Albert Rösti: «Wahlen sind brutal»

Der Wahlsonntag war für Albert Rösti eine nervliche Herausforderung: Er war für Nationalrat und Ständerat nominiert und wurde gleichzeitig als Gemeinderat gewählt.

Albert Rösti über seinen Dreifachwahlkampf. Video: Claudia Salzmann

Albert Rösti ist nervös. Er steht vor dem Spiegel über dem Herd und hält abwechslungsweise verschiedene Krawatten unter sein Kinn. «Rot oder blau?», fragt er seine Tochter. Sie entscheidet sich für die blaue – «die rote hatte ich schon an zu vielen Podiumsdiskussionen an», nickt Rösti.

Es ist der Morgen des Wahlsonntags. Der SVP-Wahlkampfleiter, Stände- und Nationalratskandidat ist seit 4 Uhr wach, weil ihm die Aufregung den Schlaf raubte. Anstatt liegen zu bleiben, fuhr er in sein Büro in Uetendorf, beantwortete zwei Stunden lang Mails. Erst dann war er ruhig genug, um sich wieder ins Bett zu legen.

Manische Energie

Kurz vor 12 Uhr. Noch ein letztes Mal huscht der 48-Jährige durch das Haus, holt das Ladegerät für sein Handy. Er wird es heute brauchen: Sein Telefon klingelt im Minutentakt. Während der Autofahrt erreichen Albert Rösti die ersten Ergebnisse der Ständeratswahl. In der Gemeinde Unterlangenegg habe er doppelt so viele Stimmen geholt wie Werner Luginbühl (BDP), sagt ihm ein dortiger Kontakt. «Setzen mich die Leute denn auch auf die Nationalratsliste?», fragt Rösti. Ja, machen sie.

Die Fahrt nach Bern ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Kaum im Bundeshaus angekommen, wird der Wahlkampfleiter von einer fast manischen Energie gepackt. Pausenlos gibt er Interviews, spricht immer wieder von seiner Rolle im Wahlkampf und seinen Erwartungen für den Wahltag. So viel Zeit beansprucht die Presse, dass er den Weg vom Bundeshaus zurück ins Casino-Parking sprinten muss: Die Resultate der Gemeinderatswahlen in Uetendorf sind eingetroffen.

Um 15.10 sitzt der wiedergewählte Gemeindepräsident Rösti wieder im Auto, trommelt mit den Fingern gegen das Steuerrad. Die ganze Strecke in seine Heimatgemeinde fährt er an der obersten Geschwindigkeitslimite. Unterwegs diskutiert er mit seinem Gemeindeschreiber über die Abwahl eines Gemeinderats und die neue SVP-Mehrheit in Uetendorf. Nachdem er aufgehängt hat, seufzt Rösti tief. «Wahlen sind brutal», sagt er. Ein Satz, der ihm kurz darauf wieder auf den Lippen liegt – nachdem ihn die Nachricht von Christoph Mörgelis Abwahl erreicht hat.

Hoffnung wider Willen

Rösti führt ruhig durch die Pressekonferenz in Uetendorf, unter dem Tisch zappeln jedoch seine Füsse. In Gedanken scheint er weit weg zu sein: Im Ständeratswahlkampf liegt er vor Luginbühl. Mit jedem Wahlkreis, der ausgezählt wird, keimt in ihm Hoffnung auf. «Ich hatte am Morgen ein schlechtes Bauchgefühl», sagt er. «Aber plötzlich merke ich, dass es klappen könnte.»

Als er sein Auto umparkiert, kochen die Emotionen über. Nach den ersten Hochrechnungen wird seine Partei im Kanton Bern um fast 5 Prozent erstarken. Hemmungslos jauchzt er, schreit seine Freude in den Himmel. Auf der Rückfahrt telefoniert er mit SVP-Nationalrat Adrian Amstutz, der 2011 für den Ständerat kandidierte. «Um wie viel warst du damals zu Beginn vorne?», fragt er. Den ganzen Tag hatte Albert Rösti keine Zeit zu essen. «Ich habe aber gar keinen Hunger», sagt er. Adrenalin und Cola halten ihn am Laufen.

Die nächsten eineinhalb Stunden, bis die Stimmen aus dem Wahlkreis Bern-Mittelland bekannt werden, sind für Rösti eine nervliche Zerreissprobe. Wider besseren Wissens, wie er später sagt, sieht er sein kleines Wunder in Greifnähe. Er lässt die Hoffnung zu, im ersten Wahlgang gewählt zu werden, nur um nach halb sieben mit dem dritten Platz enttäuscht zu werden. «Das schmerzt schon», gibt er zu. Aber für den Medienmarathon hat er sein Lächeln bereits wieder montiert.

Gegessen hat Rösti noch immer nichts. Kaum betritt er das Restaurant Rathauskeller, kehrt er aber wieder um. «Das Adrenalin ist weg», sagt er, sichtlich ermattet. «Ich bin ehrlich gesagt nur noch müde.»

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Berner Zeitung

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