Der Aufschwung bei den Berner Löhnen ist dürftig

Die grössten Arbeitgeber im Kanton halten sich trotz des Wirtschaftsaufschwungs mit spürbaren Lohnerhöhungen zurück. Um knapp 1 Prozent steigen die Lohnsummen im Schnitt der Unternehmen und Verwaltungen.

<b>Am Schluss bleibt kaum mehr im Portemonnaie:</b> Teuerung und höhere Krankenkassenprämien zehren an den Lohnerhöhungen.

Am Schluss bleibt kaum mehr im Portemonnaie: Teuerung und höhere Krankenkassenprämien zehren an den Lohnerhöhungen. Bild: Michal Ludwiczak (iStock)

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Der Wirtschaft geht es gut: Der Frankenschock ist weitgehend verdaut, bei vielen Unternehmen steigen die Gewinne, und Aktionäre können teils rekordhohe Börsenkurse und Dividenden ­geniessen.

Die Schweizer Wirtschaft ist laut Ökonomen im letzten Jahr teuerungsbereinigt um etwa 1 Prozent gewachsen und dürfte 2018 gar um 2 Prozent zulegen. Steigen nun auch die Löhne, profitieren die Angestellten vom Aufschwung? Nur bedingt. Das zeigt eine Umfrage dieser Zeitung bei den grössten Arbeitgebern im Kanton Bern.

Die Mehrheit der Unternehmen und Verwaltungen gewährt Lohnerhöhungen von 0,5 bis rund 1 Prozent. Dies nicht für alle, sondern individuell.

Der typische Lohnabschluss

Typisch für viele Unternehmen ist die Antwort von Galenica. Der Stadtberner Apothekenbetreiber und Gesundheitsprodukte-Logistiker stellt 1 Prozent der Lohnsumme für individuelle Erhöhungen zur Verfügung. «Individuelle Lohnerhöhungen sind leistungsbezogen oder stehen im Zusammenhang mit einem Funktionswechsel», heisst es.

Auf dem Bau sind die Lohnverhandlungen gescheitert. Es droht eine Nullrunde. Doch es gibt Ausnahmen. Das Thuner Bauunternehmen Frutiger etwa hat selber eine Erhöhung der Lohnsumme für individuelle Massnahmen von 0,5 Prozent beschlossen.

Zu den grossen Arbeitsplatzschaffern im Kanton gehört die Biotechnologiefirma CSL Behring. Sie hat in Bern ausgebaut und stellte erste Mitarbeitende im neuen Werk in Lengnau ein. Zudem erhöhte sie die Löhne für das laufende Geschäftsjahr in­dividuell um durchschnittlich 2,2 Prozent.

Prämie für V-Projekt

Speziell ist auch der Lohnabschluss bei den Jungfraubah­nen: Die Mitarbeitenden ohne Besitzstandgarantie erhalten eine generelle Lohnerhöhung von 0,8 Prozent. Zudem stellt die Oberländer Bahnengruppe 0,5 Prozent der gesamten Lohnsumme bereit für Erhöhungen bei Angestellten unter 25 Jahren respektive bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern «mit Aufholpotenzial».

Hinzu kommt eine Prämie von 1000 Franken, falls die Gruppe die Baubewilligung für die ­V-Bahn erhält. Der Bau der Gondelbahn hat sich wegen des Widerstands von Anwohnern und Naturschützern verzögert.

Lohnumfrage 2018: Zwischen einem halben und zwei Prozent mehr Klicken Sie auf die Tabelle, um diese zu vergrössern.

Der Baumaschinenhersteller Ammann wiederum hatte im letzten Mai zwar angekündigt, in Langenthal weitere 130 von damals noch 420 Arbeitsplätzen ­abzubauen. Das Unternehmen stimmte dann aber einem Sozialplan für Betroffene zu und erhöht nun die Löhne um 1,1 Prozent – die Hälfte dieses Aufschlags erfolgt generell für alle.

Diverse Unternehmen haben die Lohnverhandlungen noch nicht abgeschlossen. Sie warten den Jahresabschluss ab. Das gilt auch für den Medienkonzern Tamedia, zu dem diese Zeitung gehört.

Er hatte die Löhne per 1. April letzten Jahres um 0,6 Prozent erhöht, allerdings individuell und in Abhängigkeit der einzelnen Bereiche. Bei Tamedia und auch bei den Banken fällt zudem auf, dass sie Arbeitsplätze abbauen. Weitere Unternehmen wie Adval Tech oder die Gebäudeversicherung schweigen sich über ihre Lohnrunden aus.

Teuerungsausgleich gefordert

Für den Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse ist die Lohnrunde 2018 ungenügend. Mit Lohnerhöhungen zwischen 0,5 und 1 Prozent würden die Arbeitnehmenden real kaum mehr Geld im Portemonnaie haben.

Denn die allgemeine Teuerung und steigende Krankenkassenprämien frässen Lohnerhöhungen auf, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik. Ziehe die Inflation weiter an, würden flächendeckende generelle Lohnerhöhungen zum Erhalt der Kaufkraft umso wichtiger.

2017 belief sich die Jahresteuerung auf 0,5 Prozent. Dies nach Jahren, in denen insbesondere die Preise von Importgütern wegen der Frankenstärke gesunken waren.

2016 sank das Schwei­zer Preisniveau im Schnitt um 0,4 Prozent, 2015 gar um 1,1 Prozent. Selbst bei stabilen Löhnen stieg damals die Kaufkraft. Doch nun ist die Teuerung wieder da. Vor allem weil der Franken etwas schwächer ist.

Automatismus verschwunden

Aus den meisten Gesamtarbeitsverträgen ist der automatische Teuerungsausgleich verschwunden. Und auch in den Lohnverhandlungen seien gewisse Automatismen für den Teuerungs­ausgleich etwas eingeschlafen, räumt Daniel Lampart, Chef­ökonom des Schweizerischen ­Gewerkschaftsbundes, ein. Das müsse sich ändern. Denn wer früher als Arbeitgeber keinen Teuerungsausgleich gewährte, sei als geizig dagestanden.

«Wenn früher ein Arbeitgeber keinen Teuerungsausgleich gewährte, stand er als geizig da. Das muss wieder so werden.»Daniel Lampart, Gewerkschaftsbund

In der Uhrenindustrie dagegen ist gemäss Gesamtarbeitsvertrag der Teuerungsausgleich weiterhin per Ende August zu regeln. Das heisst, dass Marktführer Swatch Group allen Mitarbeitenden mindestens die Teuerung von 0,5 Prozent ausgleichen wird. Der Bieler Konzern betont zudem, dass die Swatch Group 2016 in einem weniger positiven Wirtschaftsumfeld alle Arbeitsplätze beibehalten habe.

Warum aber steigen nun die Löhne allgemein nicht stärker, wo die Arbeitslosigkeit sinkt und die Zahl der ausgeschriebenen Stellen steigt? Gewerkschaftsökonom Lampart sieht nicht den Lohndruck ausländischer Arbeitnehmer oder die Digitalisierung als Hauptursache. Er verweist auf Arbeitgeber und Manager, die oben die Löhne viel stärker erhöhen als unten.

Zudem seien auch die Arbeitszeiten erstmals seit über 100 Jahren wieder erhöht worden. Dies trotz weiteren Fortschritten bei der Produktivität.

«Im Durchschnitt arbeiten die Vollzeiterwerbstätigen heute fast eine halbe Woche pro Jahr mehr als vor fünf Jahren», sagt Lampart. Angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs müsse die 40-Stunden-Woche wieder zum Referenzwert werden.

Arbeitgeber erklären sich

Der Schweizerische Arbeitgeberverband entgegnet, der Gewerkschaftsbund habe bei der Arbeitszeit das Jahr 2013 mit dem Schaltjahr 2016 verglichen. Allein durch den Schalttag sei die tatsächliche Jahresarbeitszeit im Vergleich mit normalen Jahren um acht Stunden gestiegen. Um Feiertage und Schaltjahre bereinigt sei die tatsächliche Wochenarbeitszeit leicht gesunken. Zudem steige die Ferienzeit je Arbeitnehmer.

«Wir sehen bei den Löhnen keinen Nachholbedarf.»Fredy Greuter, Arbeitgeberverband

Das Ergebnis der Lohnerhöhungen ist gemäss dem Arbeit­geberverband wie erwartet ausgefallen. «Man kann nichts verteilen, wenn man noch nichts ­verdient hat», sagt Mediensprecher Fredy Greuter.

Laut einer Erhebung der Industriestaatenorganisation OECD sei die Schweiz beim Produktivitätsfortschritt an den Schluss der Rangliste abgerutscht. Würden die Firmen jetzt die Löhne stärker erhöhen, würden sie an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Der Arbeitgeberverband sieht bei den Löhnen keinen Nach­holbedarf, wie Greuter festhält. Schliesslich seien die Löhne real wegen der negativen Teuerung in den letzten Jahren spürbar gestiegen. Aber: «Wir sind am Anfang eines Aufschwungs.» Womöglich erhöht sich also der Spielraum für deutlichere Lohnerhöhungen im nächsten Jahr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2018, 09:13 Uhr

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