«An manchen Orten ist die Integration gescheitert»

Die Integration von lernschwachen Schülern im Kanton Bern sei an manchen Orten gescheitert, sagt Erika Reichenbach von Bildung Bern. Sie fordert einen Abbau des Betreuungsgürtels rund um die Schule und das Vieraugenprinzip in den Klassen.

Lehrerteams statt immer mehr Spezialisten. Ebendies fordert die Erika Reichenbach von Bildung Bern.

Lehrerteams statt immer mehr Spezialisten. Ebendies fordert die Erika Reichenbach von Bildung Bern.

(Bild: Urs Baumann)

Marius Aschwanden

Frau Reichenbach, weshalb gibt es immer mehr verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler?Erika Reichenbach: Einerseits ist die Gesellschaft dafür verantwortlich, andererseits die Schule. Im Gegensatz zu früher gibt es heute sehr viele Kinder, die in der Familie entweder zu wenig oder zu viel Zuwendung erhalten. Beides ist nicht gut. Solche Kinder würden mehr Kontinuität in Beziehungen benötigen. Und hier kommt die Schule ins Spiel. Unsere Strukturen sind so angelegt, dass das komplette Gegenteil von Kontinuität der Fall ist. Manche Kinder gehen am Morgen in die Krippe, anschliessend in die Schule, dann in die Tagesschule, von dort zurück in die Schule und später wieder in die Krippe. Das sorgt für enormen Stress bei den Kindern.

Seit 2008 werden auffällige Kinder in die Regelklassen integriert. Welche Rolle spielt diese integrative Schule?Mit der Umsetzung der Integration im Kanton Bern ist die Situation für viele schlimmer geworden. Die Schule ist heute ein Gemischtwarenladen. Zusammengefasst unter dem Begriff der besonderen Massnahmen für verhaltensauffällige oder lernschwache Schüler, gehen heute in den Klassenzimmern neben den Lehrpersonen Klassenhilfen, Zivildienstler, Grossmütter und Grossväter sowie Heilpädagogen ein und aus. Diese Vielzahl von Bezugspersonen führt dazu, dass Kinder immer weniger Kontinuität in Beziehungen erfahren. Das geht so weit, dass Schüler verhaltensauffällig werden, weil sie zu wenig Zuwendung erhalten.

«Im Gegensatz zu früher gibt es heute sehr viele Kinder, die in der Familie entweder zu wenig oder zu viel Zuwendung erhalten. Beides ist nicht gut.»

Ist die Integration im Kanton Bern also gescheitert?Nicht überall, es wäre ungerecht, das zu sagen. Ich habe 400 Schulen im gesamten Kanton besucht und sehr viel gute Integrationsarbeit gesehen. Aber es gibt auch negative Beispiele. Wenn ich zudem sehe, dass die Ausgaben für die besonderen Massnahmen immer weiter angestiegen sind, dass es immer mehr Sonderschüler gibt, dass heute wieder darüber diskutiert wird, Kleinklassen zu eröffnen, dann ist die Integration an manchen Orten tatsächlich ­gescheitert – und zwar massiv.

Auch Sie haben sich vor 2008 für die Integration eingesetzt. Was lief falsch?Der Grosse Rat hat es verpasst, die Rahmenbedingungen für die Umsetzung des Gesetzesartikels zu definieren. Seit 2008 fliessen die vorhandenen Ressourcen in den Speckgürtel der besonderen Massnahmen. Wir von der Fraktion Eingangsstufe von Bildung Bern haben dies von Beginn weg kritisiert und vehement Teamteaching gefordert. Sprich, dort, wo es viele auffällige Kinder gibt oder in schwierigen Gegenden mit sozialen Problemen, unterrichten pro Klasse zwei Lehrpersonen. Leider wurden wir nicht gehört. Heute zeigt sich, dass dies ein Fehler war.

Was wäre mit Teamteaching ­anders?Mit dem Vieraugenprinzip würde ein grosser Teil der heute auffälligen Kinder gar nicht erst zu solchen werden. Gerade bei hyperaktiven Schülern ist es ein riesiger Unterschied, ob sie in einer kontinuierlichen Beziehung sind oder nicht. Erhalten solche Kinder vom Lehrer genug Zuwendung, benötigen sie häufig keine besonderen Massnahmen. Ich denke sogar, manches Kind wäre nicht von der Schule ausgeschlossen worden, wenn die Rahmenbedingungen richtig gesetzt worden wären.

Aber auch das kostet doch ­etwas ...Das stimmt, aber bestimmt nicht so viel wie heute und in Zukunft. Von der aktuellen Situation profitieren insbesondere die Speziallehrkräfte, für die immer mehr Stellen geschaffen werden.

«Ich bin sogar dafür, dass in schwierigen Gegenden, beispielsweise in Biel, permanent eine Heilpädagogin in den Schulen anwesend ist.»

Und die bräuchte es gar nicht?Doch, es braucht diese Leute. Ich bin sogar dafür, dass in schwierigen Gegenden, beispielsweise in Biel, permanent eine Heilpädagogin in den Schulen anwesend ist. Aber auch die Heilpädagogik muss kontinuierlich erbracht werden. Heute kommen Heil­pädagogen nur für einzelne ­Stunden in die Schulen. Bevor sie eine Beziehung aufgebaut haben, sind sie schon wieder weg. Das kann doch nicht sein. Und ja, viele Speziallehrkräfte könnten in der Tat von normalen Lehrpersonen ersetzt werden, die im Team arbeiten.

Aktuell geht die Entwicklung in eine andere Richtung: Um dem Mangel an Heilpädagogen zu begegnen, wollen Politiker, dass für den integrativen Unterricht auch geeignete Fachleute beispielsweise aus der Landwirtschaft oder der Mechanik angestellt werden dürfen.Es ist zwar ein schöner Gedanke, wenn Kinder in Projekten, Landschulwochen oder Ähnlichem vor Ort und am realen Geschehen lernen.

Aber?Im Kanton Bern darf ­jede Person Schule geben, unabhängig von der Ausbildung. Das führt bereits heute zu grossen Qualitätsunterschieden. Einerseits haben die Lehrer Hochschulniveau, an­dererseits wollen wir nun auch noch Fischer, Förster und Bauern anstellen? Nein, danke. Ich finde es wunderbar, wenn die Schulen Projekte mit solchen Leuten ­machen. Aber die Forderung der Politiker würde den Flicken­teppich nur noch grösser machen.

Auch Bildung Bern verfolgt einen anderen Lösungsansatz: Franziska Schwab, Leiterin ­Pädagogik, forderte kürzlich in dieser Zeitung mehr Ressourcen für die besonderen Mass­nahmen.Auch innerhalb von Bildung Bern dürfen wir verschiedene Meinungen vertreten. Es stimmt aber nicht, dass wir komplett anderer Ansicht sind. Auch Franziska Schwab möchte insbesondere mehr Ressourcen fürs Teamteaching. Ich bin aber der Meinung, dass wir diese Mittel ­vorerst beim Topf der besonderen Massnahmen abzwacken könnten.

«Ich höre von sehr vielen Kolleginnen und Kollegen, dass sie es satthaben, mit derart vielen Bezugspersonen Gespräche führen zu müssen.»

Stossen Sie mit Ihren Ansichten bei der Lehrerschaft auf offene Ohren?Ja. Das ist nicht einfach die Meinung von Erika Reichenbach. An der letzten Versammlung der Fraktion Eingangsstufe von Bildung Bern wurde beschlossen, dass wir weiterkämpfen sollen für das Vieraugenprinzip. Ich höre zudem von sehr vielen Kolleginnen und Kollegen, dass sie es satthaben, mit derart vielen Bezugspersonen Gespräche führen zu müssen. Sie alle sind der Meinung, dass die grosse Anzahl verschiedener Personen grosse Unruhe in die Klassen bringt.

Ihre Bemühungen zeigen nun erste Erfolge. Derzeit läuft im Kanton Bern ein Schulversuch mit Lehrerteams.Das stimmt. Aber der Versuch läuft nur in zehn Schulen, und es dürfte noch Jahre dauern, bis erste Resultate oder gar Änderungen an der heutigen Praxis zu erwarten sind. Alles läuft viel zu bürokratisch ab und dauert viel zu lange. In der Zwischenzeit werden weiterhin Kinder von der Schule ausgeschlossen. Das ist bitter.

Anfang November wollen Sie zusammen mit Ihren Kollegen von Bildung Bern eine Bilanz zur Integration ziehen. Was erhoffen Sie sich davon?Einen Brief an alle Grossrats­mitglieder, in dem wir erneut auf die Probleme und unsere For­derungen aufmerksam machen wollen. Zudem hoffe ich sehr, dass der Schulversuch positive Ergebnisse bringt und die Erziehungsdirektion vor dem Grossen Rat irgendwann eine Legitimation hat, das Vieraugenprinzip einzuführen.

Ihr Kampf für Teamteaching dauert mittlerweile fast zehn Jahre. Wo nehmen Sie die Ausdauer her?Kämpfen ist mein Lebenselixier. Wenn ich mal nicht mehr kämpfe, dann sterbe ich wahrscheinlich. Und immerhin haben wir mit der Basisstufe ein echtes Integrationsprojekt realisiert.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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