Bevölkerung will keine Mitsprache bei den Lehrplänen

Die Berner Stimmberechtigten haben die Lehrplaninitiative deutlich ab­gelehnt. Damit ist der Weg frei für den Start des Lehrplans 21.

Bernhard Pulver kann den Lehrplan 21 einführen.

Bernhard Pulver kann den Lehrplan 21 einführen.

(Bild: Andreas Blatter)

Einen Lehrplan 21 im Kleinformat könne er leider nicht prä­sentieren, sagte Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) gestern vor den Medien und spielte damit auf das Spielzeugtram an, das seine Amtskollegin Barbara Egger erhalten hatte. Pulvers Freude über das Abstimmungsergebnis war aber auch ohne Geschenk gross: Dass die Berner Stimmberechtigten die Lehrplaninitiative mit einer Dreiviertelmehrheit ablehnten, wertet Pulver als Zeichen des Vertrauens. «Die Bürgerinnen und Bürger finden offensichtlich, dass die Fachleute ihre Arbeit gut machen.»

Fachleute bleiben zuständig

Heute liegt die Einführung eines neuen Lehrplans in der Kom­petenz des Erziehungsdirektors. Eine Gruppe von Eltern und Lehrpersonen wollte mit ihrer Initiative das Volksschulgesetz so ändern, dass das Kantons­parlament dafür zuständig wäre. Letztlich hätte so das Berner Stimmvolk mittels Referendum über die Einführung eines neuen Lehrplans befinden können. ­Diese Regelung hätte rückwirkend auch für den Lehrplan 21 gegolten. Aber die Initiative «Für demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volks» wurde gestern mit 76,7 Prozent bachab geschickt. Auch im Kanton Zürich hatte die gleiche Forderung keine Chance (siehe Kasten).

Beide Resultate zeigten, so ­Pulver, «dass ein gemeinsamer Deutschschweizer Lehrplan gewünscht und gestützt wird». Dem Start des Lehrplans 21 nach den Sommerferien stehe damit nichts mehr im Weg. «Ich bin erleichtert, dass Lehrpläne künftig nicht verpolitisiert werden können.»

Komitee will aktiv bleiben

Trotz der klaren Niederlage «sehr aufmerksam beobachten» wollen die Initiantinnen und Initianten die Einführung des Lehrplans 21, wie Rahel Gafner vom Abstimmungskomitee gestern dieser Zeitung sagte. Für Gafner bleibt trotz des Nein auch ein positives Resultat: «Es war uns wichtig, dass das Volk weiss, dass Mitsprache möglich wäre. Und wir wollten grundsätzlich wissen, ob eine solche Mitsprache gewünscht wird.» Man könne die Ablehnung als Vertrauensbeweis an die Fachleute deuten. «Das Nein heisst vielleicht aber auch, dass die Stimmberechtigten Angst vor der Komplexität der Materie hatten.»

Expertinnen und Experten müssten sich mit dem Lehrplan befassen, erklärte Bernhard Pulver. Die Mitsprache – «auch der Basis» – sei garantiert. So habe die Erziehungsdirektion bereits im Jahr 2014 erste Veranstal­tungen mit Lehrerinnen und Lehrern zum Lehrplan 21 durchgeführt. Diese Mitwirkungsanlässe seien rege genutzt worden. Pulver betonte auch, dass sich mit dem neuen Lehrplan «gar nicht sehr viel» ändern werde.

Breiter Widerstand

Der Widerstand gegen die Lehrplaninitiative war sehr breit abgestützt. Zu den Gegnern gehörte eine breite Allianz von Parteien und Verbänden. Auch der Grosse Rat empfahl die Initiative zur Ablehnung.

Das überparteiliche Nein-Komitee zeigte sich erfreut über die Ablehnung. «Die Stimmbevölkerung bestätigt, dass der eingeschlagene Weg weitergegangen werden soll.» Die Initianten hätten das Argument der Demokratie nur als Deckmantel genutzt, um den Lehrplan 21 «durch die Hintertüre» zu verhindern.

Es sei «ein Kampf David gegen Goliath» gewesen, entgegneten dafür zwei der Initiantinnen. Aus ihrer Sicht wurde er auch nicht überall fair geführt. «In Langenthal bekamen Schulkinder einen Brief mit nach Hause, in dem stand, die Eltern sollten die Initiative ablehnen», kritisierte Rahel Gafner.

Berner Zeitung

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