Die Bernerin, die eigentlich gerne Jurassierin wäre

Maurane Riesen will für die PSA einen Sitz im Berner Regierungsrat holen. Ihre Kandidatur ist die Folge eines schlummernden Konflikts sowie der Unfähigkeit der Linken, mit diesem umzugehen.

Maurane Riesen will Berner Regierungsrätin werden.

Maurane Riesen will Berner Regierungsrätin werden. Bild: Nicole Philipp

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Wenn hier Feindesland sein soll, dann fühlt sich Maurane Riesen erstaunlich wohl. Die 27-Jährige sitzt im Restaurant Ambiente in Bern, trinkt einen Espresso und parliert dabei perfekt Berndeutsch. Bei jedem Satz gestikuliert sie mit ihren Händen; so als ob ihre Worte noch eine zusätzliche Erklärung benötigen. Es gibt auch einige Widersprüche.

Maurane Riesen ist Mitglied des Parti socialiste autonome du Jura Sud (PSA), eine Separatistin. 2013 – im Alter von 23 Jahren – setzte sie sich dafür ein, dass die Gemeinden des Berner Juras für einen Kantonswechsel stimmten – weg von Bern, hin zum Jura. «Ich wollte einfach, dass die Leute bestimmen können, was das Beste für die Region ist», sagt sie.

Für eine Separatistin ist sie dem Kanton Bern aber doch nicht ganz abgeneigt. Gleich um die Ecke des Treffpunkts, an der Medizinischen Fakultät des Inselspitals, doktoriert Riesen. In Bern lebt sie als Wochenaufenthalterin. Und nun kandidiert sie auch noch fürs höchste Amt in diesem Kanton, dem sie doch eigentlich gar nicht angehören will. Wie passt das zusammen?

Beeinflusst vom Freund?

Maurane Riesen wuchs in Sonceboz auf, mitten im Berner Jura. «Die Jura-Frage war ein Tabu, über das man nicht sprach», sagt sie. Ihr Vater – als Sohn Deutschschweizer Eltern in Delsberg aufgewachsen – war reformierter Pfarrer im Dorf. Mit ihrer Mutter – als Tochter italienischer Einwanderer in Bern aufgewachsen – sprach sie Berndeutsch.

Die Jura-Frage trat erst im Gymnasium in ihr Leben. Dort lernte sie Valentin Zuber kennen und lieben. Dieser ist Sohn von Ma­xime Zuber, schillerndes Gesicht der bernjurassischen Unabhängigkeitsbewegung und heute Parteipräsident des PSA. Der Jura-Konflikt prägte Valentin Zubers Leben: anonyme Telefone, Beleidigungsbriefe, Drohungen, platte Reifen, Gewehrkugeln im Briefkasten – Scharmützel eines jahrhundertealten Konflikts.

«Das Wohl des Berner Juras muss immer ein Thema sein.» Maurane Riesen

Riesen und Zuber waren beide politisch interessiert, beide waren links. Und er war ein glühender Verfechter eines Grossjuras. Wenn jemand eine starke Meinung vertrete, dann nehme sie automatisch die Gegenposition ein, sagt Riesen über sich. Sie stellte Zubers Argumentation also auf die Probe – und kam doch zum selben Schluss wie er. Fortan kämpfte das Liebespaar gemeinsam für einen Grossjura – er mit glühender Inbrunst, sie mit kühlem Pragmatismus.

Das Prinzip Regionalismus

Der Kampf war aber erfolglos. Nur 28,2 Prozent der Bernjurassier wollten den Kanton Bern 2013 verlassen. Aber tiefe Überzeugungen kennen bekanntlich kein Verfallsdatum. Von Resignation ist heute, viereinhalb Jahre später, nichts zu spüren. Dass nach den drei weiteren Gemeindeabstimmungen in Moutier, Belprahon und Sorvilier im letzten Jahr die Jura-Frage ein für ­allemal geklärt ist, dem widerspricht Riesen klar. «Wir schauen, ob die Versprechungen, welche vom Kanton Bern gemacht wurden, gehalten werden. Das Wohl des Berner Juras muss immer ein Thema sein.»

Dieser Berner Jura schrumpft aber. Die PSA-Hochburg Moutier, die als einzige Gemeinde im letzten Jahr Ja zum Kantonswechsel sagte, wird den Kanton voraussichtlich 2021 verlassen. Maurane Riesen aus Sonceboz aber wird bleiben.

Längst hat sie eine neue politische «raison d’être» gefunden. Wenn die übrigen Bernjurassier schon nicht den Kanton wechseln wollen, so sollen sie wenigstens möglichst viel Autonomie erhalten. Regionalismus nennt sie das Prinzip. Egal, ob bei Bildung, Gesundheit, Kultur oder Sport – «Die Probleme werden am besten dort gelöst, wo sie entstehen.»

Das gelte nicht nur für den Berner Jura, sondern auch fürs Emmental oder das Berner Oberland. «Ich bin nicht gegen den Kanton Bern», stellt sie vehement klar. Vielmehr will sie sich für alle Minderheiten im Kanton einsetzen und erreichen, dass Randregionen nicht noch mehr an den Rand gedrängt werden.

Der Zwist unter den Linken

Mit Ausnahme dieses Regionalismus vertritt Riesen aber fast ausschliesslich SP-Positionen. Und genau das bringt die Partei in ein Dilemma. Die SP und der PSA konnten sich im Vorfeld nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Seitens des PSA wird betont, dass man mit der SP früh das Gespräch gesucht habe.

Bei der SP tönt das ein wenig anders: «Wir hielten uns einfach gegenseitig auf dem Laufenden», sagt Ursula Marti, Präsidentin der SP Kanton Bern. «Es war für uns immer klar, dass wir selbst entscheiden, wer unser Kandidat ist.» Die SP nominierte Christophe Gagnebin. Und dieser ist als Pro-Berner für den PSA ein rotes Tuch. Valentin Zuber bezeichnet ihn gar als Anti-Jurassier mit einer antiphatischen Persönlichkeit. «Viele Bernjurassier können ihn schlicht nicht wählen», sagt auch Riesen.

Diese Stimmen will nun sie holen. Allerdings wird sich die Linke mit ihren zwei Kandidaturen wohl so verzetteln, dass sie gegen SVP-Kandidat Pierre Alain Schnegg chancenlos sein wird. Auf das Zerwürfnis innerhalb der Linken angesprochen, bewegen sich bei Riesen für einmal die Schultern und nicht ihre Hände. «Das ist schade», sagt sie. Die SP wird sie ganz sicher nicht zur Wahl empfehlen. Sie glauben, Riesen will mit ihrer Kandidatur vor allem die Wahlchancen für einen Grossratssitz erhöhen.

Wird Riesen umgekehrt Christophe Gagnebin wählen? Sie trinkt den letzten Schluck ihres Espressos. «Ich mache weder Wahlkampf für noch gegen ihn. Aber ich empfehle sicher alle linken Kandidaten zur Wahl.» Und wieder fragt man sich: Ist das jetzt einfach pragmatisch? Oder doch ein weiterer Widerspruch? (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.03.2018, 22:50 Uhr

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