Das Leben mit den Bären

Der Bär ist zurück im Kanton Bern. Die Bevölkerung wird lernen müssen, mit ihm zu leben. Am meisten Erfahrung haben damit die Bewohner des Münstertals im Kanton Graubünden.

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Plötzlich rennt da ein Bär. Mitten auf der Strasse, vor Guolf ­Denoths Jeep. Der Wildhüter kurvt zum Ofenpass hoch in Richtung Münstertal. Links die Steilwand, rechts der Abhang – das Tier kann nirgends hin. Also springt es auf die Leitplanke und balanciert darauf weiter die Strasse entlang, bis es endlich ins Gebüsch fliehen kann.

Guolf Denoth schmunzelt, wenn er von dieser Begegnung vor sechs Jahren erzählt. Wieder sitzt er im Jeep, wieder fährt er von Zernez zum Ofenpass hoch. Bären, das weiss der Bezirkschef, machen es sich gerne leicht. Sie könnten zwar problemlos Felswände hochklettern.

Um aber einfach vorwärtszukommen, nutzen sie auch gerne Wanderwege, Strassen oder Bahngleise. Bereits zweimal hat die Rhätische Bahn im Unterengadin einen Bären überfahren. Einmal bei Zernez, einmal bei Scuol.

Seit 2005 sind am Ofenpass und im Münstertal wieder Bären unterwegs. Es ist der erste Ort in der Schweiz, an den das Grossraubtier zurückkehrte, nachdem im italienischen Grenzgebiet eine kleine, überalterte Bärenpopulation mit neuen Tieren aufgefrischt wurde. Seither streifen immer wieder junge Männchen durch die Gegend und überwintern hier.

Sesshaft wurden sie bisher nicht – dazu müsste sich wohl zuerst ein Weibchen niederlassen. Diese gehen jedoch weniger auf Wanderschaft. Dennoch haben die Bündner in dreizehn Jahren viele Erfahrungen mit Meister Petz gesammelt. Erfahrungen, die dem Kanton Bern noch bevorstehen. Hier ist der Bär seit letztem Jahr wieder unterwegs.

Bärensichere Container

Als der Bär ins Unterengadin ­zurückkehrte, bediente er sich auch bei Mülleimern und auf Komposthaufen. Nun stehen an der Strasse, auf der Guolf ­Denoths Jeep fährt, überall ­bärensichere Müllcontainer aus Trentino (Italien). Sie sind mit einem Betonsockel im Boden festgeschraubt, damit die Bären sie nicht umstossen können. Um den Deckel zu heben, muss man zuerst einen Metallstab hochziehen und drehen. Nun ist der Container offen. Der Deckel ist schwer. Ein Kind hätte Mühe, ihn zu heben.

Der Bär ist ein Allesfresser, wie der Mensch. Wenn er den Menschen als Nahrungslieferanten entdeckt hat, sucht er immer wieder dessen Nähe auf. Dann kann es heikel werden – das zeigen die Erfahrungen mit Problembären, die wegen ihres Verhaltens erlegt werden mussten.

Die Sache mit dem Abfall forderte die Bündner. «Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass die Bären auch diese Nahrungsquelle nützen würden», sagt Denoth. Zwar habe man damit rechnen müssen, dass die Tiere bald über die Grenze kommen. Aber: «Zuerst haben wir mehr reagiert als agiert. Das liegt wohl in der Natur des Menschen.» Schliesslich griff der Kanton ins Portemonnaie: 1800 Franken kostet ein Mülleimer samt Sockel. Im Unterengadin stehen am Strassenrand weit über 100 solche Mülleimer.

Nicht nur die öffentliche Hand hat reagiert – sondern auch Privatleute. Denoths Jeep hält vor der Abfalldeponie in Müstair. Dort öffnet sein Wildhüterkollege Jon Gross die Tür zu einem ­gekühlten Lagerraum. Es stinkt nach Kadaver und Kompost. In der einen Hälfte des Raumes stehen Fässer mit organischen ­Abfällen.

Anstatt auf einem Komposthaufen sammeln die Münstertaler ihre Speisereste in diesen Kübeln, die sie dann in Garagen oder unter Treppen wegschliessen. Sind die Fässer voll, bringen sie sie zur Sammelstelle, wo sie geleert und gereinigt werden.

Allerdings setzen viele Menschen auch dreizehn Jahre nach der ersten Bärensichtung erst dann Schutzmassnahmen um, wenn etwas passiert ist. Der regionale Naturpark Biosphäre Val Müstair – ein Pendant zu den regionalen Naturpärken Gantrisch und Diemtigtal im Kanton Bern – erstellte kürzlich ein Abfallkonzept. 2500 Hotspots hat diese Studie im Münstertal aufgedeckt: Deponien, Komposthaufen und auch Bienenhäuser, die noch nicht bärensicher sind.

Verlockender Honigduft

Franz Martin Tscholl ist einer von denen, die sich schützen. Hinter seinem Wagen holpert Guolf Denoths Jeep den Waldweg hinauf. In einer Lichtung steht Tscholls Bienenhaus, umgeben von einem Elektrozaun, der von einer Solarzelle gespeist wird. Neun Stromleitungen sind auf einer Höhe von anderthalb Metern gespannt.

Unten sind sie dichter beisammen, denn die beste Chance, dass ein Bär trotz des verheissungsvollen Honigdufts kehrtmacht, ist, wenn er einen elektrischen Schlag an die Nase bekommt.

Im März 2016 brachte der Zaun aber nichts: Der Boden war so ­gefroren, dass der Strom nicht mehr floss. Also riss ein Jungbär, der wohl in der Nähe den Winterschlaf gehalten hatte, das Kons­trukt runter. Auch der Stacheldraht und die Elektroleitungen vor den Bieneneinfluglöchern beeindruckten ihn nicht: Er räumte die Sagex-Elemente aus, in denen die Bienen leben. Und spielte danach mit den Blinklichtern, die Tscholl eigentlich aufgestellt hatte, um Bären zu vergrämen. Eine Kamera am Bienenhaus filmte das Tier dabei.

Der Imker nimmts mit Humor. «Bären sind halt clever.» Der ­materielle Schaden wurde ihm von Kanton und Bund erstattet. Nun hat er den Zaun mit Eisenstäben 80 Zentimeter tief im ­Boden verankert, damit der Strom auch im Winter geleitet wird.

Information via Whatsapp

Imker und Landwirte nützen auch andere Technik für sich: Sie haben Whatsapp-Gruppen ­gegründet, um sich gegenseitig über Raubtiersichtungen zu ­informieren. Erfährt die Wildhut von einer solchen Sichtung, gibt sie den Verantwortlichen der ­Imker und Landwirte ebenfalls via Whatsapp-Gruppe Bescheid. Diese leiten die Meldungen dann ihren Gruppen weiter, damit die Mitglieder ihre Tiere schützen können.

Imker Tscholl ist auch Jäger. Als solcher stört ihn der Bär kaum. «Unser Problem ist vor allem der nahe Nationalpark. Das Wild zieht sich dorthin zurück, auch weil dort nicht gejagt wird. Hohe Wildbestände verursachen im Winter dann entsprechenden Waldschaden.» Grossraubtiere wie Wolf und Bär seien diesbezüglich hilfreich: Sie jagen auch im Nationalpark.

Eigentlich, so erklärt Guolf ­Denoth, während er mit dem Jeep zurück in Richtung Ofenpass und Zernez fährt, ist der Bär ein Nutzniesser des Wolfes: Er lässt den Wolf jagen und macht ihm dann die Beute streitig.

Der Bär ist kein guter Jäger. Er steht aber mit seiner Kraft und Grösse weiter oben in der Nahrungskette als der Wolf. «Er würde auch weiter oben stehen als wir Menschen – wenn wir keine Gewehre hätten», sagt Denoth. Und setzt nach der Passhöhe den Blinker in Richtung Alp da Munt.

«Herdenschutzhunde bedeuten nur Ärger mit den Touristen, die hier durchwandern ­wollen.»Conrad Fadri, Landwirt

Ärger mit den Touristen

Auf 2213 Metern ist es angenehm kühl. Vor der Alphütte sitzt Landwirt Conrad Fadri bei einer Tasse Kaffee. 2005 riss der Bär auf einer Weide unterhalb der Alp ein Kalb aus seiner Herde. Es war der erste Beweis dafür, dass Meister Petz zurück in der Schweiz ist.

Ob er auch jetzt durch die Wälder und Felswände streift? «Irgendwo da draussen wird er schon sein», sagt Fadri. In der ­Regel meiden Bären die Menschen. Wenn ein Tier keine Probleme macht, bekommt man meist gar nicht mit, dass es da ist.

So wie letztes Jahr, als erst Bilder aus einer Fotofalle Ende Sommersaison zeigten, dass ein Bär durchs Gebiet streifte. Herdenschutzhunde hat Fadri keine, obschon er schon betroffen war. «Das gibt nur Ärger mit den Touristen, die hier wandern wollen.»

«Ein grosser Fehler»

Duosch Städler hingegen schützt seine Schafe auf der nahen Alp Plazer mit Hunden und einem Hirten, der täglich dreizehn Stunden bei den Tieren ist. Er ist Präsident des Bündner Schafzuchtverbandes und hat schon etliche Tiere an den Bären verloren. Schafe fliehen nicht, sondern bleiben bei ihrer Herde.

Bis zu fünfzehn Schafe aufs Mal hat der Bär schon aus Städlers Herde erwischt. Schafzüchter wie er hängen sehr an ihren Tieren. Der Verlust schmerzt. ­Also schützen sie die Schafe aufwendig, wo es geografisch und touristisch möglich ist. Auch wenn es nicht wirtschaftlich ist.

«Die Wiederansiedlung des ­Bären im Trentino war ein grosser Fehler», ist Städler überzeugt. Für diese Tiere sei das Gebiet hier zu dicht besiedelt und biete niemals so viel Obst und Beeren wie etwa das Südtirol. Deshalb wandere der Bär nur durch und richte Schaden an, lasse sich aber nicht nieder. «Er fühlt sich hier gar nicht wohl.»

Der Kanton Graubünden sei landwirtschaftsfreundlich und verstehe die Anliegen der Bauern. Vieles werde aber auch unter dem Deckel gehalten, etwa Bären- als Wolfsrisse deklariert. Weshalb, wisse er nicht.

«Die Umweltorganisationen sind stark. Gerade auch auf Bundesebene.» Dort laufen zurzeit Diskussionen über eine Lockerung des Schutzes für Raubtiere. Für Städler ist klar: «Wenn ein Bär Probleme macht, muss er geschossen werden.»

«Es ist schwierig, etwas in die Praxis umzusetzen, das auf dem Papier so einfach aussieht.»Guolf Denoth, Wildhüter

Bis die Hunde müde sind

Guolf Denoths Jeep fährt zurück in Richtung Zernez. Es gebe Kritiker und Bärenfreunde im Kanton, sagt er. Welche Meinung ­gerade dominiert, hängt vom Bären selbst ab: Ist er weg, schwärmen die Freunde. Ist er da, sind die Kritiker lauter. Denoth versteht die Bauern. «Es ist schwierig, etwas in die Praxis umzusetzen, das auf dem Papier so einfach aussieht. Der Herdenschutz, zum Beispiel.»

Im Münstertal haben sich die Schafzüchter zusammen­geschlossen. Nun wandert eine Herde von 1000 Schafen den Sommer über von Alp zu Alp. Das ist nicht unbedingt gut für den Boden, doch so sind die Tiere mit weniger Aufwand geschützt. Und eines Nachts riefen Älpler Denoth an: Er müsse kommen, ein Bär ­belagere die Schafherde. Das Tier kauerte vor dem Zaun und wartete, bis die Herdenschutzhunde sich müde gebellt hatten.

Ohne den Gummischrot des Wildhüters wäre Meister Petz wohl eingestiegen. Er sitzt Probleme aus und lässt sich von leeren Drohungen nicht einschüchtern. Findet einen Weg durch Hindernisse und spielt mit interessanten Dingen. Frisst, was schmeckt und leicht zu erwischen ist.

«Es ist schon faszinierend», sagt Denoth, als er in Zernez den Motor seines Jeeps abstellt, «wie ähnlich der Bär dem Menschen ist».

Das Video mit dem Bären beim ­Imkerhaus von Franz Martin Tscholl erschien am 13. April 2016 bei «Schweiz aktuell». (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2018, 10:59 Uhr

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