Der charmante Stratege

SVP-Grossrat Lars Guggisberg soll den Sprung in den Regierungsrat schaffen. Er setzt sich vor allem fürs Sparen und für die Spitex ein. Als charmanter, offener Kollege ist er ein Sympathieträger. In der Sache aber gilt er als «knallhart».

Lars Guggisberg spielt leidenschaftlich gerne Fussball – derart geschickt, dass sogar der Zimmerpflanze im Wohnzimmer keine Gefahr droht.

Lars Guggisberg spielt leidenschaftlich gerne Fussball – derart geschickt, dass sogar der Zimmerpflanze im Wohnzimmer keine Gefahr droht.

(Bild: Andreas Blatter)

Sandra Rutschi

Viele Personen, mit denen man über SVP-Grossrat Lars Guggisberg spricht, sagen früher oder später diesen Satz: «Er sieht halt sehr gut aus.» Die meisten sehen darin einen Vorteil für den Re­gierungsratskandidaten, den die SVP gerne als Volkswirtschaftsdirektor sehen würde. Der Kirchlindacher sei zudem eine fröhliche Natur, nett, zuvorkommend, immer am Lächeln.

Persönlich scheint ihn deshalb fast jeder zu mögen, man diskutiert gerne mit ihm über Kindererziehung oder kickt mit ihm im grossrätlichen Sportclub.Doch häufig folgt gleich darauf ein «Aber»: Der Geschäftsführer der Sektionen Biel-Seeland und Lyss-Aarberg und Umgebung des Handels- und Industrievereins (HIV) sei ein «gewiefter Stratege» und «knallhart in der Sache».

Linke greifen zum Begriff «Hardliner», für Bürgerliche ist er «auf der Linie». Auch Grossrätin Nicola von Greyerz (SP) erlebt ihn so in der Zusammenarbeit in der Justizkommission – etwa bei den Richterwahlen. «Er verfolgt klare parteipolitische Interessen – und dies äusserst geschickt und zielstrebig.» Zur Freude seiner Partei, zum Ärger der Linken.

Die soziale Ader

Dabei sind einige Freunde der Guggisbergs Linke, wie Chantal Guggisberg am Wohnzimmertisch in ihrem Haus in Kirchlindach betont. Sie schätze es sehr, dass ihr Mann offen sei auch für politisch Andersdenkende, sagt die Sportlehrerin, die unterrichtet und für ein Schulsportprojekt bei Swiss Badminton zuständig ist. Alina (6) und Dario (4) sind bereits im Kindergarten – ihnen steht an diesem Tag der Besuch beim Schulzahnarzt bevor.

Sie haben aber laut ihrem Vater sehr gelassen das Haus verlassen. Wahrscheinlich würden sie sich dennoch lieber mit der Spielküche und dem orangen Lastwagen in der Ecke beschäftigen oder ein paar Sprünge auf dem Trampolin im Garten machen. Lars Guggisberg, der leidenschaftlich gerne Fussball und Tennis spielt, zieht vor allem bei den Ballspielen äusserst gerne mit.

Der 38-jährige Fürsprecher sieht sich nicht unbedingt als politischen Hardliner. Strategisches Verhandeln habe er in seiner Tätigkeit beim Bundesamt für Verkehr und in der Kommissionsarbeit in der Gemeinde Kirchlindach gelernt. Er sei «kompromissbereit» und suche «pragmatische Lösungen». Es ­erstaune ihn, wenn kritisiert wird, er mache sich speziell stark für die Durchsetzungsinitiative. Denn er sei zwar dafür, dass Kriminelle aus der Schweiz weggewiesen werden – doch die Initiative sei nicht sein zentrales Wahlkampfthema, da sie nicht die kantonale Ebene betreffe. Er habe zudem eine soziale Ader, was ­etwa sein Engagement im Stiftungsrat der Suchtklinik Südhang zeige. Nur wolle er im Sozialbereich aber auch fordern und nicht nur fördern.

Die Herzensangelegenheit

Eine Herzensangelegenheit ist für Guggisberg die Vorstandsarbeit im kantonalen Spitex-Verband. Als er vier Jahre alt war, zog seine Tante mit Downsyndrom zur Familie. Sie starb 2014, und gerade in den letzten Jahren ihres Lebens sei die Spitex enorm wichtig gewesen. «Das hat mich stark geprägt», sagt er. Und so wehrte er sich 2013 im Rahmen der Spardebatte erfolgreich ge­gen einen Teil der Kürzungen im Spitex-Bereich. Ein Widerspruch, findet EVP-Parteipräsidentin Christine Schnegg: «Er will immer sparen. Doch sobald es seinen eigenen Bereich betrifft, krebst er zurück.»

Guggisberg kontert: «Bei der Spitex zu sparen, macht auch finanzpolitisch keinen Sinn.» In Anbetracht der demografischen Entwicklung komme es den Kanton teurer, wenn er bei der Spitex spare. «Ein Platz im Heim kostet viel mehr Geld.»

Die Themen, die brennen

Anliegen zur Spitex ziehen sich als Konstante durch die rund 40 Vorstösse, die Guggisberg seit seiner Wahl in den Grossen Rat 2010 eingereicht hat. Wenn man seine Ratskollegen fragt, für welche politischen Schwerpunkte Lars Guggisberg stehe, überlegen etliche lange. Einigen fällt dann die Finanzpolitik ein, andere müssen erst die Liste der Vorstösse auf der Website des Grossen Rates aufrufen, um sich Guggisbergs Wirken in Erinnerung zu rufen. Und selbst dann ist es schwierig, nebst Finanz- und Spitex-Anliegen zu erkennen, was ihm wichtig ist.

Fragt man ihn selbst, nennt er sogar noch vor den Finanzen die Bildung – was überrascht, stammen doch seine letzten Vorstösse zur Bildungspolitik aus dem Jahr 2013 und sind wiederum mit Sparen verbunden. Zudem äusserte er sich zum Wahlkampfauftakt, dass man auch «bei der Bildung das Ausgabenwachstum bremsen» müsse. «Bildung ist mir sehr wichtig, sie ist unsere Ressource», sagt der Dozent für Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule Schweiz. «Aber sie soll effizient sein. Das heisst, wir sollten nicht in Administratives, in Studien und Schulversuche investieren, sondern in Lehrer und Lehrmittel.»

Ansonsten sind Guggisbergs Vorstösse sehr unterschiedlich. Er fordert mehr Stimmkraft für kleine und ländliche Gemeinden in Regionalkonferenzen, setzt sich für den Schutz für Bienenköniginnen ein, greift die Themen Reitschule Bern und BLS-Werk­stätte in Riedbach ebenso auf wie den Schutz vor Pädophilen im Internet und Herztransplantationen im Inselspital. Böse Zungen behaupten, er richte seine Vorstösse vor allem nach jenen Themen, die möglichst medienwirksam sind. Guggisberg lacht und schüttelt den Kopf: «Nein, sicher nicht. Das zeigt einfach, dass ich sehr vielseitig interessiert bin.»

Der FDP-Fraktionschef und HIV-Direktor Adrian Haas sieht dies positiv: «Lars Guggisberg greift halt jene Themen auf, die brennen.»

Der Support vom Vater

Am 28. Februar entscheiden die Wähler, ob sie Guggisberg das Regierungsratsamt zutrauen. Poli­tiker sind diesbezüglich unterschiedlicher Meinung. Natürlich habe er das Zeug dazu, sagen einige. Andere aber finden, ohne Exekutiverfahrung und mit erst 38 Jahren Lebenserfahrung sei der Zeitpunkt zu früh. Die SVP hätte besser ihren Fraktionschef Peter Brand nominiert, der in der parteiinternen Ausmarchung den Kürzeren zog, ist nicht nur aus BDP-Reihen zu hören. Und gerade im Berner Oberland unterstützen auch FDP-Leute sowie dem Vernehmen nach SVPler den lokal verankerten SP-Kandidaten Christoph Ammann.

Grossen Support erhält Lars Guggisberg hingegen aus seinem familiären Umfeld. Sein Vater Rudolf, der von 1998 bis 2007 selber für die SVP im Grossen Rat politisierte, suchte zum Beispiel auf Google Streetview die besten Plätze im Kanton aus, um Plakate für den Wahlkampf seines Sohnes zu platzieren. Plakate mit charmantem Lächeln, versteht sich.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt