Aufstieg von der Hinterbank in die zweite Reihe

Christoph Neuhaus sitzt seit zehn Jahren für die SVP in der Regierung. In der zu Ende gehenden ­Legislatur hat er sein Profil geschärft. Seine ­Erfolgsbilanz ist dennoch durchzogen.

Locker: Christoph Neuhaus im vertrauten  Regierungsratszimmer.

Locker: Christoph Neuhaus im vertrauten Regierungsratszimmer. Bild: Raphael Moser

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Kein anderer Regierungsrat muss sich solche Anwürfe anhören: Er redet schneller, als er denkt, aus seinem Mund sprudeln zu oft allzu flapsige Bemerkungen. Und: Er ist die graue Maus im Regierungskollegium ohne Durchsetzungsvermögen und Ehrgeiz. Seit seinem Antritt als Vorsteher der Justiz-, ­Gemeinde- und Kirchendirektion (JGK) vor zehn Jahren sind diese Vorwürfe nie verstummt. In zweieinhalb Wochen stehen wieder Wahlen an. Zeit, diese Kritik auf ihre Haltbarkeit zu prüfen.

Der Vorwurf vom losen Mundwerk stimmt weiterhin. Erst in der Novembersession des Grossen Rates lieferte Neuhaus dazu eine weitere Kostprobe ab. Er liess sich dazu hinreissen, im Plenum in einer Art und Weise über den Präsidenten der Geschäftsprüfungskommission (GPK), SP-Grossrat Peter Siegenthaler, herzuziehen, wie man es von Regierungsräten selten bis nie erlebt. Die GPK hatte Neuhaus vorgeworfen, dass unter anderem seine Direktion den bernischen Kiesmarkt nur genügend kontrolliert.

Neuhaus schien von dieser Kritik derart gekränkt, dass er der GPK indirekt Unfähigkeit vorwarf und ihren Bericht als «politisch» abkanzelte. Er wirkte mit seiner Tirade zuweilen wie ein trötzelnder Kindergärteler. Das Parlament schlug sich übrigens deutlich auf die Seite der GPK und verpasste der Regierung mit dem Auftrag, die Aufsicht zu verbessern, einen Denkzettel.

Mehr Profil ja...

Ist Neuhaus weiterhin die graue Maus im Regierungsrat? Nein. Er hat eine Legislatur hinter sich, in der er überdurchschnittlich oft wichtige Geschäfte zu vertreten hatte und entsprechend stärker im Fokus stand als früher. Heraus stechen etwa das Baugesetz, das Kirchengesetz mit der daraus folgenden stärkeren Trennung von Kirche und Staat sowie der hochemotional geführte Zwist um die Transitplätze für Fahrende.

Neuhaus ist zwar immer noch nicht die prägende Figur in der siebenköpfigen Regierung. Sein SVP-Amtskollege Pierre Alain Schnegg etwa liefert momentan eine Kostprobe davon ab, wie selbst ein Neo-Regierungsrat schon nach kurzer Zeit tiefere Spuren hinterlassen kann. Neuhaus hat nach zehn Jahren jedoch an Profil gewonnen. Selbstvertrauen dürfte ihm geben, dass er inzwischen das amtsälteste Regierungsmitglied ist.

Auch poli­tische Gegner attestieren ihm, dass er einen Schritt nach vorne gemacht hat. Grüne-Grossrat Blaise Kropf: «Vom Parteisekretär der SVP zum Regierungsrat ist es eine gewisse Wegstrecke, die man zurücklegen muss. Er hat sich in den letzten Jahren entwickelt.» Neuhaus trete in der von Kropf präsidierten Raumplanungskommission stets dossiersicher und seriös auf. Selbst GPK-Präsident Peter Siegenthaler (SP), der im November Opfer von Neuhaus’ Verbalattacke war, attestiert dem SVP-Mann «etwas Gewinnendes, Sympathisches» und Dossierfestigkeit. «Normalerweise pflegen wir einen anständigen, respektvollen Umgang.»

... mehr Erfolg nein

Die Profilsteigerung bedeutet ­allerdings nicht, dass Neuhaus deshalb auch gleich durchsetzungskräftiger und erfolgreicher ­geworden wäre. Gerade in der zweiten Hälfte der Legislatur musste Neuhaus mehr als eine bittere Pille schlucken: Neben dem erwähnten Denkzettel im Kiesstreit machte der SVP-Magistrat vor allem in der Diskussion um Durchgangs- und Transitplätze für Fahrende keine gute Figur. Selten gibt es kantonale Themen mit solcher Strahlkraft. Auch wenn niemand behauptet, es sei einfach, den Fahrenden gerecht zu werden und genügend Plätze bereitzustellen: Neuhaus machte einen bisweilen überforderten Eindruck, das Geschäft zeigte ihm seine Grenzen auf.

Zuerst versenkte der Grosse Rat im Juni 2016 die Pläne für einen rund 9 Millionen Franken teuren Transitplatz für ausländische Fahrende in Meinisberg. Viel zu teuer, lautete das Verdikt. Neuhaus versuchte danach in Gesprächen mit Seeländer Gemeindepräsidenten zwar noch, einen alternativen Standort zu finden. Als er aber merkte, dass er nicht weiterkam, gab er die heisse Kartoffel an die Regierungsstatthalter weiter. Damit bewies er nicht gerade Führungsstärke.

Mittlerweile hat Neuhaus mit einer Parzelle des Bundes in Wileroltigen zwar einen möglichen Trumpf und Ausweg aus der Sackgasse in der Hinterhand. Jedoch stiess er die Exponenten der Gemeinde vor den Kopf, als er mitten in der grössten Krise des Dorfes ankündigte, in Wileroltigen einen definitiven Transitplatz für ausländische Fahrende bauen zu wollen. Diese Ankündigung machte er letzten Sommer, als zeitweise bis zu 200 Wohn­wagengespanne das Dorf belagerten. Dabei liess Neuhaus das nötige Fingerspitzengefühl für diese hochemotionale Situation vermissen. Das mag seinem Naturell entsprechen, da er selber eine hohe Frusttoleranz hat und meistens – zumindest äusserlich – gelassen auf Kritik an seiner Person reagiert. Das ist eine mögliche Erklärung, aber keine Entschuldigung für seinen missglückten Auftritt in Wileroltigen.

Die fehlenden Ambitionen

Die vier bisherigen Regierungsmitglieder dürften die Wiederwahl Ende März relativ ungefährdet schaffen. Schliesslich besteht im deutschsprachigen Kantonsteil faktisch ein Nichtangriffspakt zwischen links und rechts. In der anschliessenden Departementsverteilung wird Neuhaus dann im Fokus stehen: Als dienstältester Regierungsrat darf er als Erstes wählen. Es müsste eigentlich im ureigenen Interesse der SVP sein, die Gunst der Stunde zu nutzen und der SP die frei werdende und gewichtige Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion wegzuschnappen.

Neuhaus kokettiert auch gerne damit, dass ihn ein Wechsel reizen würde. Man nimmt ihm das aber nicht so ganz ab. Im Gegenteil wirkt es seit Jahren so, als hätte er sich in der kleinen JGK bequem eingerichtet, sich dort die dafür nötigen Dossierkenntnisse erarbeitet. Ambitionen aber, im Gesamtregierungsrat eine Leaderrolle einzunehmen und auch in Geschäften der Kolleginnen und Kollegen prägend mitzudiskutieren, liess er kaum aufblitzen. Dieses Bild zeichnen auch mehrere Grossräte von ihm: Christoph Neuhaus fühlt sich wohl in seiner Haut als durchschnittlicher Regierungsrat an der Spitze einer kleinen Direktion. Mal schauen, was seine Partei nach den Wahlen dazu sagt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.03.2018, 08:05 Uhr

Serie

«Spieglein, Spieglein an der Wand,wer regiert künftig das Berner Land?» Für unsere Porträtserie mussten sich die zehn offiziellen Kandidatinnen und Kandidaten der etablierten Parteien mit einem Spiegel im Regierungsratszimmer inszenieren. Am Ende der Serie publizieren wir ein Quiz mit Fragen zu den zehn Kandidaten.

Vor dem Spiegel

«So, fangen wir an.» SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus kommt zackig ans Shooting mit den Fotografen dieser Zeitung. Er denkt offenbar gar nicht daran, die volle eingeplante Stunde auszunutzen. Wie er sich mit der vorgeschriebenen Requisite – einem alten Spiegel – im Regierungsratszimmer in Szene setzen will, hat er sich im Vorfeld nicht überlegt. Er weiss aber, was er sicher nicht will: «Ich möchte mich nicht selber im Spiegel sehen.» Warum? «Sie kommen als Original auf die Welt. Wenn Sie Pech haben, verlassen Sie sie als Kopie.» Gesagt, getan, Neuhaus klemmt sich den Spiegel unter den Arm, stellt sich locker mitten in den Raum. Und lächelt.

Neuhaus' Positionen (Quelle: Smartvote/Sotomo. Hier gehts zu den Smartmaps aller Kandidaten)

Die Replik

«Ein Artikel sagt mehr aus über den, der ihn schreibt»

«Ein Artikel sagt sehr viel mehr aus über den, der ihn schreibt, als über denjenigen, der beschrieben wird. Habe ich mal am Medienausbildungszentrum vor 25 Jahren gelernt. Eine zeitlose Erkenntnis.

Vergessen gingen Richtplan, drei Plätze für einheimische Fahrende, Einführung Kesb, Früherkennung von Kindeswohlgefährdung oder Digitalisierung von Grundbuch, öffentlich-rechtlicher Nutzungsplanung, Handelsregister sowie Baubewilligungsverfahren. Weggelassen wurde der Religionsbericht, dafür unterstellt, die JGK müsse die Kiesbranche kontrollieren. Auftritt in Wileroltigen gab es keinen – missglückt? Deshalb gilt wie 2014: Ich bin, wie ich bin, sagte doch schon Konrad Adenauer. Meine Quizfrage: Wie lautet die Fortsetzung?» Christoph Neuhaus

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