Lengnau

Der Bau der Fabrik in Lengnau stockt

Lengnau Rundgang auf der grössten Fabrikbaustelle im Kanton Bern: Die Gebäude des neuen Werks von CSL Behring stehen. Doch den Innenausbau hat die neue Chefin vorerst gestoppt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist kein Prunkbau, aber sehr eindrücklich sind die Dimensionen des neuen Werks von CSL Behring in Lengnau. Auf einem Grundstück von 140 000 Quadratmetern, das entspricht etwa zwanzig Fussballfeldern, darf das auf Biotherapeutika spezialisierte Unternehmen eine Fabrik bauen. Hier im Lengnaumoos am Fuss des Jura unweit der Autobahn Biel–Solothurn. Investitionen von rund 1 Milliarde Franken hat CSL Behring veranschlagt. Mehr als 300 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Die Chefin dieses Standorts, Susanne Jecklin Leuenberger, empfängt uns im Besucherzentrum. Es befindet sich bislang noch in Baucontainern im Norden der Anlage, dort wo künftig die Parkplätze sind. Jecklin ist seit Februar 2018 definitiv Standortleiterin. Sie folgte auf Uwe E. Jocham, der im letzten Juni das Unternehmen überraschend verliess und Präsident der Insel-Gruppe wurde. Nach dem abrupten Abgang übernahm Jecklin die Leitung zuerst ad interim.

Schon viel ist gebaut

Mit Helm, Schutzbrille, Warnweste und Sicherheitsschuhen ausgerüstet, führt sie uns durch das Gelände. Zuerst am Verwaltungsgebäude vorbei. Hier können wir nicht hinein, weil gerade Böden eingebracht werden. Stattdessen führt Jecklin ganz in den Süden, wo sich Anlieferung, Warenlager und Versorgungszentrum befinden. Die Besucher müssen durch ein Drehkreuz, um in das umzäunte Gelände zu gelangen.

Die Umgebungsarbeiten sind noch nicht fertig, sondern erfolgen am Schluss. Darum ist es noch ein bisschen dreckig draussen und der Boden feucht, weil das Wasser schlecht abläuft. 2600 Pfähle wurden rund 17 Meter in den Boden gerammt, die im Lengnaumoos ein stabiles Fundament legen.

«Wir prüfen, wie die Produktion in Lengnau ergänzt und optimiert werden könnte.»Susanne Jecklin Leuenberger

Die Anlieferung und das Warenlager stehen im Süden des Komplexes, weil sie so am nächsten zur Autobahn liegen. Die Produktion wird viel Strom, gereinigtes Wasser und Klimatisierung benötigen. Deshalb erstellte CSL Behring eine eigene, imposante Versorgungsanlage. Dazu gehören zehn Kältemaschinen, Pumpen und vier Speichertanks, die drei Stockwerke hochragen und je 50 000 Liter fassen. In drei Kesseln kann Dampf erzeugt werden. Unzählige Rohre werden verbaut.

Die Fabrik benötigt derart viel Strom, dass nicht mehr Kabel eingebaut werden, sondern besonders leitungsfähige Kupferschienen. Sie können bis zu 1250 Ampère transportieren, das entspricht dem Energiebedarf von circa 50 Einfamilienhäusern. Für die Produktion sind Reinräume geplant. Hier müssen Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant sein, damit Keime und Partikel in der Luft und somit Verunreinigungen der Produktion ver­mieden werden können.

Produktion neu konzipieren

Drei Jahre nach dem Spatenstich stehen die Gebäude der ersten Etappe im Rohbau, seit Ende 2017 sind die Fassadenarbeiten abgeschlossen und die Gebäude damit wetterfest. Der Grundriss der Anlage sieht aus wie ein Doppel-H: ein Trakt für Verwaltung, Kantine und Gemeinschaftsbereiche, ein weiterer Trakt für Produktion und Abfüllung und ein dritter Trakt für Warenlager und Versorgung. Diese sind über einen Mittelgang verbunden. Er heisst Spine (Rückgrat) und verbindet die Gebäude auf den drei Etagen Keller, Erdgeschoss und Obergeschoss.

Die Gebäude könnten grosszügig ausgebaut werden. Sowohl in die Höhe – die Statik ist darauf ausgelegt und die Baubewilligung vorhanden – als auch in die Breite. Im Süden hat es Platz für den Bau weiterer Gebäude.

Im Moment ist Baustopp.Source

Die Geschossfläche der ersten Etappe beträgt 56 000 Quadratmeter. Über 120 000 Tonnen Beton und 7000 Tonnen Armierungsstahl wurden verbaut. Dabei bleibt es im Moment. Der Rundgang findet zwar über Mittag statt. Ein einzelner Bauarbeiter, der etwas schleifen will, wird vom Vorarbeiter zur Mittagspause zurückgepfiffen. Aber auch danach läuft auf der Baustelle fast nichts.

Im Moment ist Baustopp. Die Räume für Produktion und Abfüllung sind noch leer. Laut Jecklin prüft man zurzeit, wie die Produktion in Lengnau ergänzt und optimiert werden könnte, um der grossen Nachfrage nach biotherapeutischen Produkten von CSL Behring gerecht zu werden. Damit die nötigen Anlagen und Installationen dafür passen würden, wird der Innenausbau unterbrochen und überprüft.

Gentechnik für Bluter

Während CSL Behring in Bern mit über 1400 Mitarbeitenden Medikamente aus menschlichem Blutplasma herstellt, wurde das Werk in Lengnau für die Fabrikation von rekombinanten Gerinnungsfaktoren konzipiert. Diese werden in gentechnisch angepassten Zellkulturen hergestellt, bei denen eine Originalzelle von Mäusen so verändert wird, dass sie die gewünschten Proteine produziert.

Der Produktionsstart soll
2021 erfolgen.
Source

Damit können Bluter gegen ihre lebensbedrohlichen Gerinnungsstörungen behandelt werden. Ein Insider sagt, es würden ergänzende Alternativen zu diesem Produkt gesucht, ein anderer hält fest, dass die Neukoordination mit den Baufirmen aufwendig sei.

Das Werk sollte ursprünglich 2020 betriebsbereit sein und unabhängig vom Standort in Bern agieren. Jetzt ist der Produktionsstart im Jahr 2021 geplant. Für den relativ schwach industrialisierten Kanton Bern soll das riesige Werk ein Vorzeigeprojekt sein. Und speziell für die Region Biel ein weiteres Zeichen, dass sie attraktiv ist für globale Unternehmen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.04.2018, 07:18 Uhr

«Wir müssen das Bauprojekt nun in die richtigen Bahnen lenken»

Frau Jecklin Leuenberger, Sie sind seit Februar Leiterin des Standorts von CSL Behring in Lengnau und damit die Nachfolgerin von Uwe E. Jocham, der Präsident der Insel-Gruppe wurde. Wie haben Sie den abrupten Führungswechsel erlebt?
Susanne Jecklin Leuenberger: Uwe E. Jocham hat grosse Fussstapfen hinterlassen. Nach dem abrupten Abgang im letzten Frühling benötigte ich als Standortleiterin ad interim mit dem Team fast eine halbjährige Konsolidierungsphase, bis wir wussten, wer welche Aufgabe übernehmen kann. Wir mussten uns einarbeiten und das Projekt von Grund auf durchleuchten.

Wir sind hier auf der grössten Fabrikbaustelle im Kanton Bern. Wo genau stehen Sie beim Aufbau des neuen Standorts?
Wir haben die Gebäudestrukturen fertig aufgebaut. Die Gebäude sind wetterfest. Für die Versorgung mit Energien – also mit Warmwasser, Kaltwasser, Dampf und Strom – sind die Grundausstattungen installiert. Im Verwaltungstrakt werden derzeit die Böden verlegt. Und im Produktionsgebäude sind wir am Detaildesign der Installationen.

Was sind das für Details?
Es geht um die Anordnung der Reinräume für die Produktion, um die Verrohrung, die Belüftungsschächte, die Elektroinstallationen und so weiter. Wenn das Konzept steht, können wir bei den Lieferanten die Ausführungspläne bestellen. Wir gehen davon aus, dass wir Mitte nächstes Jahr den grössten Teil der Systeme vollständig eingebaut haben für unser erstes Produkt.

Wie viel sind Sie inzwischen vom Zeitplan abkommen?
Wir haben letzten November einen neuen Zeitplan an die CSL-Konzernleitung kommuniziert. Dieser gilt weiterhin. Gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan sind wir rund neun Monate im Rückstand bisher. Hauptsächlich wegen der halbjährigen Konsolidierungsphase.

Der Zeitrückstand bis zur Inbetriebnahme könnte also noch grösser werden?
Die neun Monate sind eine Momentaufnahme, ja. Wir überprüfen die gesamten Installationen für einen erweiterten Verwendungszweck der Fabrik. Neben den rekombinanten Produkten zur Behandlung der Bluterkrankheit sollen weitere Produkte von CSL hier hergestellt werden. Wir wollen unsere Infrastrukturen bestmöglich nutzen, schliesslich investieren wir rund 1 Milliarde Franken. Insbesondere für die Verrohrung, Leitungen und die Elektroinstallationen muss die Planung mit Blick auf zusätzliche Aktivitäten korrigiert werden.

«In gewissen Bereichen wie zum Beispiel im Labor ist es schwierig, die nötigen Spezialistinnen und Spezialisten zu finden.» Susanne Jecklin Leuenberger



Das heisst, es gibt nun einen Baustopp?
Für ein paar Wochen legen wir eine Baupause ein. Aber es kann dann schnell weitergehen. Denn gegen vier Fünftel der Prozessausrüstung und Einrichtungen für rund 340 Millionen Franken sind bereits bestellt.

Machen Sie Herrn Jocham Vorwürfe, hat er ein Chaos hinterlassen?
Nein, unsere Aufgabe als Führungsteam ist nun, das Bauprojekt in die richtigen Bahnen zu lenken.

Wann soll die Anlage fertig sein?
Betriebsbereit soll die erste Etappe im Jahr 2020 sein. Das heisst, dass alle Installationen abgenommen sind und wir erste Testläufe für kommerzielle Produkte fahren können. September 2021 ist dann aus heutiger Sicht der frühestmögliche Zeitpunkt für die Zulassung unseres ersten rekombinanten Produkts aus Lengnau für die USA.

Sind Sie zufrieden mit der Wahl des Werkstandorts am Rande des Kantons Bern in Lengnau?
Ja, sehr. Das Kernteam konnte problemlos beginnen. Wir haben eine sehr geringe Fluktuation. CSL hat einen guten Namen, und wir finden Fachkräfte. In gewissen Bereichen wie zum Beispiel im Labor ist es aber schwierig, die nötigen Spezialistinnen und Spezialisten zu finden.

CSL Behring zahlt offenbar während den ersten zehn Jahren hier keine Unternehmenssteuern; das ist aber hoffentlich nicht das einzige Kriterium und CSL Behring wird darüber hinaus hier bleiben?
Wir investieren langfristig, und unser Standort ist auch innerhalb des CSL-Konzerns eine Produktionsstätte für die Zukunft. Wir haben den Auftrag, eine hoch automatisierte Fabrik zu realisieren, und zwar nicht nur in der Produktion, sondern auch in den Labors und den Geschäftsprozessen. Und dennoch sind über 300 Arbeitsplätze geplant.

Wie werden die Zusammenarbeit und der Austausch mit dem Standort Bern sein?
Die Standorte müssen separat ­geführt werden, schon nur aus rechtlichen Gründen. Wir werden aber Synergien nutzen bei Personalreglement und Vergütungen, bei Verwaltungsauf­gaben wie Rechnungsverarbeitung sowie eventuell auch bei Laboratorien.

Die Chefin

Susanne Jecklin Leuenberger ist im Jahr 2016 zu CSL Behring gestossen als Leiterin Qualität. Dabei ging es auch um den Aufbau der Laboratorien. Nachdem der langjährige Direktionspräsident Uwe E. Jocham das Unternehmen im Juni 2017 abrupt verlassen hatte, leitete sie den Standort Lengnau zunächst ad interim. Seit Februar 2018 hat die 46-Jährige diese umfangreiche Aufgabe definitiv inne. Jecklin hatte in Burgdorf das Gymnasium besucht und studierte an der Universität Bern Biologie und Biochemie. In Bern und St. Gallen absolvierte sie verschiedene Managementausbildungen. Jecklin arbeitete unter anderem für Nestlé, ­Celgene, für die heute zu CSL gehörende ZLB Bioplasma und für Novartis. Sie ist verheiratet und wohnt in Lugnorre FR am Murtensee.(jw)

Artikel zum Thema

CSL Behring will in Bern 250 Millionen investieren

Bern Das Pharmaunternehmen CSL Behring will in den nächsten Wochen mit dem Bau einer neuen Fabrik beginnen. Mehr...

CSL Behring will künftig beim Inselspital forschen

Das Pharmaunternehmen CSL Behring will im Neubau der Sitem-Insel ein Forschungszentrum für Biologika aufbauen. 50 Mitarbeiter sollen dort künftig tätig sein. Mehr...

Uwe Jocham verlässt CSL Behring

CSL Behring Einer der bekanntesten Manager im Kanton Bern gibt seinen Chefposten auf: Uwe E. Jocham hat das Pharmaunternehmen CSL Ende Mai verlassen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog Die Diktatur der Frühaufsteher

Tingler Das Alter als Wahl

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...