Der beherzte Bern-Verteidiger

Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher (SP) kandidiert für seine dritte Legislatur. Wird er wiedergewählt, ist ihm ein Direktionswechsel ans Herz zu legen.

Quelle: Claudia salzmann
Jürg Steiner@Guegi

Wer als Wirtschaftsminister des Kantons Bern Lorbeer holen möchte, müsste sich mutig zum Fenster hinauslehnen, denn seine Gestaltungsmacht ist gering. Auf die wirtschaftliche Konjunktur hat der Volkswirtschaftsdirektor keinen Einfluss, und wenn grosse Unternehmungen Standortentscheide fällen, kann sein Auftreten die Chancen Berns zwar erhöhen. Verordnet eine Konzernzentrale den Wegzug ihrer Niederlassung aus Bern, ist der Berner Wirtschaftsminister indessen machtlos. Er sollte die Wirtschaftskraft des Kantons erhöhen, amtet aber gleichzeitig auch als Minister für Wald- und Landwirtschaft, wo man mit Reformgeist oft auf Granit beisst. Ein falsches Wort, und der Volkswirtschaftsdirektor steht im Gegenwind – selbst, wenn er erst geredet und noch gar nichts realisiert hat.

Das dichte Netz an Stolperdrähten bei gleichzeitig beschränkten Einflussmöglichkeiten muss den Volkswirtschaftsminister nicht a priori daran hindern, Spuren zu hinterlassen. Aber im Fall des Seeländer SP-Regierungsrats Andreas Rickenbacher (46), Vater zweier Töchter im Schulalter und erklärter Familienmensch, prägt diese Konstellation seine Performance. Seine grössten Taten fanden auf Papier statt, wo er selbst mit griffigen Formulierungen angenehm unverbindlich bleiben konnte.

Zögerlicher Umsetzer

Die Wirtschaftsstrategie 2025, die Rickenbacher 2011 vorlegte, ist sein gewichtigstes Werk. Sie enthält zwar eine bemerkenswert schonungslose Analyse der Faktoren, mit denen sich Bern wirtschaftlich selber bremst – etwa durch die Kleinparzellierung des Kantons in derzeit noch 362 Gemeinden. Die Strategie soll Bern wirtschaftlich vorwärtsbringen, sie will Bern als Cleantech-Standort stärken und den Wohlstand im Kanton, gemessen am verfügbaren Einkommen, erhöhen.

Das tönt zwar, zumal in Rickenbachers schneidigem Berndeutsch, kraftvoll und ambitioniert. Ob die Impulse, die er jetzt aus der Zentrale am Münsterplatz aussendet, dereinst überhaupt Resultate bringen, wird man erst 2025 beurteilen können, wenn die Ära Rickenbacher längst Vergangenheit ist. Bis jetzt vermittelt allerdings nicht einmal der Volkswirtschaftsminister selber den Eindruck, dass strategisches Denken die politischen Alltagsentscheidungen ernsthaft steuert.

Schlachtvieh, Saatkrähen

Rickenbacher, so scheint es, arbeitet mitunter angestrengt dafür, austarierte politische Positionen zu finden in seinem widersprüchlichen Amt. Das mag hohe Kunst sein, die aber wenig Zählbares bringt. Den Mut, mit klarer Haltung Widerspruch zu riskieren, bringt Sportsmann Rickenbacher selten auf. Dafür stellte er mehrmals politische Dehnbarkeit bis zum Spagat unter Beweis – etwa, indem er sich für eine innovative Berner Hochleistungswirtschaft ins Feuer redet und gleichzeitig für die Beibehaltung von Subventionen zur Schlachtviehvermarktung. Rickenbacher stärkte in dieser Legislatur das kantonale Aktionsprogramm für Biodiversität – gab aber mit der Revision der Jagdverordnung auch die Saatkrähen zum Abschuss frei.

Standfestigkeit beweist Rickenbacher am ehesten dann, wenn nicht ganz so viel auf dem Spiel steht. Bei der Debatte um das Waldgesetz, das er souverän ins Ziel brachte, geisselte er die Waldbesitzer als Schildbürger, weil sie eine Waldvignette für Biker und Reiter forderten. Zu Bauern findet er, dem das Image des streberhaften und erst noch linken Bürokraten vorauseilt, oft überraschend locker den Draht – und er scheut sich auch dann nicht, einer ökologischeren Landwirtschaft das Wort zu reden, wenn die Angesprochenen nur den Kopf schütteln. Auch die notorisch harten Schädel der Oberländer Touristiker weichte Rickenbacher wenigstens ein bisschen auf und erwärmte sie immerhin dafür, die Zahl der vermarkteten Destinationen zu reduzieren.

Kundiger Ökonom

Andreas Rickenbacher ist einer der wenigen Sozialdemokraten mit ökonomischem Sachverstand, was ihm bei Genossen und grünen Bündnispartnern indessen nicht nur Freunde verschafft. Wirklich im Element ist er, wenn die Flughöhe der politischen Debatte etwas höher ist – seit kurzem etwa als Präsident der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren. Als beherzter, aber gleichzeitig differenziert argumentierender Verteidiger des Wirtschaftsstandorts Bern bietet Rickenbacher Bashern aus steuergünstigen Kantonen, die Berns hohe Bezüge aus dem Finanzausgleich kritisieren, wiederholt erfolgreich Paroli.

Talent nicht ausgeschöpft

Man wünschte sich, Rickenbacher, der Widerrede mitunter zu persönlich nimmt, würde auch innerhalb des Kantons öfter und leidenschaftlicher zu diesem Klartext finden. Als (inzwischen abgetretener) Co-Präsident brachte er den uninspiriert wirkenden Verein Hauptstadtregion Schweiz, der Bern zwischen den Metropolitanachsen Zürich–Basel und Genf–Lausanne zu mehr Gewicht verhelfen sollte, nicht vom Fleck.

Man wird den Eindruck nicht los, Rickenbacher sei zwar gerne Magistrat, schöpfe sein Potenzial und sein Talent aber nicht aus. Das mag an der limitierten Bedeutung seiner Direktion liegen – aber wohl nicht nur. Wenn er auf ausbleibende Resultate seines politischen Wirkens angesprochen wird, ist er sehr schnell mit der bürgerlichen Grossratsmehrheit als Hinderungsgrund zur Stelle. Er suggeriert damit, mehr zu können, wenn man ihn nur liesse.

Finanz- oder Sozialminister?

Als Andreas Rickenbacher vergangenen Sommer seine erneute Kandidatur bekannt gab, kokettierte er damit, wie intensiv er Jobalternativen in der Privatwirtschaft evaluiert habe. Man kann sich deshalb fragen, ob er wirklich die Verve hat, in der engmaschigen Welt der Berner Politik noch vier Jahre Gas zu geben. Den Beweis, dass mehr in ihm steckt, als er als Volkswirtschaftsdirektor zeigt, kann er nur antreten, wenn er nach seiner Wiederwahl in die gewichtigere Finanzdirektion oder die mit schwierigen Dossiers beladende Sozialdirektion wechseln würde.

Berner Zeitung

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