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Berns Ja wirkte wie ein Dammbruch

Erst nach jahrelangem Hin und Her nahm Bern die Reformation an. Für die Eidgenossenschaft hatte der Entscheid ­aber Signalwirkung.

Der damalige Stadtstaat Bern bekannte sich 1528 zum reformierten Glauben. (Symbolbild)
Der damalige Stadtstaat Bern bekannte sich 1528 zum reformierten Glauben. (Symbolbild)
Andreas Blatter

Bern zögerte lange. Sehr lange. Elf Jahre dauerte es, bis die Stadt im grossen Glaubensstreit des 16. Jahrhunderts Position bezog. 1528 war es so weit. Nach einer denkwürdigen Disputation sprachen sich der Kleine wie der Grosse Rat für die neue Konfession aus, die das in der Bibel vermittelte Wort Gottes ins Zentrum rückte. Damit konnte die Reformation, die 1517 im fernen Sachsen mit Martin Luthers berühmten Thesen begonnen hatte, im grössten Stadtstaat nördlich der Alpen Fuss fassen.

Das war nicht selbstverständlich. Mehr als einmal schien es in den Jahren zuvor, als ob Bern beim alten Glauben bleiben wollte. Die ersten Vorboten der neuen Zeit hatten sich in Bern nämlich schon um 1520 herum bemerkbar gemacht. Der Leutpriester Berchtold Haller predigte am Münster das Evangelium nach neuer Art, der Maler und Schriftsteller Niklaus Manuel Deutsch kratzte in seinem Totentanz und seinen Fasnachtsspielen an der kirchlichen Hierarchie.

Die ersten Vorboten der neuen Zeit hatten sich in Bern schon um 1520 herum bemerkbar gemacht.

Trotzdem bekräftigte die Obrigkeit immer wieder, am alten Glauben und damit an Bräuchen wie dem Fasten, der Hei­ligen­verehrung oder der Ehelosigkeit der Priester festhalten zu wollen. Zu nah fühlte sie sich der katholischen Kirche, und zu wichtig waren ihr die Untertanen, die sich ebenfalls für den Status quo aussprachen. Das hatte sie in drei Befragungen über ihr Herrschaftsgebiet hinweg herausgefunden.

Gleichzeitig aber nahm sie sich immer mehr Rechte heraus, die eigentlich der kirchlichen Hierarchie vorbehalten gewesen wären. Sie pochte darauf, die Priester zu bestimmen, in Ehesachen zu urteilen und die Finanzen der einzelnen Gotteshäuser zu kontrollieren.

Mehr Macht und Einfluss

Die Situation klärte sich erst, als die fortschrittlich denkenden Handwerkerzünfte in der Politik die Mehrheiten ­ge­wan­nen. Dafür setzte Bern den ­neuen Glauben in der Folge umso konsequenter durch, auch gegen den erbitterten Widerstand auf dem Land. Besonders im Oberland hatte es die Reformation schwer. Man konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, Bilder und weiteren Schmuck aus den Kirchen entfernen zu müssen. Und man wollte es sich nicht mit den Nachbarn in der katholischen Innerschweiz verderben.

Diese eilten den Oberländern prompt zu Hilfe, als sich die Spannungen in einem Aufstand entluden. Bern hatte die Lage zwar rasch im Griff. Die Situation in der weitläufigen Landschaft blieb aber labil, und so kam es zu einer weiteren wichtigen Zusammenkunft: Im Synodus von 1532 bekräftigte Bern das Reformationsmandat von 1528. Das Schriftstück gilt als wichtige Grundlage für die aktuelle Kirchenverfassung.

Dafür setzte Bern den ­neuen Glauben in der Folge umso konsequenter durch, auch gegen den erbitterten Widerstand auf dem Land.

Mit der Reformation hatte die kirchliche Hierarchie ausgedient. Die Berner Obrigkeit nahm sich definitiv das Recht heraus, in religiösen Fragen zu entscheiden. Sie tat dies zum einen aus Sorge um ihre Untertanen, vor allem aber verschaffte sie sich auf ­diese Art mehr Macht und Einfluss: Kurzerhand zog sie die stattlichen Kirchengüter ein.

Dass die weltlichen Machthaber so selbstbewusst auftraten, entsprach dem Zeitgeist. Nur dank ihnen konnte die Reformation über ihre Anfänge hin­auswachsen: Ohne den Schutz des sächsischen Kurfürsten hätte Martin Luther aufgeben müssen, wäre seine Bewegung von der katholischen Kirche im Keim erstickt worden.

Andere Städte folgten

Das Ja Berns zur Reformation wirkte sich in der Eidgenossenschaft wie ein Dammbruch aus. Nicht genug damit, dass Zürich mit dem neuen Glauben nicht mehr allein dastand. Städte wie Basel, Schaffhausen, St. Gallen und das noch selbstständige Biel folgten dem Beispiel Berns, und nach dem bernischen Feldzug in die Waadt wurde der neue Glaube auch im Welschland eingeführt. Gleichzeitig stand Bern der Stadt Genf im Kampf gegen Savoyen bei und trug so wesentlich dazu bei, dass sich die Reformation dort durchsetzen konnte.

Bald wurde Genf zum Zentrum des Protestantismus – und zur Stadt, von der aus sich die Reformation in die Welt verbreitete.

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag von Gerhard Wyss, Historiker aus Kirchdorf.

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