Christian Wasserfallen: Hoffnungsträger im Stand-by-Modus

Der einstige FDP-Shootingstar Christian Wasserfallen musste am Mittwoch eine weitere Niederlage einstecken. Er sieht nun aus wie der gescheiterte Ehrgeizling. Doch der Berner Freisinn braucht ihn.

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Diese Niederlage muss ihn schmerzen. Nach deutlich verpasster Nomination als FDP­Regierungsratskandidat hatte Christian Wasserfallen am Donnerstag keine Lust, mit dieser Zeitung zu reden. Er lehnte eine Interviewfrage schroff ab.

Der bisher in seiner Politikerkarriere weitgehend verwöhnte und oft als neuer freisinniger Hoffnungsträger gefeierte Nationalrat hatte zuletzt vieles dem Ziel untergeordnet, Berner Regierungsrat zu werden. Das wirkte gegen aussen zuweilen verkrampft und beinhaltete auch strategische Verzichtsentscheide. So gab Wasserfallen, der seinen Ehrgeiz nie verbirgt, etwa im Februar 2016 etwas überraschend bekannt, dass er nun doch nicht als Kandidat für das Präsidium der FDP Schweiz zur Ver­fügung stehe.

Dies, obschon er als Favorit für den Posten gegolten hatte. Schwer ins Schwimmen kam Wasserfallen im Juli 2016, als er nach einer öffentlichen Schlammschlacht mit Mathias Ammann ums Präsidium des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS) den Weg für einen Neuanfang frei machte und die Bühne räumte.

Es war eine Verzweiflungstat, mit der Wasserfallen seine Regierungskandidatur retten wollte. Unter dem Strich dürfte ihm die Posse jedoch schwer geschadet haben.

Erfolgsserie gestoppt

Nun wird er also vorerst nicht ­Regierungsrat. Er, der bereits im zarten Alter von 22 Jahren für die Freisinnigen ins Berner Stadtparlament einzog und nur gerade vier Jahre später in den Nationalrat gewählt wurde. Seine Erfolgsserie ging weiter, als er als 30-Jähriger Vizepräsident der FDP Schweiz wurde. Danach geriet seine Politkarriere jedoch etwas ins Stocken, Wasserfallen musste erste Misserfolge gewärtigen. Da wäre 2011 die Niederlage im ersten Wahlgang der Ständeratswahlen oder 2013, als Wasser­fallen in der Ausmarchung ums Nationalratspräsidium seiner Parteikollegin Christa Markwalder unterlag. Ebenfalls den Kürzeren zog er 2015, als er als Bundeshausfraktionschef der FDP kandidierte und am Ende deutlich dem Tessiner Ignazio Cassis unterlag.

Er bleibt für die FDP wichtig

Wasserfallen hat seine unverhohlenen Ambitionen teuer bezahlt: Er hat in den letzten Jahren Misserfolge förmlich ­angezogen. Obwohl er erst 36 Jahre alt ist, könnte er Gefahr laufen, dass er für die Berner FDP künftig an Be­deutung verliert.

Der Berner Politikprofessor Adrian Vatter jedoch widerspricht: Er sieht es beispielsweise schon heute praktisch als gesichert an, dass Wasserfallen bei den Nationalratswahlen 2019 ­erneut eine wichtige Rolle einnehmen und ein Glanzresultat erzielen wird. «Selbst wenn die jüngste Niederlage bei der Regierungsratsnomination seine Position etwas geschwächt haben sollte, so weiss die Berner FDP genau, was sie in Wasserfallen hat: einen ­Panaschierkönig, der auch im rechten Lager und in der Mitte viele wichtige Stimmen holt.» 2015 hatte er die Panaschierstatistik deutlich angeführt. Zudem decke Wasserfallen etwa im Gegensatz zu Christa Markwalder im Nationalrat den rechten Parteiflügel ab.

«Die Berner FDP weiss genau, was sie in Wasserfallen hat: einen Panaschierkönig.»

Adrian Vatter
Politikprofessor

Vatter attestiert ihm auch, dass er auf städtischer Ebene gute Chancen habe, irgendwann in der Zukunft ein Gemeinderatsmandat zu erobern und damit Mitglied der Stadtregierung zu werden. Diesen Weg hat auch die frühere ­SP-Nationalrätin Ursula Wyss ­erfolgreich beschritten. Dass ­Wasserfallen aber jetzt auf kantonaler Ebene als Regierungsratskandidat gescheitert ist, hat Vatter nicht überrascht. «Sein Widersacher Philippe Müller war in der kantonalen Politik dank seinem Grossratsmandat besser vernetzt. Wasserfallen dagegen war immer in der Stadt stark und später national.»

Wasserfallen, der Bundesrat?

Apropos national: Parteikollegin Christa Markwalder, die mit Wasserfallen im Nationalrat politisiert, ist überzeugt, dass dieser es schaffen wird, aus der Niederlage gestärkt zurückzukommen: «Er ist ein Sportler und weiss, dass verlieren dazu gehört.» Sie sei beeindruckt gewesen, wie fair er die Nichtnomination aufgenommen habe. «Christian wird das gut verdauen und motiviert im Nationalrat weiterarbeiten.» Sie beschreibt ihren jüngeren Kollegen als ein Fraktionsmitglied, das im Parlament breit abgestützt sei. «Viele Nationalratskollegen hatten ihm im Vorfeld gesagt, sie würden es nicht verstehen, wenn er nicht für die Berner Regierung nominiert würde.»

Markwalder hält es nicht für abwegig, dass Wasserfallen dank seiner politischen Erfahrung dereinst gar ein Kandidat fürs höchste aller politischen Ämter im Land werden könnte: «Wir hatten mit Ruth Metzler schon eine jüngere Bundesrätin, und Frankreich hat soeben einen jungen Präsidenten gewählt.»

Pardini: «Zwei Standbeine»

Der Berner SP-Nationalrat Corrado Pardini, der gemeinsam mit Wasserfallen im FC Nationalrat kickt, sieht im Profil Wasserfallens eine womöglich entscheidende Schwäche: «Er hatte bei der jetzigen Ausmarchung den Nachteil, dass er einen Konkurrenten hatte, der seine Sporen in der Privatwirtschaft abverdient hat.» Wasserfallen dagegen ist quasi Berufspolitiker, der neben dem Nationalratsmandat mehrere Verwaltungsratsposten innehat. Deshalb, so Pardini, rate er jüngeren Politikern, auf zwei Standbeine zu setzen. «Sie sollen im Beruf Erfahrungen sammeln und diese dann in die Politik einbringen. Denn wer stark auf die Politik fokussiert, geht ein grösseres Risiko ein zu scheitern.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.06.2017, 06:23 Uhr

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