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Der Bote hinkt seit 300 Jahren

Die Publikation der «Hinkende Bot» wird seit 300 Jahren jährlich einmal in Bern gedruckt. Die redaktionellen Beiträge haben sich geändert, das Erscheinungsbild aber kaum.

Die aktuelle Ausgabe für das Jahr 2018 – und der erste «Hinkende Bot» (rechts) für das Jahr 1718.
Die aktuelle Ausgabe für das Jahr 2018 – und der erste «Hinkende Bot» (rechts) für das Jahr 1718.
Stämpfli-Verlag/zvg

Am 5. und 6. Januar 2018 fällt Schnee, dann etwas Regen. Der Februar beginnt mild. Am 12. schneit es und wird sehr kalt. Am 23. Februar steht der Mond bei Aldebaren, dem roten Riesenstern im Sternbild Stier. Vision und Wirklichkeit, Bauernregeln und astronomische Tatsachen sind im Berner historischen Kalender der «Hinkende Bot» nahe beieinander.

Das Periodikum, das einmal jährlich erscheint, ist ein Phänomen. Es hat drei Jahrhunderte überlebt, und die inhaltlichen Elemente der Ausgabe für das Jahr 2018 sind in vielen Teilen mit jenen für das Jahr 1718 identisch.

Das Cover hat sich kaum verändert und ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch gleich geblieben. Auf der Rückschlagseite der aktuellen, 130-seitigen Ausgabe ist – wie vor 300 Jahren – das grosse Einmaleins in Pyramidenform abgedruckt.

Bereits 1896 mit Farbbildern

Der «Hinkende Bot» ist mehr als ein Kalender, worin auch sämtliche Waren-, Vieh- und Wochenmärkte aufgeführt werden. In einer jährlichen Retrospektive werden wichtige Ereignisse aus dem In- und Ausland publiziert, ergänzt mit redaktionellen Beiträgen zu unterschiedlichen Themen. Seit 1873 finden sich auch Werbeinserate im «Bot», damals etwa für ein neues Zahnpulver.

Bereits 1896 (!) wurden Bilder auch farbig gedruckt. Ein immer wiederkehrendes Element seit Erscheinungsbeginn fehlt allerdings seit der Ausgabe von 1825: Es handelt sich um das Aderlassmännchen, das Leserinnen und Leser darüber aufklärte, in welchem Monat an welcher Körperstelle der Aderlass gut oder schlecht sei.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Kalender noch eine bunte Mischung aus moralischen Geschichten, patriotischen Liedern, derben Schwänken, Verbrechen und geistreichen Witzen. Der «Hinkende Bot» bereicherte in den Anfängen die bescheidene Bibliothek unzähliger Haushalte in Stadt und Land – in denen eh nicht viel mehr als die Bibel und ein Gesangbuch zu finden waren.

Das Periodikum konnte sich gegen das Erscheinen der ersten Zeitungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts locker durchsetzen. Letztere richteten sich an ein exklusives Publikum und waren für den einfachen Mann zu teuer.

Eigentlich reicht die Geschichte der Kalender sowie die Figur des hinkenden Boten viel weiter als ins Jahr 1718 zurück. Kalenderdrucke gabs bereits im 15. Jahrhundert. Der Name «Hinkende Bot» geht auf Kriegsinva­lide aus dem Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) zurück, die als Hausierer auch für die Verbreitung von Kalendern sorgten.

Seit 1815 im Stämpfli-Verlag

Die Geburtsstunde des Periodikums namens «Hinkender Bot» war nicht in Bern, sondern um 1680 in Basel. Später kopierten Berner Drucker den Kalender. Unklar ist, wann die erste Berner Ausgabe erschien. Der Jahrgang 1718 ist der älteste im Archiv des Stämpfli-Verlages. Dieser «Bot» wurde aber noch nicht von Stämpfli gedruckt. Drucken durfte damals nicht, wer wollte.

Die Obrigkeit entschied über das «Kalenderdruck-Privileg». Dieses wurde 1815 Marie Albertine Stämpfli, Gottlieb Stämpflis 23-jähriger Witwe, erteilt. Sie druckte fortan nicht nur den «Bot», sie übernahm auch gleich die Redaktion. Der «Hinkende Bot» wird bis heute im Stämpfli-Verlag gedruckt. Auflage: 9000 Exemplare.

Ausstellung zur 300-jährigenKalendergeschichte in der Bibliothek Münstergasse, Bern (bis 25. März 2018. Neues Buch: «Die Brattig», 128 S., reich illustriert, von Norbert D. Wernicke, Stämpfli-Verlag; 29 Franken. Alle Berner «Hinkenden Boten» unter www.e-periodica.ch

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