Als Lehrer ist das Politisieren schwierig

Im Grossen Rat des Kantons Bern sitzen relativ viele Lehrer. Auf eidgenössischer Ebene aber findet man nur wenige Nationalräte mit pädagogischem Hintergrund. Denn der Lehrerberuf ist einer jener Jobs, die eine politische Karriere bereits auf der Kantonsebene ausbremsen.

Die Grossräte Ueli Egger (SP), Roland Näf (SP) und Christoph Grimm (GLP) sind hauptberuflich Lehrer.

Die Grossräte Ueli Egger (SP), Roland Näf (SP) und Christoph Grimm (GLP) sind hauptberuflich Lehrer. Bild: PD/Thomas Peter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn die Bernerinnen und Berner am 25. März ihr neues Kantonsparlament wählen, haben sie von gewissen Berufsgruppen besonders viele Leute zur Auswahl: Angestellte im Gesundheits- und Sozialwesen, Unternehmer, Verwaltungsangestellte, Bauern – und Lehrer.

Mit 130 Kandidierenden sind Lehrer auf den Wahllisten übervertreten: 6,1 Prozent haben diesen Hintergrund, während Lehrer in der realen Berner Gesellschaft nur 3 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen. Pädagogen haben zudem gute Wahlchancen: 15 Grossrätinnen und Grossräte stammen aus diesem Beruf, das sind 9,4 Prozent des Parlaments.

«Mit Berufen wie Lehrern ist es bereits auf Kantonsebene schwierig, sich zu professionalisieren.»Buchautor Pirmin Bundi

Doch nach der kantonalen Ebene ist für Lehrer oft Schluss, wie eine Studie der Universität Bern zeigt, die im September im Buch «Das Parlament in der Schweiz – Macht und Ohnmacht der Volksvertretungen» erscheint: Während in den Kantonsparlamenten im Schnitt 9,2 Prozent Lehrer sitzen, geben in der Bundesversammlung lediglich noch 5,7 Prozent der Parlamentarier «Lehrperson» als ihren angestammten Beruf an.

Von den Berner National- und Ständeräten haben nur vereinzelte einen halbwegs pädagogischen Hintergrund. Matthias Aebischer (SP) oder Andrea Geissbühler (SVP) zum Beispiel. Als sie gewählt wurden, waren sie aber Journalist und Polizistin.

Verbindlicher Stundenplan

Einen Grund dafür, dass auf nationaler Ebene weniger Lehrer politisieren, sehen die Studienautoren in der Professionalisierung der Politiker. Auf nationaler Ebene ist das Milizsystem längst zur Mär geworden. «Mit Berufen wie Lehrern ist es bereits auf Kantonsebene schwierig, sich zu professionalisieren», sagt Co-Autor Pirmin Bundi.

Generell sei es in allen Berufen mit direkten Vorgesetzten und fixen Präsenzzeiten schwer, genügend Zeit in die Politik zu stecken, um dort Karriere zu machen. Verkäufer, Produktionsangestellte, Elektromonteure – sie alle haben in der Regel festgelegte Arbeitszeiten, an denen sie am Arbeitsort präsent sein müssen. Und auch ein Stundenplan ist verbindlich.

Einen Beruf mit Führungsverantwortung oder flexiblen Arbeitszeiten kann man freier gestalten oder auch während einer Rats­debatte ausüben, bei der die Meinungen meistens schon gemacht sind. Flexibler sind auch Selbstständige, etwa Anwälte mit eigener Kanzlei oder Unternehmer, zu denen oft auch Landwirte mit grossen Betrieben gehören. Sie haben zudem genügend Geld und Mitarbeitende, um sich das Amt leisten zu können.

Nur wenige unterrichten noch

Dass im bernischen Grossen Rat dennoch viele Lehrer sitzen, erstaunt. Denn die Studie von Bundi und seinen Kolleginnen zeigt auch, dass bereits im Berner Kantonsparlament die Professiona­lisierung gross ist: Im Median wenden die Grossräte ein 30-Prozent-Pensum für das Amt auf.

«Relativ wenige Lehrer, die im Grossen Rat sitzen, unterrichten noch.»Grossrat Roland Näf (SP)

Das heisst, die eine Hälfte investiert mehr, die andere weniger. Dass Lehrkräfte dieses Pensum meistern, hat einen Grund: «Relativ wenige Lehrer, die im Grossen Rat sitzen, unterrichten noch», sagt Roland Näf (SP, Muri). Er selber ist hauptsächlich Schulleiter. «So kann ich auch während der Session für die Schule arbeiten.»

Ueli Egger (SP, Hünibach) ist Sekundarlehrer und einer der wenigen Personen, die noch voll unterrichten. Er ist seit September im Rat und gesteht, dass er wegen des Aufwands erschrocken ist. Da er eine ehemalige Praktikantin als fixe Stellvertreterin gewinnen konnte, liess sich das Problem mit der Session ­lösen. Zudem unterrichtet er gegenwärtig sieben Lektionen freitags, also an jenem Tag, an dem keine Session ist. Wegen der grossen Belastung überlegt er sich, sein Pensum auf 60 Prozent zu reduzieren.

Ausfälle selber bezahlen

Wie viel seiner Entschädigung aus dem Grossen Rat am Schluss für ihn übrig bleibt, weiss Egger noch nicht. Denn gemäss der ­kantonalen Personalverordnung werden ihm höchstens drei Wochen im Kalenderjahr vergütet, die er dem Unterricht fernbleiben darf.

Damit wären dann gerade mal zwei der fünf Sessionen abgedeckt. Auch Politiker mit anderen Berufen erhalten nicht alle nötigen Tage frei (siehe Kasten). Bei Lehrern wie Egger kommt hinzu: Die Stellvertretungen für die restlichen Tage muss er aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen.

Dass diese Rechnung nicht unbedingt aufgeht, weiss Christoph Grimm (GLP, Burgdorf). Er verdient als Gemeinderat und Grossrat sein Geld zu einem grossen Teil mit Politik, arbeitet aber auch als Berufsschullehrer. Eine Lektion verpasster Unterricht kostet ihn circa 110 Franken.

«Lehrer haben auf nationaler Ebene keine Lobby im Rücken, die sie pusht. Anders als etwa Anwälte oder Leute aus der Versicherungsbranche.»Roland Näf

Die durchschnittliche Entschädigung eines Grossrats im Kanton Bern beträgt 25'300 Franken pro Jahr. Bei einem ­Pensum von rund 30 Prozent ergibt dies einen Stundenlohn von 40 Franken

Auf nationaler Ebene ist die Entschädigung wesentlich besser. Doch spätestens dann dürfte es für Lehrer wie für viele andere nahezu unmöglich werden, Beruf und Politik zu verbinden.

Bildung ist Kantonspolitik

Allerdings könnte es noch andere Gründe geben, weshalb sie dort nicht mehr so häufig mitmischen. So findet zum Beispiel Bildungspolitik vor allem auf der Kantonsebene statt. Oder ein Lehrer, der in einem grösseren Ort ziemlich bekannt ist, erhält dadurch genügend Stimmen für den Grossrat – aber nicht genug für den Nationalrat. «Und Lehrer haben auf nationaler Ebene keine Lobby im Rücken, die sie pusht. Anders als etwa Anwälte oder Leute aus der Versicherungsbranche», sagt Roland Näf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.02.2018, 11:15 Uhr

Artikel zum Thema

Grosser Rat will Fahrende wegweisen – aber wohin?

Das Kantonsparlament schafft einen Wegweisungsartikel für «unerlaubtes Campieren». Dieser zielt gegen Fahrende. Wohin diese weggewiesen werden sollen, bleibt ­offen. Der Druck steigt, dass der Kanton Transitplätze schafft. Mehr...

Grosser Rat will die Stadt Bern nicht bevorzugen

Steht ein Gebäude des Kantons zum ­Verkauf, erhält die Standortgemeinde kein Vorkaufsrecht. Das hat der Grosse Rat entschieden. Der Stadtberner Finanzdirektor MichaelAebersold (SP) ist enttäuscht. Mehr...

Der Presse entgeht nichts

Spannend, was man von der Pressetribüne im Rathaus alles zu sehen bekommt. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Von Mitstreitern umkreist: Die «Rainbow Warrior» von Greenpeace bei einer Protestaktion gegen ein Kohleprojekt im Golf von Thailand. (21. Mai 2018)
(Bild: Arnaud Vittet/EPA) Mehr...