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Christoph Erb: «Was die Unia sagt, stimmt nicht»

Die Gewerkschaft Unia will mit dem kantonalen Wirtschaftsverband Berner KMU über einen Gesamtarbeitsvertrag im Detailhandel verhandeln. Für Christoph Erb, Direktor Berner KMU, kommt das jedoch nicht infrage.

Hält wenig davon, im Detailhandel einen Gesamtarbeitsvertrag einzuführen: Christoph Erb, Direktor Berner KMU.
Hält wenig davon, im Detailhandel einen Gesamtarbeitsvertrag einzuführen: Christoph Erb, Direktor Berner KMU.
Walter Pfäffli

Werden Sie der Aufforderung der Unia, mit ihr über einen Gesamtarbeitsvertrag für den Detailhandel im Kanton Bern zu verhandeln, Folge leisten? Christoph Erb: Nein.

Warum nicht? Erstens halten wir einen GAV für den gesamten Detailhandel nicht für nötig. Denn was die Unia behauptet, stimmt teilweise gar nicht: Bereits heute sind über 50 Prozent der Detailhandelsangestellten im Kanton Bern einem Gesamtarbeitsvertrag ihrer Teilverbände unterstellt. Sowohl die Bäcker und Konditoren als auch die Angestellten von Migros, Coop, Globus und Valora profitieren von einem GAV, derjenige der Metzger ist allgemein verbindlich.

Und zweitens? Der Detailhandel ist eine heterogene Branche. Die verschiedenen Sparten haben unterschiedliche Bedürfnisse, nicht überall gilt dieselbe Lohnpolitik. Wenn ich mich im Detailhandel umhöre, wird für mich schnell klar: Ein Gesamtarbeitsvertrag für die gesamte Branche wird gar nicht gewünscht.

Die Unia sagt aber etwas anderes. Sie behauptet, die meisten Angestellten wünschten sich einen GAV. Das Problem ist, dass die Unia eine nicht repräsentative Minderheit der Detailhandelsangestellten vertritt. Von den mehreren 10'000 Beschäftigten im Detailhandel ist wohl der kleinste Teil Mitglied der Unia, schätze ich.

Im Kanton Genf beispielsweise existiert für die Beschäftigten im Detailhandel ein Gesamtarbeitsvertrag. Das ist mir bekannt. Die Ausgangslage in den Kantonen ist unterschiedlich, das kann man nicht eins zu eins vergleichen. Wie gesagt: Ich glaube nicht, dass ein GAV für den Kanton Bern ein Bedürfnis ist.

Sie haben für die Forderung der Gewerkschaft demzufolge kein Verständnis. Das ist gar nicht die Frage. Auch wenn der Dachverband Berner KMU Verständnis hätte: Wir sind für das Anliegen der Unia schlicht nicht zuständig. Es steht uns zwar frei, mit der Unia zu verhandeln. Es fehlt uns aber gemäss unseren Statuten die Legitimation, allfällige Verhandlungsergebnisse bei unseren Mitgliedern durchzusetzen.

Was sagen Sie zum Vorwurf der Unia, im Detailhandel herrschten «unhaltbare Zustände»? Das kann ich nicht nachvollziehen. Nach unserer Wahrnehmung sind die Arbeitsbedingungen im Berner Detailhandel insgesamt gut.

Einer Studie des Berner Wirtschaftsamts Beco zufolge verdienen im Detailhandel im Kanton Bern nur gerade 18 Prozent der über 25-jährigen Angestellten den empfohlenen Mindestlohn, ein Drittel erhält keinen 13. Monatslohn. In der Studie wurden aber die über 50 Prozent der Beschäftigten, die bereits unter einen GAV fallen oder deren Arbeitsbedingungen bekannt sind, nicht berücksichtigt. Das Bild ist also verfälscht. In Wirklichkeit dürfte der Prozentsatz jener Angestellten, die den Mindestlohn erhalten, viel höher sein.

Sie sehen keinen akuten Handlungsbedarf? Klar darf man nicht alles tolerieren. In der kantonalen Arbeitsmarktkommission, in der auch Berner KMU vertreten ist, nehmen wir im Moment die Löhne im Detailhandel unter die Lupe. Sollten wir feststellen, dass die branchenüblichen Löhne in missbräuchlicher Weise unterboten werden, müssen wir die Arbeitgeber kontaktieren und nach einer Lösung suchen.

Wann kann man von Missbrauch sprechen? Zum Beispiel dort, wo ein Arbeitgeber ausländische Arbeitskräfte für die gleiche Arbeit viel schlechter bezahlt als Schweizer Arbeitnehmer und dort, wo dank Dumping-Löhnen hohe Gewinne erwirtschaftet werden. Klar ist aber auch: Nicht jeder Arbeitgeber, der tiefe Löhne zahlt, betreibt Missbrauch. Manchmal kann er sich höhere Löhne gar nicht leisten, die Alternative wären Entlassungen. Arbeitsplätze zu vernichten, kann aber nicht das Ziel sein.

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