An den Berner Schulen fehlen die Heilpädagogen

Im Kanton Bern gibt es seit Jahren nicht mehr genügend Heilpädagogen. Die Schulen behelfen sich deshalb mit gewöhnlichen Lehrern. Die Pädagogische Hochschule kritisiert dieses Vorgehen.

Der Bedarf an Speziallehrkräften hat in Bern seit der Umsetzung der integrativen Sonderschulung zugenommen (Symbolbild).

Der Bedarf an Speziallehrkräften hat in Bern seit der Umsetzung der integrativen Sonderschulung zugenommen (Symbolbild).

(Bild: Fotolia)

Marius Aschwanden

Jahr für Jahr stehen die Schulen in der Schweiz vor der gleichen Herausforderung: Tausende Lehrer müssen angestellt werden, damit im neuen Schuljahr vor jeder Klasse eine Fachperson steht. Längst gelingt dies nicht mehr überall. Die Schulen behelfen sich vielerorts mit unterquali­fizierten Lehrern.

Noch ausgeprägter ist der Mangel an Heil­pädagogen (siehe Kasten). Im Kanton Bern etwa konnten im laufenden Schuljahr zwar alle Lehrerstellen besetzt werden. Fünf unbefristete Posten für Heilpädagogen seien hingegen offengeblieben, sagt Erwin Sommer, Vorsteher des kantonalen Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung. Das ist aber nur die Spitze des Eisberges. In der Not würden oftmals gewöhnliche Lehrer den Unterricht übernehmen, den eigentlich ausgebildete Heilpädagogen bestreiten sollten.

Wie viele Speziallehrkräfte effektiv fehlen, weiss der Kanton nicht. Für die Anstellung zuständig seien die Gemeinden, sagt Sommer. Klar ist deshalb nur: Die jedes Jahr neu ausgebildeten Heilpädagogen könnten den Mangel an den Berner Schulen nicht in kurzer Zeit beheben.

«Lebenspraxis» soll reichen

Dass so viele Heilpädagogen nötig sind, hängt mit der Umsetzung des Integrationsartikels 2009 zusammen. Seither werden im Kanton Bern lernschwache oder verhaltensauffällige Schüler möglichst in der Regelschule unterrichtet. Gleichzeitig ist aber auch die Anzahl solcher Sonderschüler um über die Hälfte gestiegen – von 1533 auf 2475. Das führte zu einem höheren Bedarf an Heil­pädagogen.

Wegen des Mangels schaltet sich nun die Politik ein. In einer überparteilichen Motion fordern fünf Grossräte, dass für den integrativen Unterricht auch pädagogisch geeignete Fachleute aus «lebenspraktischen Bereichen» angestellt werden dürfen. Gemeint sind damit etwa Landwirtschaft, Mechanik, Kochen oder Schreinern. So könnte dem Mangel an Heilpädagogen entgegengewirkt und den Kindern mit ­speziellem Förderbedarf «gezielter und wirkungsvoller geholfen werden», glauben die Politiker.

«Die Schulen können auch Personen anstellen, die nicht über eine pädago­gische oder eine fachspezifische Grundausbildung verfügen.»Erwin Sommer

Bei der Erziehungsdirektion ist man der Meinung, dass diese Forderung bereits heute umgesetzt ist. «Die Schulen können auch Personen anstellen, die nicht über eine pädagogische oder eine fachspezifische Grundausbildung verfügen», sagt Erwin Sommer. Ob er den Vorschlag der fünf Grossräte auch inhaltlich unterstützt, lässt der Amtsleiter aber offen.

Kritik von der Hochschule

Anders beurteilt die Pädagogische Hochschule (PH) Bern die Sache. Sie kritisiert bereits die heutige Praxis der Schulen, sich mit gewöhnlichen Lehrern zu behelfen. «Dem Mangel an Heil­pädagogen kann nicht entgegengewirkt werden, indem unqualifizierte Personen heilpädagogische Aufgaben übernehmen», sagt Michael Eckhart, Leiter des Instituts für Heilpädagogik.

Das erweise sich häufig als Bumerang, weil die Probleme trotz Engagement der Lehrer nicht angemessen gelöst werden könnten. «Oft werden damit neue Probleme geschaffen. Das schadet dem Ruf der Heilpädagogik.»

Lockerung der Zulassung

Eckhart fordert, dass das Heilpädagogikstudium attraktiver werden müsse. Es gebe immer wieder Lehrer, die wegen des Lohnausfalls auf die Weiterbildung verzichten würden. «Hier könnte der Kanton unterstützend einspringen. Bei anderen Ausbildungen, etwa im Gesundheitsbereich, haben sich entsprechende Beiträge bewährt», sagt Eckhart. Im Gegenzug könnte der Kanton die Heilpädagogen nach Abschluss der Ausbildung dazu verpflichten, eine gewisse Zeit in Bern zu arbeiten.

Sowohl Michael Eckhart als auch Erwin Sommer hoffen zudem, dass die vom Grossen Rat per 2018 beschlossene Lockerung der Zulassungsbedingungen für die Heilpädagogikausbildung an der PH Bern eine positive Wirkung haben wird. Bislang ist ein Lehrerdiplom Voraussetzung für das Studium.

Neu sollen auch Inhaber eines Bachelordiploms in Logopädie oder Psychomotorik oder eines Bachelorabschlusses in einem verwandten Studien­bereich wie Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, Psychologie oder Ergotherapie Zugang zum Studiengang erhalten. In anderen Kantonen ist dies bereits heute der Fall.

Kapazität wäre vorhanden

In Bern müssten wegen der strengen Zulassungsbedingungen jedes Jahr rund zehn Interessierte abgewiesen werden, sagt Eckhart. Bei sechzig Studierenden pro Jahrgang sind das mehr als zehn Prozent. «Allerdings ist davon auszugehen, dass sich Interessierte auf der Website der PH Bern über die Zulassungsbedingungen informieren und sich dann gar nicht bei uns melden», so der Institutsleiter. Es gebe deshalb vermutlich eine hohe Dunkelziffer.

Theoretisch könnte die PH laut Michael Eckhart pro Jahrgang bis zu hundert Heilpädagogen ausbilden. Davon ist man aber noch weit entfernt: Trotz steigenden Anmeldezahlen schliessen momentan jedes Jahr lediglich vierzig bis fünfzig Personen ihre Ausbildung in Bern ab.

Berner Zeitung

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