Im Kanton Bern sind 850 Lehrstellen unbesetzt

Noch sind im Kanton Bern 850 Lehrstellen zu vergeben. Gewisse Branchen haben es besonders schwer, Nachwuchs zu finden. Negative Schlagzeilen oder Trends beeinflussen die Berufswahl.

Anpacken im Detailhandel: Pero Jakovic (l.) und Lorint Metaj lernen bei der Migros. Der Grossverteiler sucht noch Lernende und wirbt entsprechend um sie.

Anpacken im Detailhandel: Pero Jakovic (l.) und Lorint Metaj lernen bei der Migros. Der Grossverteiler sucht noch Lernende und wirbt entsprechend um sie. Bild: Beat Mathys

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Wer seinen künftigen Beruf in den Bereichen Gestaltung, Kunst oder Kultur sieht, findet für dieses Jahr keine Lehrstelle mehr. Ganz anders präsentiert sich dafür die Ausgangslage im Verkauf, der die Rangliste der noch offenen Lehrstellen anführt: Hier sind im Kanton Bern zu Beginn der Sommerferien noch 210 Stellen zu haben.

«Die Lehrstellensituation ist gesamthaft gut bis sehr gut. Aber: Manche Branchen haben Mühe, ausreichend Lernende zu finden.» Das sagt Peter Sutter, bei der kantonalen Erziehungsdirektion (ERZ) stellvertretender Leiter Abteilung Betriebliche Bildung. Eine dieser Branchen ist der Detailhandel und hier ins­besondere der Verkauf von Nahrungs- und Genussmitteln.

Ein wenig Werbung ist nötig

Beim Detailhandel muss man sich also etwas einfallen lassen, um Jugendliche für eine Lehre zu interessieren. «Um Lernende auf uns aufmerksam zu machen, ­führen wir Infoveranstaltungen durch oder sind an Berufsmessen präsent», sagt Andrea Bauer, Sprecherin der Migros Aare.

«Um Lernende auf uns aufmerksam zu machen, führen wir Infoveranstaltungen durch oder sind an Berufsmessen präsent.»Andrea Bauer
Migros Aare

Auch könnten Jugendliche während bis zu zwei Tagen den Beruf und den Betrieb kennen lernen. 303 Lehrstellen konnten bei der Migros Aare besetzt werden, 29 sind noch zu haben. Die Migros versucht Lernende auch damit zu motivieren, dass sie früh Verantwortung übernehmen können. So wird auch dieses Jahr wieder ein Projekt durchgeführt, bei dem Lernende eine Filiale leiten.

Insgesamt sind im Kanton Bern noch 850 Lehrstellen zu vergeben. Dass allein 218 vom ­Detailhandel gemeldet wurden, erstaunt Sutter nicht. Negative Schlagzeilen über die Schwierigkeiten der Branche oder die Schliessung von Geschäften würden die Jugendlichen eher von der Wahl des Berufs abhalten.

Umgekehrt seien gewisse Berufe im Trend und Lehrstellen dort Mangelware. Vor allem Jobs im kreativen Bereich seien gefragt: Grafikerin oder Goldschmied. «Auch für Berufe mit Tieren gibt es seit Jahren weniger Lehrstellen als Jugendliche, die sich bewerben.» Ein weiteres Problem: Wenn es zwar genügend Lehrstellen, aber keine guten Aussichten auf einen Job gibt, wie das bei Floristen der Fall ist.

Die Zahl der offenen Lehrstellen bewegte sich in den letzten Jahren immer im gleichen Bereich. Rekordjahr war 2013 mit 953 Lehrstellen, am wenigsten gemeldet waren 2015 und 2014 mit 603. Der Kanton bittet die ­Betriebe, offene Lehrstellen zu registrieren.

Verpflichtet sind Unternehmen dazu aber nicht. Dennoch bietet aus der Sicht von ­Sutter die Online-Lehrstellenbörse der ERZ einen guten und aktuellen Überblick. «Das System hat sich in den letzten Jahren etabliert.»

Was Jugendliche abschreckt

Nicht nur die Verkaufsbranche sucht noch Lernende. Am zweitmeisten offene Lehrstellen gibt es im Gastgewerbe (109). «Die unregelmässigen Arbeitszeiten oder Einsätze an Wochenenden schrecken Jugendliche ab, eine Ausbildung in diesem Bereich zu beginnen», sagt Sutter.

Die Ausnahme: Obschon man es auch als Köchin oder Koch mit den gleichen Arbeitsbedingungen zu tun haben kann, hält sich die Lehre seit Jahren unter den beliebtesten. Allerdings lernen viele den Beruf in einem Spital oder Pflegeheim.

Gewisse Berufe haben es auch deshalb schwer, weil sich Jugendliche nichts Konkretes darunter vorstellen können oder Vorurteile haben. Im Augenblick laufen deshalb im Kanton Bern mehrere Projekte, welche Schülerinnen und Schülern technische Berufe näherbringen sollen.

Dass sich solche Aktionen auszahlen, zeigt das Beispiel Fachfrau/Fachmann Gesundheit. Dafür wurde in den letzten Jahren die Werbetrommel gerührt, aktuell ist es im Kanton Bern die am zweithäufigsten gewählte Lehre.

«Es ist gar nicht so selten, dass die Last-Minute-Variante gewählt wird.»Peter Sutter
stv. Leiter Abteilung
Betriebliche Bildung

Es sei noch immer möglich, sich auf eine der 850 Lehrstellen zu bewerben, sagt Peter Sutter. Wer spät dran sei, müsse allerdings eine gewisse Flexibilität beweisen. Also zum Beispiel auf eine Lehre ausweichen, die nicht ganz zuoberst auf der persönlichen Liste stand.

«Lehrverträge können auch jetzt noch abgeschlossen werden, und es ist gar nicht so selten, dass die Last-Minute-Variante gewählt wird.» Manche Jugendliche hielten sich bewusst mehrere Möglichkeiten offen. Auch ein Zwischenjahr sei oft eine sinnvolle Lösung, sagt Sutter. Allein gelassen würden die Jugendlichen in diesem herausfordernden Lebensabschnitt nicht. Lehrpersonen oder die kantonale Berufsberatung unterstützen Jugendliche und Eltern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.07.2018, 18:42 Uhr

Neue Namen, neue Berufe

Auch bei Berufen kann die richtige «Verpackung» einiges bewirken – oder auf eine Veränderung des Berufsbildes hinweisen: So nennt man heute einen Käser Milchtechnologen, einen Abwart Fachmann Betriebsunterhalt oder einen Automechaniker Automechatroniker. Es werden auch neue Berufe geschaffen wie zum Beispiel derjenige des Systemgastronomiefachmanns bzw. der -fachfrau. Diese sind verantwortlich für die Organisation von Selbstbedienungsrestaurants, wie es sie in Kaufhäusern oder Raststätten gibt.

In der Schweiz prüft das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), ob ein neuer Beruf auf dem Markt Sinn macht und ob eine neue Berufsausbildung ­anerkannt werden kann. mm

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