Der Frisurengraben ist nicht sehr tief

Zeigt sich der Unterschied zwischen Stadt und Land bei den Frisuren? Ja, ein wenig schon. Stadtmenschen setzen auf klassisch, auf dem Land darf die Frisur eher etwas verrückt sein.

Inhaberin Margrit Hofer im Coiffeursalon Domino in der Stadt Bern: «Die Stadtkundinnen wissen genau, was sie wollen.»

Inhaberin Margrit Hofer im Coiffeursalon Domino in der Stadt Bern: «Die Stadtkundinnen wissen genau, was sie wollen.» Bild: Susanne Keller

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Trifft das weit verbreitete Klischee der Landfrau mit der «frechen» Frisur zu? Wird im ländlichen Coiffeursalon öfter eine Strähne in Pink oder Türkis verlangt als in der Stadt? Tragen Städterinnen gerne einen braven Bob, der auch grau sein darf?

Die Antwort ist Jein. Denn: Frisuren sind eher vom sozialen Milieu geprägt als vom Wohnort. Das sagt Margrit Hofer Bieri, die zusammen mit ihrem Bruder Peter Bieri in vierter Generation zwei Coiffeursalons führt: Domino Hair­style in der Stadt Bern, Coiffure Bieri in Trubschachen. Die Geschwister arbeiten einmal hier, einmal dort, das Personal ebenfalls.

Domino an der Genfergasse ist in gediegenem Schwarz-Weiss gehalten, obschon im Coiffeuralltag Farben im Mittelpunkt steht. «Heute setzt man auf Farbveränderungen, vor allem im Frühling», sagt Margrit Hofer und fügt an: «Blond ist nach wie vor im Trend.» Aber nicht simples Blond, sondern gerne mit Strähnchen von Weiss- über Rot- bis Dunkelblond. Blondieren ist in der Stadt und auf dem Land beliebt, obwohl immer wieder Brauntöne als Trend propagiert werden.

«Heute setzt man auf Farbveränderungen, vor allem im Frühling.»Margrit Hofer Bieri

Obschon Margrit Hofer nicht schwarz-weiss-malen will, räumt sie doch gewisse Unterschiede zwischen Stadt und Land ein. «In Trubschachen haben wir eher eine flippige Kundschaft, in Bern sind dagegen mehr Frisuren im Businessstyle gefragt.» Die 47-Jährige glaubt aber nicht, dass dieser Unterschied ländlich beziehungsweise städtisch geprägt ist.

«Wegen der Lage unseres Geschäfts kommen in Bern vorwiegend Menschen aus dem Bundeshaus oder von Banken und Versicherung zu uns, die auf klassische Frisuren setzen.» Für verrückte Looks gebe es in der Hauptstadt Salons, die sich darauf spezialisiert hätten.

Ihre weibliche Berner Kundschaft setze gerne auf Natur, färbe die Haare nicht bis ins hohe Alter, wisse vor allem genau, was sie wolle, sagt Margrit Hofer. «Das ist praktisch für uns.»

Dauerwelle verschwindet

Die Zeiten, wo sich grauhaarige ältere Frauen im Monat einmal eine klassische Dauerwelle machen liessen, sind in der Stadt und auf dem Land vorbei. Als junge Coiffeuse habe sie noch regelmässig Dauerwellen machen müssen, erinnert sich Margrit Hofer. «Heute sind es noch zwei oder drei pro Jahr. Wer das noch machen lässt, ist in der Regel über 80 Jahre alt.»

«Wir Coiffeusen schauen die Menschen ganzheitlich an und machen nicht einfach etwas, weil es Mode ist.»Margrit Hofer Bieri

Das Frisurenspek­trum sei breiter geworden. Die Haare werden typengerecht geschnitten und frisiert. «Wir Coiffeusen schauen die Menschen ganzheitlich an und machen nicht einfach etwas, weil es Mode ist.» Die Fotos in den Trendheften gäben einfach eine Idee, könnten dazu inspirieren, was dann angepasst an der Kundin, ausgeführt wird.

Beratung wird auf dem Land grössergeschrieben als in der Stadt. Das heisst, in Trubschachen werden Coiffeuse oder Coiffeur oft um Rat gefragt, um eine neue Idee. «Die Menschen auf dem Land sind offen für Neues und lassen sich auch gerne auf ein Experiment ein», sagt Margrit Hofer.

Das Vertrauen zählt

Dass die Ratschläge der Coiffeuse willkommen sind, zeigt sich am Beispiel von Susanne Stucki. Die Frau aus Schangnau sitzt im Salon Bieri in Trubschachen auf einem Stuhl. Sie lässt sich von Coiffeuse Rita Eichenberger die langen schwarzen Locken kämmen. Sie stört sich am hellen Haaransatz.

Auf dem Land ist Beratung gefragt: Im Salon Bieri in Trubschachen lässt sich Susanne Stucki von Rita Eichenberger die Haare schneiden. Bild: Nicole Philipp

Die Fachfrau rät zu dunkelblonden Mèches, die den Kontrast zwischen dunklem und hellem Haar ausgleichen. Susanne Stucki ist einverstanden und Rita Eichenberger beginnt zu arbeiten – eine typische Situation auf dem Lande. Man kennt und vertraut sich. Das komme allerdings auch in Bern vor, wendet die Chefin ein.

Stühle vom Grossvater

Margrit Hofer ist in Trubschachen aufgewachsen. Sie kennt fast alle Kundinnen und Kunden und weiss, wie sehr das Vertrauen zählt. «Jetzt, wo ich älter bin, schätze ich diese Atmosphäre», sagt sie und führt durch den Salon. Im hinteren Teil ist die Herrenabteilung mit drei alten eng­lischen Coiffeurstühlen. «Die hat noch mein Grossvater gekauft, sie sind mindestens 50 Jahre alt», sagt sie und zeigt auf die Wartestühle an der Wand, denn auf dem Land kommen Männer auch oft unangemeldet zum Coiffeur. Einige lassen sich die Haare nur von Hansueli Bieri schneiden, dem Vater der heutigen Saloninhaber. Er ist 77 und hilft noch immer regelmässig aus.

Jetzt ist auch Susanne Stuckis neue Frisur fertig. In ihren dichten Locken leuchten helle Strähnen. In diesem Fall ist das Klischee der Landfrau mit der «frechen» Frisur erfüllt. Obschon: Solche gibt es durchaus auch in der Stadt. So tief ist der Frisurengraben zwischen Stadt und Land nun auch wieder nicht.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 14.07.2017, 08:00 Uhr

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