Regiozug steht auf dem Abstellgleis

Der öffentliche Regionalverkehr zwischen Interlaken und Spiez wechselt frühstens 2019 von der Schiene auf die Strasse. Der Grosse Rat stimmte dem Angebotsbeschluss, wie ihn der Regierungsrat vorgeschlagen hat, zu.

Dieses Bild wird bald Geschichte sein: Ein Regionalzug hält in Därligen.

Dieses Bild wird bald Geschichte sein: Ein Regionalzug hält in Därligen.

(Bild: Markus Hubacher)

So begeistert hat man Regierungsrätin Barbara Egger (SP) in einer Grossratsitzung noch selten erlebt: «Ich bin eine ausserordentlich glückliche Verkehrsdirektorin», schwärmte sie am Schluss der mehrstündigen Debatte über das Angebot im ­öffentlichen Verkehr.

Es klang so harmonisch, dass Ratsprä­sident Carlos Reinhard (FDP, Thun) ihr das Mikrofon ab­stellte, offensichtlich in der Meinung, Egger habe damit ein schönes Schlusswort für ihr Statement gefunden.

Doch weit gefehlt, Egger hatte noch gar nicht richtig angefangen. Denn trotz ihres Glücks, dass die Grossräte viel Lob für den immensen Strauss an Massnahmen übrig hatten und nur über Details diskutierten, blieb ein Zankapfel: Der geplante Busbetrieb zwischen Spiez und Interlaken hatte die Debatte in die Länge gezogen. 31-mal wechselte das Mikrofon die Hand, bevor schliesslich abgestimmt wurde.

Die Gemeinde Leissigen wehrte sich dagegen,stand aber in der Region isoliert da. Lediglich die BLS weibelte ebenfalls für den Bahnbetrieb – mit einer Vehemenz, die etlichen Grossräten sauer aufstiess und die auch Verkehrsdirektorin Barbara Egger als «übermässige Einmischung» kritisierte.

Antrag auf Verschiebung

Aufgegriffen wurde Leissigens Anliegen von Markus Wenger (EVP, Spiez) und Lars Guggisberg (SVP, Kirchlindach). Sie stellten sich zwar nicht generell gegen einen Bus, wollten aber zuerst den Halbstundentakt der IC-Züge zwischen Spiez und Interlaken abwarten und die Einfahrt des Busses auf die Autobahn sicherer gestalten.

«Wir müssen an die künftige Entwicklung in diesem Raum denken», hielt Egger entgegen. Sprich: den Halbstundentakt des IC sowie die direkte Verbindung von Interlaken an den Flughafen Zürich. Wenn die Bahn weiterhin fahren sollte, müssten zudem für eine kurze Zeit Perrons ausgebaut werden.

Ausserdem, so betonten mehrere Grossräte, würden die Einwohner profitieren: Der Bus würde künftig durch die Dörfer Faulensee, Därligen und Leissigen fahren. Die Leissiger und Därliger Sekundarschüler würden direkt auf das Bödeli in die Schule chauffiert.

Die Einfahrt als Problem

Mehrere Votanten, die den Antrag Guggisberg/Wenger unterstützten, verwiesen auf die pro­blematische Einfahrt auf die A 8 von Därligen Richtung Inter­laken. Darunter auch die Zweisimmnerin Anne-Speiser-Niess. «Eine Verschiebung der Um­stellung macht Sinn, so kann die Situation gemeinsam mit dem Astra geprüft werden, bevor voll­endete Tatsachen geschaffen werden.»

Peter Flück (FDP, In­terlaken) seines Zeichens Prä­sident der Regionalkonferenz Oberland-Ost, meinte, man müsse erst den Beschluss gutheissen, dann erst könne man mit dem ­Astra sprechen. «Ich bin aber froh, dass dem Thema so grosse Aufmerksamkeit geschenkt wird.»

Das werde bei den Ge­sprächen mit dem Astra hilfreich sein. Dieser Ansicht schloss sich Regierungsrätin Egger an. «Die Umstellung auf den Bus erfolgt frühstens 2019. Bis dann werden wir gemeinsam mit dem Astra eine Verbesserung der Situation auf der A 8 erreicht haben.»

Zuletzt erhielten Wenger und Guggisberg nur noch die Forderung nach einer besseren Zufahrt auf die Autostrasse aufrecht, doch ihr Antrag wurde mit 85 zu 54 Stimmen bei 12 Enthaltungen abgelehnt.

Austarierte Vorlage

Zu bewusst waren sich die Grossräte wohl, dass ein Ja zu Partikularinteressen eine Lawine hätte auslösen können. «Wir riskieren, mit Einzelinteressen überhäuft zu werden», mahnte Jakob Schwarz (EDU, Adelboden).

Et­liche Grossräte lobten die Aus­gewogenheit des Angebots, von dem sowohl die Städte als auch die Agglomerationen und das Land profitieren würden. Begrüsst wurde, dass nicht alle Wünsche aus den Regionen erfüllt werden sollen. Dieses Gleichgewicht wollte die Mehrheit nicht gefährden.

Drohende Spardebatte

Etwas schwebt indes noch über dem Entscheid: die Spardebatte vom November. Dort könnte noch einmal auf einzelne Linien zurückgekommen werden. Viele Grossräte betonten aber, dass es wichtig sei, den ÖV auszubauen – schliesslich habe es vor vier Jahren eben wegen Sparmassnahmen ein Moratorium ge­geben.

Mit jährlichen Betriebskosten von 308 Millionen Franken sieht das Angebot nun für die nächsten vier Jahre einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs vor – mit neuen Linienführungen und dichteren Takten (wir berichteten).

Ohne Gegenstimme sagte der Grosse Rat am Donnerstag Ja zu diesem Ausbau sowie zu den nötigen Investitionen von 194 Millionen Franken. Nun bleibt abzuwarten, ob Egger auch im November noch eine glückliche Verkehrsdirektorin sein wird.

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