Regierung will nach wie vor kein «Hotel Suff»

Der Berner Regierungsrat weigert sich nach wie vor, eine Ausnüchterungs­stelle einzurichten. Für EVP-Grossrat Ruedi Löffel ist das ein Skandal. Denn bereits zweimal hat das Kantonsparlament der Regierung einen entsprechenden Auftrag gegeben.

Die zentrale Ausnüchterungsstelle in Zürich ist seit 2010 in Betrieb.

Die zentrale Ausnüchterungsstelle in Zürich ist seit 2010 in Betrieb. Bild: Keystone

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Ruedi Löffel ist empört. So etwas gehe einfach nicht, er rege sich ziemlich auf, sagt der EVP-Grossrat und Leiter Suchtprävention beim Blauen Kreuz Bern-Solothurn-Freiburg. Seine Frau habe ihm zwar geraten, er solle sich beruhigen. Gelungen ist ihm dies nicht. Am Telefon spricht Löffel denn auch von Arbeitsverweigerung der Berner Kantonsregierung, von fadenscheinigen Argumenten und davon, dass in sieben Jahren wenig Denkarbeit geleistet worden sei.

Was den Grossrat derart auf die Palme bringt, ist ein am Donnerstag veröffentlichter Bericht über den Aufbau einer zentralen Ausnüchterungsstelle im Kanton Bern. Darin schreibt die Regierung, dass sie definitiv darauf verzichten wolle. Ungeachtet dessen, dass sich der Grosse Rat mehrmals deutlich für eine solche Stelle ausgesprochen hat. Der verbindliche Auftrag dafür geht – wie könnte es anders sein – auf eine Motion von Ruedi Löffel aus dem Jahr 2010 zurück.

Positive Erfahrungen in Zürich

Löffel liess sich bei seinem Vorstoss von einem Pilotversuch im Kanton Zürich inspirieren. Dort gibt es seit 2010 ein «Hotel Suff». Personen unter starkem Drogen- und Alkoholeinfluss werden in dieser Ausnüchterungsstelle medizinisch betreut und überwacht. Den Aufenthalt müssen sie zu einem Teil selber berappen. Kostenpunkt: zwischen 450 und 600 Franken. So können einerseits die Regionalwachen der Polizei, andererseits die Notfallaufnahmen der Spitäler entlastet werden. Das Angebot hat sich anscheinend bewährt. 2014 folgte die Zürcher Stimmbevölkerung der Empfehlung der Regierung und sagte deutlich Ja zum Weiterbetrieb.

Im Kanton Bern jedoch beurteilte die Regierung die Ausnüchterungsstellen von Beginn an anders. Bereits 2011 war sie dagegen. Als der Vorstoss aber überwiesen wurde, prüfte sie die Forderung, kam 2014 aber zum Schluss: zu teuer. Deshalb wollte sie die Motion abschreiben. Der Grosse Rat jedoch war nicht einverstanden und bekräftigte seinen Wunsch nach einer Ausnüchterungsstelle.

Zu teuer, zu aufwendig

Davon liess sich der Regierungsrat offensichtlich bis heute nicht beeindrucken. In seinem Bericht kommt er erneut zum Schluss, dass die Schaffung einer Ausnüchterungsstelle «mit beträchtlichen Kosten sowie mit gesundheitlichen und rechtlichen Risiken» verbunden wäre. Deshalb sei darauf zu verzichten. Der Betrieb würde gemäss Regierung über 1,3 Millionen Franken pro Jahr kosten. Dem gegenüber stünden Einnahmen von 420 000 Franken. Diese berechnen sich anhand der möglichen Kostenbeteiligung der aktuell rund 800 Fälle pro Jahr, die wegen einer Alkoholvergiftung in den Berner Spitälern landen.

Skeptisch ist die Regierung auch hinsichtlich der medizinischen Betreuung der Suff-Patienten. Während diese in Zürich von Medizinstudenten gewährleistet wird, seien die Berner Spitäler der Meinung, dass das nicht ausreiche. Es benötige einen Arzt, was wiederum höhere Kosten mit sich bringe. Hinzu komme, dass sechs der sieben Kliniken mit Notfallaufnahme ausreichende Kapazitäten für die betroffenen Patienten hätten. Nicht einmal die Spitäler befürworten somit die Schaffung einer speziellen Ausnüchterungszelle, wie Christoph Schöni vom Netzwerk der Berner Spitäler bestätigt.

Nur ein Lichtblick für Löffel

Ruedi Löffel lässt die Argumente der Regierung trotzdem nicht gelten. Diese seien praktisch dieselben wie vor sechs Jahren. Zu den Kosten sagt er, dass die Schätzung viel zu hoch sei. «Die Regierung geht von einem 7-Tage-Betrieb von 22 bis 12 Uhr aus. Das wurde nie gefordert», sagt er. Es würde genügen, das «Hotel Suff» wie in Zürich nur am Wochenende zu betreiben. Löffel ist auch nicht klar, weshalb in Bern die Betreuung nicht durch Studenten gewährleistet werden kann, wenn dies in Zürich funktioniert. «Die meisten Besoffenen müssen nur überwacht werden, damit sie nicht ersticken, wenn sie kotzen», sagt er. Dafür sei kein Arzt notwendig. Die Erfahrung aus Zürich zeige, dass kaum zehn Prozent aller Fälle in ein Spital eingewiesen werden müssten.

Infrage stellt der Grossrat auch die Position der Kliniken. «Vom betroffenen Personal gab es viele andere Signale», sagt er. Ein Spital würde aber natürlich nie offiziell sagen, dass es eine Entlastung wünsche, weil es an den Fällen verdient. Die Allgemeinheit komme das über die Krankenversicherung teuer zu stehen. Anders als die Regierung ist Löf­fel nach wie vor überzeugt, dass eine Ausnüchterungsstelle gesamthaft billiger wäre als der ­Status quo. «Jeder verhinderte Spitaleintritt entlastet den Kanton und die Prämienzahlenden.»

Immerhin einen Lichtblick gibt es für Löffel: Die Regierung hat in Aussicht gestellt, mit der Revision des Polizeigesetzes die Möglichkeit zu schaffen, wegen übermässigen Konsums von Alkohol oder anderen Drogen in Gewahrsam genommene Personen für die Kosten zur Kasse zu bitten. Nichtsdestotrotz ist der Grossrat fest entschlossen, die Abschreibung seiner Motion auch ein zweites Mal zu bekämpfen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.08.2017, 18:57 Uhr

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