Der gefrorene Boden im Alpenraum taut

Steinschläge und Felsstürze häufen sich in Zukunft, so das kantonale Amt für Wald. Wie sich der auftauende Permafrost auf den Fels auswirkt, ist im Einzelfall nicht einfach zu beantworten.

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Schlammlawinen bahnen sich ihren Weg vom Ritzlihorn durch den Spreitlauigraben. Immer mehr Felsbrocken füllen das ­Aarebett. So geschehen in Guttannen in den Jahren 2009, 2010 und 2011. Die Ursache: auftauender Permafrost, der Felsstürze auslöste. Ohne diese, so vermuten Experten, wäre es wohl nicht zu solch gewaltigen Murgängen gekommen.

Guttannen gehört zu den 30 Gemeinden im Kanton Bern, in denen Forscher Permafrost verorten. Gemeint ist damit Boden, der das ganze Jahr über gefroren ist. Typischerweise kommt er in Höhen ab 2400 Metern über Meer vor. Dabei entsteht Permafrost nicht nur im Fels, sondern auch in losem Material wie Schutt und Geröll.

Folgen des Klimawandels

Ereignisse wie Steinschläge, Fels­stürze oder Eislawinen häuften sich in Zukunft, schreibt das kantonale Amt für Wald in einem Bericht. Grund: die Klimaerwärmung. In diesem Zusammenhang wird oft der auftauende Permafrost für die Felsstürze verantwortlich gemacht.

Doch das sei oft ein Schnellschuss, sagt Nils Hählen von der Abteilung für Naturgefahren. Wie sich der auftauende Permafrost auf den Fels auswirke, sei im Einzelfall nicht einfach zu beantworten. Denn das Eis stabilisiere den Fels zwar, es schwäche ihn aber auch. «Natürlich gibt es Fälle, in denen tauender Permafrost für Felsstürze mitverantwortlich ist, aber nicht jeder wird dadurch ausgelöst.»

Zudem müsse man die Wirkung des Klimawandels differenzierter anschauen, erklärt Hählen weiter. Im Winter 2016/2017 herrschten tiefe Temperaturen, und es fiel wenig Schnee. «Solche Winter kühlen und können dem generellen Temperaturanstieg entgegenwirken.» Veränderungen des Klimas würden zudem zeitversetzt auf den Permafrost wirken. «Für die heutigen klimatischen Bedingungen gibt es wohl noch zu viel Permafrost.»

Gefahr vor Murgängen

Während die Auswirkungen im Fels schwierig vorherzusehen sind, warnt Hählen vor den Auswirkungen auf das lose Material. Denn wenn der Permafrost in diesem Material auftaut, steige die Gefahr von Rutschungen. «Gerät das losgebrochene Material ins Rutschen, entstehen schnell Murgänge.»

Im Kanton Bern haben Felsstürze und Murgänge aus Permafrostregionen kaum Folgen für besiedelte Gebiete. Gefährdet sind dafür Infrastrukturanlagen wie Kraftwerke, Stromleitungen oder Bergbahnen. In Guttannen war beispielsweise auch eine Gasleitung betroffen. Auch bei Kletter- und Wanderwegen sei stellenweise Vorsicht geboten.

Forschung über Permafrost

Die Forschung beschäftigt sich erst seit vergleichsweise kurzer Zeit mit Permafrost. Während Gletscher seit über 100 Jahren beobachtet und erforscht werden, entstanden erste Messstationen für Permafrost erst Anfang der Neunzigerjahre. Pionierarbeit wurde im Kanton Graubünden geleistet, später auch im Wallis.

Im Kanton Bern entstand Ende der Neunziger­jahre die erste und bisher einzi­ge Messstation am Schilthorn. «Über dementsprechend wenig Daten verfügen wir», erklärt Hählen. Somit liesse sich kaum etwas zur Entwicklung von Permafrost sagen.

Deshalb lancierte der Kanton Bern 2016 ein Monitoring-Projekt, das den Zustand des Permafrosts dokumentiert. Drei neue Messstationen seien seither entstanden, rund ein halbes Dutzend sollen es werden. «Wir wollen ein Gspüri für das Thema bekommen», sagt Hählen.

Erwärmung unter Oberfläche

Die Beobachtung von Permafrost sei jedoch schwierig. Zahlreiche Faktoren beeinflussen den gefrorenen Boden: die Beschaffung des Untergrunds, die Exposition, die Temperaturen oder der Niederschlag. «Permafrost kann deshalb im Abstand von wenigen Metern sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.»

Wo längere Messreihen vorliegen, zeige sich, dass es wärmer wird unter der Oberfläche. Doch ob es sich dabei um einen Trend handelt oder ob es lediglich Ausreisser waren, lasse sich noch nicht sagen. Das Monitoring sei eine Investition in die Zukunft. «Die Daten werden erst in 20 bis 30 Jahren wirklich von einem Nutzen sein.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.07.2018, 12:02 Uhr

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