Belpmoos

Aufwind kurz vor dem Aus

Belpmoos Noch vor wenigen Wochen plante die Berner Segelfluggruppe ihre Auflösung. Nun sieht sie für sich wieder eine Zukunft. Doch die Lage bleibt unsicher.

Sie schöpfen wieder Hoffnung: Christoph Schläppi (links) und Stefan Zlot von der Segelfluggruppe Bern.

Sie schöpfen wieder Hoffnung: Christoph Schläppi (links) und Stefan Zlot von der Segelfluggruppe Bern. Bild: Enrique Muñoz Garciá

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Wenn sich Stefan Zlot die Zukunft des Flughafens Bern-Belp vorstellt, sieht er nicht nur Flugzeuge oder Helikopter starten und landen. Er sieht Familien, die am Samstagnachmittag einen Ausflug ins Belpmoos machen.

Er sieht Menschen auf einer Terrasse sitzen, die Glace essen und dem Treiben auf dem Flugplatz zuschauen. Er sieht Oldtimerflugzeuge und Motorflieger, Ballonfahrer und Fallschirmspringer. Und natürlich sieht Zlot, Präsident der Segelfluggruppe Bern (SG), Segelflugzeuge.

Noch im Sommer verschwendete er keine Gedanken an ein solches Szenario. Denn damals plante der Flughafen fest mit der vierten Ausbauetappe. «In diesen Plänen gab es für uns keinen Platz», sagt Zlot. Deshalb plante die SG bereits ihre Auflösung. Doch dann kam es rund um den Flughafen zu schweren Turbulenzen. Und auf einmal spüren die Segelflieger Aufwind.

Attraktives Belpmoos

Montagmorgen im Belpmoos. Zusammen mit Christoph Schläppi, Mitglied und ehemaliger SG-Präsident, sitzt Zlot in der Villa Thermik. So heisst das geräumige Clubhaus, das sich neben dem Hangar befindet. Hier finden Schulungen, Sitzungen, Versammlungen, Vereinsfeste der SG statt.

Die Berner Segelflieger sind im westlichen Teil des Flughafengeländes zu Hause, vom Flughafen aus gesehen auf der «anderen Seite» der Piste. Seit 1923 üben sie ihren Sport in Belp aus. Direkt vor dem Hangar befindet sich die Graspiste. «Das Belpmoos ist ein guter Flugplatz für unseren Sport», sagt Schläppi. «Wir hängen an diesem Ort.» Und aus sportlicher Sicht sei es einer der attraktivsten Plätze überhaupt.

In den nahen Voralpen könnten Anfänger erste Erfahrungen sammeln. Das anspruchsvolle Oberland sei gut zu erreichen. «Und wir kommen in den Jura – und am Abend wieder zurück.»

Die Folgen des Ausbaus

In den letzten Jahren geriet dieser Standort allerdings immer stärker unter Druck. Kurz vor Weihnachten 2017 wurde die SG vom Flughafen Bern über den geplanten Ausbau in Kenntnis gesetzt: Im westlichen Flughafengelände sollen zuerst eine Rollbahn und ein Pistenvorfeld, später auch noch Hangars gebaut werden.

Im März sprach der Grosse Rat für den Ausbau einen Kredit von 2 Millionen Franken. Die SG nahm das konsterniert zur Kenntnis: «Ich weiss nicht, ob die Politiker, die öffentliches Geld für den Ausbau gesprochen haben, gewusst haben, dass dies unsere Existenz kostet», sagt Schläppi.

Die Segelflieger sollten auf die alte Graspiste ausweichen, die allerdings zuerst saniert werden müsste. Dafür wurden Kosten im hohen sechsstelligen Bereich geltend gemacht. Es war ungewiss, ob der Flughafen Bern dafür aufkommen würde. Diese «ungewisse Zukunft» wurde auch im Bundeshaus thematisiert (siehe Kasten).

Der Plan B

Flughafendirektor Mathias Gantenbein bestätigt, dass ein Ausbau «spürbare operationelle Eischränkungen» zur Folge hätte. In der vierten Ausbauetappe sei der Segelflug zwar planerisch berücksichtigt und operationell möglich». In der Praxis dürfte er aufgrund der stets ansteigenden Anforderungen und Sicherheitsmargen «wohl aber kaum mehr Spass bereiten».

Vor den Sommerferien schrieb Zlot einen Brief an die Mitglieder. Es bestehe «keine Aussicht», dass die SG ihren Betrieb ab nächstem Jahr «in vertretbarem Rahmen» ausüben könne. Deshalb erarbeite man einen Plan B. Es sei nicht möglich, die Segelfluggruppe als Ganzes zu zügeln, stattdessen sollten sich die Mitglieder nach neuen Gruppen in der Umgebung umschauen. Zusammengefasst: Die SG würde aufgelöst.

Zeit gewonnen 

Doch dann ging der Sommer zu Ende, und Skywork blieb am Boden. Bald darauf kam die Nachricht, dass der Flughafen vorerst auf einen Ausbau verzichtet. «Wir müssen Prioritäten setzen», sagte Flughafenpräsident Beat Brechbühl. Zlot ist überzeugt: «Nun haben wir Zeit, gemeinsam neue Lösungen zu erarbeiten.»

Gantenbein sagt es so: Kurzfristig dürfte es der Segelfluggruppe möglich sein, weiter zu operieren. «Es macht zugleich Sinn, sich weiterhin Gedanken über die Zukunft zu machen.» Der Segelflug sei ein wunderbarer, freiheitsliebender Sport, der sich jedoch immer wieder an der Komplexität, den engen Platzverhältnissen und den Anforderungen am Flughafen Bern zu reiben scheine. Der Flughafendirektor betont aber auch, dass die Kleinaviatik ein «wichtiger Bestandteil» des Flughafens sei, gerade auch die Flugschulen. Sie stellten den aviatischen Nachwuchs sicher.

Die grosse Hoffnung

Das sieht auch Christoph Schläppi so. «Bei uns lernt man das Handwerk von Grund auf.» Viele Jugendliche starteten ihre Pilotenkarriere mit Segelfliegen. Der Flugsport habe auch sozial viel zu bieten. Den Jungen werde zum Beispiel vermittelt, wie man verantwortungsvoll mit dem Flugmaterial umgehe.

«Wir pflegen die Fliegerei und könnten ein Bindeglied zwischen dem Flughafen und der Bevölkerung sein», sagt Stefan Zlot. Er hofft, dass das auch die Verantwortlichen des Flughafens so sehen. «Und es heisst immer, dass man in der Fliegerei solidarisch sein sollte.» Er ist überzeugt, dass auch der Flughafen von der Vielfalt der Sparten profitieren könnte.

Heute sei das Mösli kein Ausflugsziel mehr. «Hier ist alles überdmensioniert.» Die Kontrollzone sei relativ gross, und die Sicherheitsvorschriften seien ähnlich wie in Kloten. Nun aber ergebe sich die Möglichkeit, die Pläne für die Zukunft des Flughafens neu zu zeichnen. «Das ist eine grosse Chance.» Nicht nur für die Segelfluggruppe Bern.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.11.2018, 16:10 Uhr

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«Wir müssen uns wehren»

Die «ungewisse Zukunft der Sportfliegerei» im Belpmoos war auch Thema im Bundeshaus. Im September – noch vor dem Entscheid des Flughafens Bern, die Ausbaupläne zu sistieren – reichte FDP-Nationalrat Matthias Jauslin eine Interpellation ein. Jauslin ist Präsident des Aeroclub der Schweiz und wollte wissen, was der Bundesrat dazu sage, dass mit der vierten Ausbauetappe «die Graspiste und die Sparte Segelflug trotz gegenteiliger Vorgaben wegfallen sollen».

Die Antwort der Regierung hat Jauslin gefallen. Der Flughafen solle «so weit als möglich» weiterhin dem Flugsport und der fliegerischen Aus- und Weiterbildung dienen, wie es im entsprechenden Sachplan festgehalten sei. «Damit hat der Bundesrat signalisiert, dass er erwartet, dass man auch der Leichtaviatik und der Sportfliegerei Platz lässt.» Nun liege es am Flugplatzhalter, die Sanierung der Graspiste schnell an die Hand zu nehmen.

Gerade auf kontrollierten Flugplätzen werde es für Segelflieger immer schwieriger, ihren Sport auszuüben, sagt Jauslin. «Wenn wir vom Flugplatzhalter an den Rand gedrängt werden, müssen wir uns wehren.» (rei)

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