtverwertungsunternehmen Celtor SA.

Nach dem Firmenverkauf ist er zudem in die Politik eingestiegen. Wurde Mitglied der SVP, Grossrat und Gemeinderat, «weil ich dieser Region und diesem Kanton, die mir so viel ermöglicht haben, etwas zurückgeben will». Nun möchte er mit der Gesundheits- und Fürsorge­direktion die wohl komplexeste Direktion über­nehmen.

Top in der Gesundheitspolitik

Freund wie Gegner traut ihm dies durchaus zu. Nicht nur Bürger­liche, sondern auch Politiker aus der Mitte und dem linken Parteienspektrum loben Schnegg als achtsamen und zuverlässigen Politiker, der andere Meinungen gelten lässt und nach Kompromissen sucht.

Wegen dieser Offenheit könnten Linke mit Schnegg im Regierungsrat besser leben als mit seinem Parteikollegen Lars Guggisberg, der einigen als Hardliner gilt.

Durch seine Mandate und das Präsidium des Bernjurassischen Rates ist Schnegg im Berner Jura bekannt. Von seinen Deutschschweizer Kollegen im Grossen Rat kennen ihn vor allem jene, die sich mit Gesundheitspolitik befassen. Diese aber attestieren ihm in diesem Bereich eine hohe Fachkompetenz sowie fundierte Kenntnisse in Finanzfragen. So sei er an der Spitze der Hôpital du Jura Bernois SA auf gutem Weg, mit den Psychiatrischen Diensten Biel-Seeland-Berner Jura eine gute Lösung für die psychia­trische Versorgung in der Region zu finden, sagt Barbara Mühlheim (GLP), die mit ihm in der Gesundheits- und Sozialkommission sitzt.

Und auch bei der Spitalstandortinitiative war es Schnegg, der mit einem Gegenvorschlag die Karten neu mischte – allerdings nicht nur zur Freude einiger seiner Parteifreunde.

«Was mich an der Politik interessiert, ist, Lösungen zu finden. Dazu muss man Kompromisse eingehen», sagt Schnegg. Dafür sei ein eigener Standpunkt nötig – aber auch das Eingehen auf die Meinung anderer. «Nur so kann man sich in der Mitte treffen.»

Wenig politische Erfahrung

Es gibt Politiker, die in Schnegg nicht unbedingt den SVP-Mann sehen, sondern einfach einen Bürgerlichen. Er sei kein Christoph Blocher, sondern eher ein Guy Parmelin – was vielleicht auch mit der frankofonen, lockereren Mentalität zu tun habe, sagt SP-Fraktionschef Michael Aebersold. Bürgerlich war Schnegg schon immer, wie auch der Rest seiner Familie. Sein Bruder politisierte für die SVP im Grossen Rat. Er selber trat aber erst 2014 der SVP bei, die für ihn für Sicherheit und Unabhängigkeit von der EU steht. «Meine Kinder waren mir einen Schritt voraus und haben mich auch motiviert, in dieser Partei politisch aktiv zu werden.» Eine seiner drei Töchter wurde im zarten Alter von 18 in den Gemeinderat von Champoz gewählt, und auch sein Sohn ist in der Partei aktiv.

Dass Schnegg wenig politische Erfahrung hat, wird zwar bemängelt, aber nicht nur negativ ausgelegt. Klar sei es von Vorteil, wenn jemand längere Exekutiv­erfahrung mit sich bringe, heisst es im Politumfeld. Doch seine Führungserfahrung in einem Unternehmen mit bis zu 140 Mitarbeitenden beeindruckt viele. «Um solch eine Firma aufzubauen und zu führen, braucht es viele menschliche, intellektuelle, fachliche und organisatorische Kompetenzen», sagt Anne-Caroline Graber (SVP), Präsidentin der Deputation.

Ausgleich mit der Kamera

Schnegg forderte letztes Jahr im Grossen Rat, in der Verwaltung 800 Stellen zu streichen – was 10 Prozent entspricht. Nur als unverbindlicher Prüfungsauftrag wurde sein Vorstoss überwiesen. Auch in der Gesundheits- und Fürsorgedirektion gebe es Luft, ist Schnegg überzeugt.

Ein SVP-Mann an der Spitze einer Direktion, die vor allem aus Sozialdemokraten besteht – das dürfte anspruchsvoll werden. Den Ausgleich sucht Schnegg jeweils in der Natur. Stress baut er ab, indem er den Shubunkin-Goldfischen zuschaut, die vor seinem Haus ihre Bahnen ziehen. Als sein Sohn noch zur Schule ging, haben die beiden den Teich gebaut – «ohne Maschinen», betont Schnegg, der sich sonst für alles Technische begeistert. So auch bei der Makrofotografie. Gemeinsam mit seiner Frau hält er auf Wanderungen Blumen und Insekten aus nächster Nähe fest. Allerdings seien die Sujets eher zufällig, denn um stundenlang darauf zu warten, bis eine Ameise in einen Blütenkelch krabble, fehle ihm die Geduld.

Lange muss sich Schnegg nicht mehr gedulden: Am 28. Februar ist klar, ob er den Sprung in die Regierung schafft – ausser, es gibt einen zweiten Wahlgang. Sein schärfster Konkurrent dürfte Roberto Bernasconi von der SP sein, der mit ihm und Patrick Gsteiger (EVP) um den Jura-Sitz streitet. Bei diesem zählen die Stimmen aus dem Berner Jura mehr als jene im deutschsprachigen Kantonsteil – ein Nachteil für den SVP-Mann, denn der Berner Jura wählt eher links. Schnegg nimmts gelassen: «Wir haben in dieser Region als Partei viel geleistet. Nun ist die Frage, ob die Wähler das auch so sehen. Wenn es klappt, wäre das schön.»

Berner Zeitung

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