Berner Komitee gegen Designerbabys

Im Kanton Bern wirbt ein überparteiliches Komitee für ein Nein zum neuen Fortpflanzungsmedizingesetz. Dieses gehe zu weit und löse einen ethischen und rechtsstaatlichen Dammbruch aus.

Bei einem Ja am 5.Juni werden nach einer künstlichen Befruchtung genetische Untersuchungen an einem Embryo möglich, bevor er in die Gebärmutter eingesetzt wird. Dagegen weibelt ein Berner Komitee.

Bei einem Ja am 5.Juni werden nach einer künstlichen Befruchtung genetische Untersuchungen an einem Embryo möglich, bevor er in die Gebärmutter eingesetzt wird. Dagegen weibelt ein Berner Komitee.

(Bild: Olaf Malzahn)

Am 5. Juni entscheidet die Stimmbevölkerung über das neue Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG). Was technisch klingt, ist ethisch umstritten: Wird das Gesetz angenommen, dann sollen Paare, die Träger schwerer Erbkrankheiten sind oder auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, durch künstliche Befruchtung ­erzeugte Embryonen genetisch auf Krankheiten testen lassen können. Zudem erlaubt das neue Gesetz, für die künstliche Befruchtung zwölf statt wie bisher drei Embryonen zu erzeugen.

Furcht um Solidarität

Dem Berner Komitee aus Vertretern von BDP, EDU, EVP, Grünen, SD, SP und SVP geht das zu weit. An einer Medienkonferenz legten gestern vier Co-Präsidentinnen und -präsidenten des Komitees ihre Argumente dar. Es waren dies die Grossräte Christine Schnegg, Philippe Messerli (beide EVP), Anne Speiser (SVP) und Jakob Schwarz (EDU) sowie die grüne Nationalrätin Christine Häsler.

Sie alle befürchten, dass mit dem neuen Gesetz punkto «Designerkinder und Selektion von wertem und unwertem Leben die schlimmsten Visionen wahr werden». Weil die Selektionskriterien bei der Präimplantationsdiagnostik nicht genau ­definiert seien, sei das Gesetz in seiner Anwendung nicht kontrollierbar, erklärte Anne Speiser.

Auch werde mit diesem Gesetz erstmals menschliches Leben im Anfangsstadium bewertbar und kommerzialisierbar. «Dahinter steckt eine milliardenschwere Fortpflanzungsindustrie, die ihre wirtschaftlichen Interessen über ethische Bedenken stellt.» Christine Häsler fürchtet zudem um die Solidarität mit Behinderten. Bei der Selektion im Reagenzglas würden nur die «Besten» ausgesucht. Dies führe letztlich zur Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, denn sie würden dann als vermeidbares Risiko gelten. «Die Gefahr besteht, dass sich Eltern künftig rechtfertigen müssen, wenn sie sich bewusst für ein behindertes Kind entscheiden», so Häsler.

Was es heisst, ein behindertes Kind grosszuziehen, weiss die Oberländer Politikerin aus eigener ­Erfahrung: Vor mehr als 20 Jahren adoptierten sie und ihr damaliger Ehemann ein geistig behindertes Kind aus Indien. Die drei leiblichen Kinder waren 4, 6 und 10 Jahre alt. Mit dem behinderten Kind musste die damals 29-Jährige zwar ihren Beruf an den Nagel hängen – bereut habe sie diesen Entscheid nie.

Hoffen auf besseres Gesetz

Das neue Gesetz ist nötig, weil sich die Schweizer Stimmbevölkerung 2015 für die Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgesprochen hatte. Diese bildet die Grundlage für die Untersuchung künstlich befruchteter Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib. Weil das aktuelle FMedG dies verbietet, muss es entsprechend angepasst werden.

Der Bundesrat wollte ursprünglich, dass nur Paare profitieren, die Träger schwerer Erbkrankheiten sind. Sie sollten mittels PID einen Embryo auswählen können, der nicht von der Erbkrankheit betroffen ist. Das Parlament jedoch entschied, dass auch Paare profitieren sollen, die ohne künstliche Befruchtung keine Kinder bekommen können. In diesem Fall könnten die Embryonen auf Chromosomenanomalien wie das Downsyndrom untersucht werden.

Von einer Ablehnung erhofft sich das Berner Nein-Komitee, dass der Weg frei wird für ein besseres, sprich restriktiveres Gesetz. Dass dies kinderlosen Paaren die künstliche Befruchtung erschwere, verneint EVP-Grossrat Philippe Messerli. «Wir sind nicht gegen die künstliche Befruchtung, sondern dagegen, dass man Tausende von Embryonen produzieren und die besten aussortieren kann.»

Auch Messerli spricht aus Erfahrung: Er und ­seine Frau versuchten erfolglos, ihren Kinderwunsch mittels künstlicher Befruchtung zu erfüllen. Zum andern trägt er selber eine Erbkrankheit in sich, die zu einem Nierenversagen führen kann. Zur Zeit seiner Geburt war Selektion indes kein Thema. «Ich finde mein Leben trotz des Risikos sehr lebenswert», sagt der ­46-Jährige.

Berner Zeitung

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