Berner Katzen jagen für die Forschung

«Zeig mir deine Maus, Katze!» So heisst ein Forschungsprojekt, das in den Kantonen Bern und Solothurn läuft. Katzenhalter können die Beute ihrer Stubentiger der Wissenschaft übergeben.

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2 Uhr nachts. Was war das für ein Geräusch? Die Katzentür hat gequietscht. Aus dem unteren Stock ist ein unterdrücktes Miauen zu hören – oder eher ein tiefes Brummen. So tönt der vierbeinige Mitbewohner eigentlich nur, wenn er eine Maus gefangen hat.

Eine Maus! Mit einem Schlag ist man da als Katzenbesitzer hellwach und in den Startlöchern. Denn nicht immer ist das gut gemeinte Geschenk schon mausetot, sondern rettet sich unter einen Schrank oder das Sofa. Es kann vorkommen, dass die Jagd mitten in der Nacht im Haus weitergeht.

Solche Einsätze können Katzenhalter in den Kantonen Bern und Solothurn nun als Dienst an der Forschung verbuchen. Ein wissenschaftliches Projekt setzt auf den Jagderfolg von Stuben­tigern – oder eben ihren Menschen. «Zeig mir deine Maus, Katze!» heisst es und wurde lanciert vom Naturmuseum Solothurn und dem Berner Büro Quadrapoda, das sich mit Wildtierbiologie beschäftigt.

Die Partner wollen mehr über Mäuse und andere Kleinsäugetiere herausfinden und benötigen Daten. Je mehr Katzenbesitzer die Beute ihrer Haustiere an den beteiligten Sammelstellen abgeben, desto genauer sind die Ergebnisse, die auch in den neuen Säugetieratlas der Schweiz einfliessen werden. «Citizen science», also Bürgerwissenschaft, nennt sich diese Art der Datenbeschaffung.

Tiefgekühlte Mäuse

Eine dieser Mäusesammelstellen ist das Naturhistorische Museum in Bern. Manuel Schweizer öffnet die schwere Tür zum Tiefkühlraum. Hier lagern bei minus 20 Grad nicht nur Mäuse, sondern auch andere Kadaver.

«Bei uns kann man grundsätzlich jede Tierart abgeben, auch Vögel. Für die Forschung und Sammlung sind wir auf möglichst viele Individuen angewiesen», sagt der Kurator. Nur allzu gerne stellte sich das Museum deshalb als Abgabeort für das Mäuseforschungsprojekt zur Verfügung.

«Gerade von vermeintlich alltäglichen Tier­arten wie der Hausmaus haben wir zu wenig Daten, Skelette oder Felle.»Manuel Schweizer
Naturhistorisches Museum Bern

«Gerade von vermeintlich alltäglichen Tierarten wie der Hausmaus haben wir viel zu wenig Daten, Skelette oder Felle», sagt Schweizer. Nach der Bestimmung, der DNA-Entnahme und Untersuchung bleiben die Mäuse darum in der Sammlung im Keller des Museums.

Die Hausmaus ist überhaupt ein gutes Beispiel für das aktuelle Projekt: «Bisher haben wir noch keine einzige Hausmaus erhalten, was erstaunlich ist», sagt Biologin Irene Weinberger vom Büro Quadrapoda. Man würde doch denken, dass Hausmäuse häufig vorkämen.

«Es könnte aber sein, dass die Population zurückgegangen ist, weil Hausmäuse in den heutigen Bauten zu wenig Lebensraum finden.» Eine andere Frage, welche die Forscher mithilfe der jagenden Katzen klären könnten, ist das Vorkommen von Arten. Man kennt zwei Gebiete im Kanton Bern, in denen Zwergmäuse leben. Aber wer weiss: Vielleicht entdeckt man dank einer Katze plötzlich neue Zwergmausreviere?

Über 1,4 Millionen Katzen leben in der Schweiz und bringen regelmässig Beutetiere nach Hause. Diesen Umstand müsste man doch für die Forschung nutzen können, sagten sich Irene Weinberger und Thomas Briner, Biologe und Leiter des Naturmuseums Solothurn.

Aus der vagen Idee wurde das Projekt «Zeig mir deine Maus, Katze!». Die Trägerschaft hat die Schweizerische Gesellschaft für Wildtierbiologie übernommen, verschiedene Partner wie der Berner Tierschutz finanzieren es. Museen und Tierarztpraxen haben sich als Sammelstellen zur Verfügung gestellt.

Ziel des Projekts ist es nicht nur, mehr über kleine Säugetiere zu erfahren. Sollte sich herausstellen, dass eine Art bedroht ist, könnte man Massnahmen zu ihrem Schutz ergreifen.

Welche Maus ist es?

Wird ein Kleinsäuger an der ­Kasse des Naturhistorischen Museums abgegeben, landet er zuerst fachgerecht verpackt und ­beschriftet im Kühlraum. Anschliessend wird dem Tierchen DNA entnommen, es wird bestimmt, vermessen, gewogen und als Ganzes in Formalin konserviert. Oder Knochen und Fell werden präpariert und separat aufbewahrt.

Möchte nun ein französischer Mäuseforscher ­herausfinden, ob Waldmäuse in Frankreich und der Schweiz die gleichen Schädel haben, kann er auf die Daten des Museums zurückgreifen. «Erst dank moderner Analysemöglichkeiten konnte man zum Beispiel herausfinden, dass es in der Schweiz mehr Fledermausarten gibt, als man dachte», erklärt Schweizer.

Waldspitzmaus? Feldmaus? Oder doch Rötelmaus? Wer die nächste Beute seiner Katze nicht einfach im Garten bestattet, sondern fachgerecht der Wissenschaft übergibt (siehe Infobox), kann das erfahren. «Wenn Finder ihre Mailadresse hinterlassen, versuche ich jedem mitzuteilen, welches Tier er abgegeben hat», sagt Irene Weinberger.

Auch die Mäuse im Museum werden in der Sammlung mit dem Fundort und dem Namen des Finders versehen. «Seine» Maus findet man nach Abschluss des Projekts auch online beim Schweizerischen Zentrum für die Kartografie der Fauna (www.cscf.ch).

Der Rücklauf an Mäusen sei noch bescheiden, sagt Irene Weinberger, die selber keine Katze hat, deren Beute sie untersuchen könnte. Und Katzen machen ja bekanntlich, was sie wollen. Seit die Katze der Autorin vom Projekt erfahren hat, frisst sie ihre Mäuse. Draussen, auf der Fussmatte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.05.2018, 17:57 Uhr

Was tun mit der Maus?

Katzenhalter, die das Forschungsprojekt des Naturmuseums Solothurn und des Berner Büros Quadrapoda unterstützen wollen, können das mit relativ geringem Aufwand tun. Bringt das Büsi ein kleines Säugetier nach Hause, wird die Beute in einen Plastiksack verpackt. Am besten eignet sich dafür ein Gefrierbeutel, der gut verschlossen werden kann. Der Beutel sollte mit dem Fundort und dem Datum beschriftet werden. Auch der Name des Finders sollte darauf vermerkt werden.

Idealerweise bringt man das Tierchen nun möglichst rasch zu einer der Sammelstellen. Bis dahin sollte man es kühl lagern, also zum Beispiel im Keller. Die Abgabestellen befinden sich verteilt in den Kantonen Bern und Solothurn. In Bern nimmt das Naturhistorische Museum Mäuse an, diverse Tierarztpraxen sammeln die Kleinsäuger ebenfalls. Eine Liste der Abgabestellen sowie weitere Informationen zum Projekt findet man unter www.bit.ly/katze-maus.mm

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