«Attraktive Arbeit ist wichtiger als der Lohn»

Hans-Uwe Simon, Dekan der Medizinischen Fakultät Bern, begrüsst zwar die Ausbildungsoffensive in der Humanmedizin. Den Mangel an Hausärzten löse man damit aber nicht. Dazu seien zusätzliche Massnahmen nötig.

Hans-Uwe Simon im Zentrum für Labormedizin des Inselspitals, wo Forschung und Praxis zusammenfinden.

Hans-Uwe Simon im Zentrum für Labormedizin des Inselspitals, wo Forschung und Praxis zusammenfinden. Bild: Stefan Anderegg

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Es gibt zu wenig Hausärzte. Wie akut ist das Problem?

Hans-Uwe Simon: Etwa ein Drittel der Hausärzte sind heute über 60 Jahre alt. Im Kanton Bern werden in den nächsten zehn Jahren etwa 60 Prozent der Hausärzte altershalber ihre Praxis aufgeben.

Eine wachsende Bevölkerung, die immer mehr medizinische Leistungen beziehen will, braucht mehr Ärzte. Gibt es keinen anderen Weg?

Ich kann mir vorstellen, dass sich das Problem in Zukunft anders löst: Mit dem digitalen Fortschritt lässt sich wahrscheinlich ein Teil der Grundversorgung via Chat oder Telemedizin gewährleisten. Zudem braucht es nicht für alles einen Arzt. Zentral wird darum die Befähigung von nicht ärztlichem Personal, indem es zum Beispiel impfen kann.

Vorerst lanciert der Bund eine Offensive, mit der 250 zusätz­liche Ausbildungsplätze für ­Ärzte geschaffen werden sollen. Wird so das aktuelle Problem des Hausarztmangels gelöst?

Nein, denn es werden einfach mehr Mediziner ausgebildet und nicht speziell Hausärzte.

Also wird es an den Ausbildungsstätten liegen, ob Mediziner die Hausarztlaufbahn einschlagen. Wie wollen Sie junge Mediziner dazu bewegen?

Ich kann mir vorstellen, dass wir ihnen in der Beratung Weiter­bildungspakete anbieten werden, also beispielsweise einen klar strukturierten Weg bis zum Abschluss als Hausarzt. Zudem möchten wir Hausärzte künftig stärker in die angewandte Forschung involvieren und ihnen so eine Perspektive über den Berufsalltag hinaus aufzeigen.

«Mit der Ausbildungsoffensive werden einfach mehr Mediziner ausgebildet und nicht speziell ­Hausärzte.»

Dänemark schafft gute Rahmenbedingungen für Hausärzte, zum Beispiel beim Einkommen und beim administrativen Aufwand. Müsste man hier in der Schweiz mehr tun?

Eine Verbesserung des Einkommens ist seit längerem in der Diskussion. Als Medizinische Fakultät haben wir darauf aber keinen Einfluss. Wir können nur auf die Attraktivität des Studiums und zum Teil auf die Weiter- und Fortbildung Einfluss nehmen.

Die Zahl der Spezialärzte wird nach hohem Zuwachs vom Bund begrenzt. Wie stehen Sie dazu?

Als temporäre Massnahme kann das hilfreich sein, grundsätzlich müssen aber andere Anreize gesetzt werden.

Als Spezialarzt zu arbeiten, ist schlicht lukrativer und bringt mehr Reputation.

Das Einkommen ist aus meiner Sicht nicht das Hauptkriterium. Entscheidender ist, wie attraktiv die Arbeit ist. Deshalb zählen ­besonders für die heutige Generation Kriterien wie Teamarbeit und Familientauglichkeit. Auch Teilzeitarbeit ist ein Thema. Mit Gemeinschaftspraxen kann ein solcher Kontext geschaffen ­werden.

Ist es nicht nachvollziehbar, dass angesichts des faszinierenden Umfelds eines Universitätsspitals, wo die Ausbildung zu wesentlichen Teilen stattfindet, niemand in die Peripherie will?

Das sehe ich anders. Beide, Spezial- und Hausärzte, erhalten ihre Aus- oder Weiterbildung sowohl in einem Universitätsspital als auch anderswo. Die Anteile variieren je nach persönlichem Fokus, und das zeigt sich dann in der späteren Tätigkeit. Übrigens sind mehr Spezialisten ausserhalb als in Unispitälern tätig.

«Die fünf  Univer­sitäten, die schon heute Ärzte ausbilden, würden auch mit höheren Zahlen zurechtkommen.»

Bern hat die Studienplätze in Humanmedizin seit 2007 um 76 Prozent erhöht. Nun kommen weitere 100 Plätze dazu. Was bedeutet das für Ihre Fakultät?

Zuerst ist es für uns eine Ehre, diesen Beitrag leisten zu dürfen. Natürlich fordert uns ein solcher Ausbau aber auch heraus. Wir müssen unter anderem finanzielle, organisatorische, logistische und infrastrukturelle Probleme lösen. Es kommt Mehrarbeit auf uns zu. Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir in unserer Forschungsaktivität nicht nachlassen werden.

Bern wird zur grössten Medizinischen Fakultät.

Ob wir die Grössten sind, ist sekundär. Wichtiger ist uns die Qualität. Und da ist das Berner Universitätsspital mit seiner Topinfrastruktur, mit seiner schweizweit einzigartigen Nähe von Praxis und Forschung sehr gut aufgestellt: Damit schaffen wir für Mediziner, die auf ihrem Gebiet eine Kapazität sind, gute Perspektiven, was wiederum junge Talente weit über die Landesgrenzen hinaus anzieht. Davon profitieren auch Studierende aus der Schweiz.

Der Bund unterstützt die Offensive mit 100 Millionen Franken. Nun wollen neue Universitäten einsteigen. Ist das sinnvoll?

Sagen wir es so: Die fünf Universitäten, die bisher Ärzte ausbilden, würden auch mit höheren Zahlen zurechtkommen. Positiv ist, dass die Universität Freiburg neu ein vollständiges Medizinstudium mit einem Schwerpunkt Hausarztmedizin anbietet. St. Gallen, Luzern und Lugano sehen aber nur ein Masterstudium vor; ich sehe hier keinen Beitrag für die Ausbildung von mehr Ärzten, da nicht mehr Bachelorstudierende ausgebildet werden.

Die Hochschulkonferenz entscheidet am Freitag, wer wie viel Geld vom Bund erhält. Der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver erwartet angesichts des Efforts die Hälfte, und Sie?

Wir haben uns in Bern entschlossen, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen, weil der Bedarf da ist. Dies unabhängig davon, wie viel Geld wir erhalten. Natürlich würden wir uns freuen, wenn unser Engagement von der Hochschulkonferenz honoriert wird. Letztlich hängt davon auch die Qualität der künftigen Ausbildungsgänge ab.

Sogar die ETH Zürich baut einen Ausbildungsgang auf. Er soll einen naturwissenschaftlichtechnischen Schwerpunkt haben. Das wird keine Lehrstätte für Allgemeinmediziner, oder?

Das stimmt. Andererseits muss man sich überlegen, ob dies die Aufgabe der ETH Zürich ist. Es geht darum, dass wir künftig Ärzte benötigen, die die Entwicklung medizinischer Geräte mitgestalten können. Zudem bieten die Hochschulen das an, was sowohl ihren Möglichkeiten als auch ihrem Bedarf entspricht.

Die ETH beschränkt sich auf den Bachelorabschluss. Für den Master arbeitet sie mit Basel und dem Tessin zusammen. Wer profitiert davon?

Für mich stellt sich die Frage, ob die ETH-Mediziner nach ihrem Abschluss zurück nach Zürich ­gehen. Ich vermute, Sie werden eher dort bleiben, wo sie den Master gemacht haben.

«Ich frage mich, ob ETH-Mediziner nach ihrem Ab­schluss zurück  nach Zürich gehen. Sie werden eher dort bleiben, wo  sie den Master gemacht haben.»

Die Uni Bern und die ETH brachten zum Bedauern von Berner Politikern keine Kooperation zustande. Woran lag das?

Das wurde etwas aufgebauscht. Es fanden mehrere gute Gespräche mit der ETH statt. Momentan reichen der ETH ihre Kooperationen. Sollte sich abzeichnen, dass es für einige ETH-Studierende sinnvoll wäre, in Bern das Masterstudium fortzusetzen, werden wir Lösungen finden. Nun gilt es abzuwarten. Der neue Studiengang startet erst in einem Jahr.

Erziehungsdirektor Bernhard Pulver und Ständerat Werner Luginbühl befürchten, Bern ­gerate auf lange Sicht ins Hintertreffen. Wie sehen Sie das?

Ich sehe diese Standortfragen etwas anders. Das Inselspital hat sich aufgrund der Bundesvorgabe, je einen Schwerpunkt in Zürich und in der Romandie zu setzen, dafür entschieden, auf dem Gebiet der personalisierten Medizin stärker mit Lausanne/Genf zusammenzuarbeiten. Dabei geht es um ausserordentlich teure Infrastruktur, wie sie beispielsweise zur Analyse von komplexen DNA-Sequenzen notwendig sein kann. Bern ist ein hervorragender Medizinstandort, und wir bauen unsere Stärken in der personalisierten Medizin, Herz- und Gefässkrankheiten sowie in der Onkologie und der Altersmedizin weiter aus.


Professor Hans-Uwe Simonist seit dem 1. August Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Bern. Seit 2000 leitet der aus Deutschland kommende Arzt das Pharmakologische Institut.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.11.2016, 06:36 Uhr

Ausbildungsoffensive

Am Freitag tagt das Koordinationsgremium für die universitäre Bildung zur Frage, wie die Ausbildungsoffensive in der Humanmedizin umgesetzt werden soll. Zuerst wird das Thema in der Plenarversammlung, in der sämtliche Kantone und der Bund vertreten sind, diskutiert. Anschliessend wird der Hochschulrat (Bund, 10 Hochschulkantone plus 4 Kantone ohne Hochschule) die Entscheide fällen.

Das Ziel sind rund 250 zusätzliche Ausbildungsplätze bis 2020. Ab 2025 sollen dann jährlich 1300 neue Ärztinnen und Ärzte die einheimischen Bildungsstätten verlassen. Bund und Kantone erhoffen sich, dass damit die Nachfrage gedeckt werden kann und der notorische Mangel an Hausärzten der Vergangenheit angehört.

Der Bund unterstützt den Ausbau mit einer Anschubfinanzierung von 100 Millionen Franken. Diese beflügelte die Universitätskantone.

Auf dem Tisch liegen Anträge, welche die benötigten Ausbildungsplätze übertreffen. Nebst etablierten Ausbildungsstätten wollen neue einsteigen, etwa Freiburg, Luzern, St. Gallen oder die ETH Zürich. Der Einfluss des steuernden Gremiums ist begrenzt: Laut Valerie Clerc, Geschäftsführerin der Hochschulkonferenz, könnte es sein, dass das vom Hochschulrat festgesetzte Ziel überschritten wird.

«Die Universitätskantone sind autonom», sagt sie. Angesichts der Fluktuation im Verlauf des Studiums seien mehr als 1300 Ausbildungsplätze aber kein Problem.

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