Zum Hauptinhalt springen

Das Problem der Kirche beginnt in den Familien

Die aktuelle Debatte über Kirche und Staat zeigt, dass die Kirche in der heutigen Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Religiöse Themen seien dennoch für viele wichtig, so Pfarrer Martin Koelbing, derweil Professorin Isabelle Noth mahnt: Die Kirche müsse selbstbewusst zu ihren Werten stehen.

Klettern, rutschen, rennen schaukeln: Die Kinder geniessen die Pause im Park des Kirchlichen Zentrums Heiliggeist.
Klettern, rutschen, rennen schaukeln: Die Kinder geniessen die Pause im Park des Kirchlichen Zentrums Heiliggeist.
Iris Andermatt
«Wie soll ein junger Erwachsener etwas beurteilen, das er gar nicht kennt?» – Isabelle Noth
«Wie soll ein junger Erwachsener etwas beurteilen, das er gar nicht kennt?» – Isabelle Noth
Manu Friederich
«Das kirchliche Leben ist bunter und engagierter geworden.» – Martin Koelbing
«Das kirchliche Leben ist bunter und engagierter geworden.» – Martin Koelbing
Andreas Blatter
1 / 3

Ostern? Viele schütteln nur ratlos den Kopf, wenn sie erklären sollen, was an den zurückliegenden Feiertagen genau geschehen ist. Unter Weihnachten, der Geburt von Jesus, kann man sich ja etwas vorstellen.

Dass der gleiche Jesus nach seinem Kreuzestod an Karfreitag aber auferstanden sein soll, ist dagegen kaum mehr nachvollziehbar. Wenn es überhaupt noch bekannt ist – Umfragen zeigen, dass immer weniger Leute wissen, warum im Frühling ein verlängertes Wochenende lang die Arbeit ruht.

In einer Zeit, in der der Kanton Bern über das Verhältnis von Kirche und Staat diskutiert, lässt das aufhorchen. Erst Ende März hat der Kanton den lange erwarteten Bericht zum Thema vorgestellt und klargemacht, dass er die Kirchen auch in Zukunft mitfinanzieren will.

Ungeachtet dessen, dass das Wissen um die christlichen Traditionen auf breiter Front bröckelt. Und damit auf einen Schlag klar wird, wie sehr sich die Gesellschaft bereits von der Kirche entfernt hat.

Nur zu rasch erfolgt vor diesem Hintergrund in kirchlichen Kreisen die Klage, der Glaube werde halt in den Familien nicht mehr so selbstverständlich an die Kinder weitergegeben wie früher.

Christlicher Analphabetismus

Isabelle Noth kann dieser Feststellung nur zustimmen, «die Statistiken sprechen eine klare Sprache». Die Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik an der Uni Bern erinnert an die wachsende Zahl von Kirchenaustritten und daran, dass jene, die bleiben, zum grossen Teil innerlich auf Distanz gehen. Damit verlören automatisch die nachfolgenden Generationen den Bezug zur Kirche – Noth redet von einem «christlichen Analphabetismus, der um sich greift».

Dass ihr die Entwicklung keine Freude macht, gibt Noth offen zu. Zumal allgemein anerkannt sei, dass die spirituelle Dimension zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehöre: «Wer den Kindern den Glauben und die religiösen Traditionen seiner Familie nicht näherbringt, enthält ihnen etwas Wichtiges im Leben vor.»

Untersuchungen zeigten, dass dieses Manko im Erwachsenenalter nur schwer aufzuholen sei – und zu den Gründen für die Scheu, religiöse Inhalte zu vermitteln: Religion gelte heute als Propaganda, der die Eltern ihre Kinder nicht aussetzen wollten.

Vielen sei es lieber, den Nachwuchs später selber über die Kirchenzugehörigkeit entscheiden zu lassen. Doch: «Wie soll ein junger Erwachsener etwas beurteilen, das er gar nicht kennt?»

Fragen, die alle bewegen

Abkehr von der Kirche? Christlicher Analphabetismus? «Ich teile diesen Pessimismus nicht», hält Martin Koelbing dem entgegen. Der Pfarrer, der auf über dreissig Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann und aktuell in Teilzeit auch als kantonaler Kirchenbeauftragter tätig ist, zitiert aus alten Quellen: Bereits in früheren Jahrhunderten hätten die Pfarrer über das Unwissen der Gläubigen geklagt. «Offenbar war es schon immer so, dass die Menschen bei allem, was sie in ihrem Leben tun mussten, ihre Prioritäten anders setzten.»

Dass die Kirche heute an Boden verliert, streitet zwar auch er nicht ab. Allerdings denkt er dabei in erster Linie an die Institution, «noch in meinen Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre war der Pfarrer eine Autorität».

Viele Traditionen seien zu der Zeit vor allem deshalb gepflegt worden, weil es zum guten Ton gehört habe. Auch die Sprache sei anders gefärbt gewesen: «Man wünschte sich einen schönen Sonntag, wo heute von einem schönen Wochenende die Rede ist.»

In dieser Situation empfindet Koelbing die heutige Zeit gar ein Stück weit als Befreiung. Ohne die einengenden Strukturen von damals sei viel mehr möglich geworden. «Das kirchliche Leben ist bunter und engagierter geworden, es machen mehr Freiwillige mit.»

Er selber erfahre zudem immer wieder, wie sich auch kirchenferne Leute mit Themen rund um Kirche und Religion beschäftigten. Und sei es auch nur, «dass sie sich an der offiziellen Kirche reiben – die grundlegenden Fragen zu unserem Leben und zu dem, was in der Welt passiert, lassen niemanden kalt».

Seelsorge im Zentrum

Isabelle Noth appelliert derweil an die Kirche und deren Vertreter, selbstbewusst für ihre Sache einzutreten. Also hinstehen und die Botschaften des Christentums glaubwürdig vertreten – auch sie geht im Übrigen davon aus, dass die Menschen dafür grundsätzlich offen sind. Deshalb wünscht sie sich, dass die Pfarrer den Fokus ihrer Arbeit vermehrt auf die Seelsorge richten.

Dass sie aktiv auf die Leute zugehen, sie besuchen, sich ihrer Nöte annehmen und sie bei ihren Fragen und Zweifeln abholen: «Die Menschen sehnen sich nach einer seelsorgerlichen Kirche. Persönliche Begegnungen sind damit eine grosse Chance – für beide Seiten.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch