Der geschwächte Präsident

BZ-Kommentar

Stefan von Bergen, Redaktor Kanton Bern, über Gottfried Lochers Wiederwahl.

Gottfried Lochers Position ist trotz seiner Wiederwahl geschwächt.

Gottfried Lochers Position ist trotz seiner Wiederwahl geschwächt.

(Bild: Keystone)

Der Berner Pfarrer Gottfried Locher hat sich gestern in einer demokratischen Ausmarchung um das Amt des obersten Schweizer Reformierten gegen die Zürcher Pfarrerin Rita Famos durchgesetzt. Die Dachorganisation der Schweizer Reformierten setzt also auf den bisherigen Kopf. Sie will offenbar, dass der smarte Kommunikator der Kirche weiterhin verleiht, was sie angesichts ihrer Schrumpfungskrise dringend braucht: Ein Gesicht und eine Stimme, die eine Botschaft zu vermitteln vermag.

Lochers Position ist aber trotz seiner Wiederwahl geschwächt. Denn der demokratischen Wahl von gestern ging voraus, dass eine innerkirchliche Minderheit Locher wochenlang mit ein paar immergleichen Vorwürfen eingedeckt hat. Man kann durchaus von einer Kampagne sprechen. Aufgrund von ein paar Äusserungen Lochers, die zum Teil Jahre zurückliegen, haben Kritiker und vor allem Kritikerinnen via Medien das Bild eines machthungrigen Kirchenoberen und Frauenverächters gezeichnet. Erst kurz vor der Wahl traten dann sich vorher bedeckt haltende Kirchenkreise an Rita Famos heran und ermutigten sie zur Gegenkandidatur.

Gottfried Locher ist zweifellos eine profilierte Figur, die bisweilen aneckt. Der brillant predigende Theologe spricht unverblümt auch heikle Themen wie den Reformstau in seiner reformierten Kirche an. Er macht keinen Hehl daraus, dass er dem rasanten Bedeutungsverlust der Kirche durch ein profiliertes Führungsamt entgegentreten will. Das wurde ihm von basisdemokratischen Kirchenkreisen als persönliche Ambition auf ein Bischofsamt ausgelegt.

Einige Äusserungen Lochers über Frauen können als stossend empfunden werden. Sie stehen aber in keinem Verhältnis zur diffamierenden Kampagne, der er ausgesetzt war. Vor allem der Vorwurf, Locher sehe es als Aufgabe von Frauen, Männer mittels Prostitution zu befriedigen und so friedlich zu stimmen, ist eine verallgemeinernde Zuspitzung. Locher hat in der entsprechenden Buchpassage keine solche Pflicht für Frauen formuliert. Seine offenen Worte über eine mögliche Wirkung der Prostitution gingen auf dem heiklen Feld der politischen Korrektheit offenbar vielen schon zu weit.

Vor der reformierten Kirche und Gottfried Locher stehen nun gleich zwei Herausforderungen. Sie müssen in einem Reformprozess vorankommen, der auch schmerzhafte Entscheide, Einschnitte und Zusammenlegungen verlangt. Und die zerstrittenen Kirchenfraktionen müssen zu einem Dialog finden, in dem klare Worte möglich sind und Gegensätze offen diskutiert werden können.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

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