Ärzte wollen alle Spitäler retten

Die Mehrheit der Berner Ärzte will die Spitalpolitik umkrempeln: Überraschend hat die Ärztegesellschaft entschieden, die radikale Spitalstandortinitiative zu unterstützen. Das erhöht die Nervosität beim Kanton und in der Spitalbranche.

Hier fing alles an: Protest für die Geburtshilfe am Spital Riggisberg.

Hier fing alles an: Protest für die Geburtshilfe am Spital Riggisberg.

(Bild: Iris Andermatt)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Das kommt unerwartet: Die freischaffende Berner Ärzteschaft will das Rad der Zeit zurückdrehen und den Einfluss der Politik auf die öffentlichen Spitäler wieder massiv vergrössern. Zum Entsetzen der Gesundheitsdirektion und der Spitäler hat die Ärztegesellschaft beschlossen, die Spitalstandortinitiative zu unterstützen. Diese wurde als Reaktion auf die Schliessung der Geburtsabteilung des Spitals Riggisberg lanciert. Sie will de facto den Markt aushebeln und die heutige Spitallandschaft zementieren – inklusive Reanimation der Geburtshilfe Riggisberg.

Das neue Gesetz würde die Regionalspitäler verpflichten, alle bestehenden Standorte von Frutigen bis St-Imier weiterzubetreiben. Die Initiative würde sogar regeln, welche Leistungen überall zwingend anzubieten sind. Änderungen wären nur alle acht Jahre möglich. Darüber entscheiden müsste der Grosse Rat oder – bei einem Referendum – das Volk. Was zu tun ist, wenn für einen Standort nicht mehr genug Fachpersonal zu finden ist oder Defizite sich türmen, lässt die Initiative offen.

Das hielt die Ärztegesellschaft nicht davon ab, die Initiative zu unterstützen. Den Entscheid machte diese Woche der «Berner Landbote» publik. 55 Prozent der Delegierten stimmten für die Initiative, 26 Prozent dagegen, der Rest enthielt sich. Der Vorstand war für Stimmfreigabe.

«Tiefes Unbehagen»

Präsident Beat Gafner wertet den Entscheid als «Ausdruck eines tiefen Unbehagens» gegenüber der kantonalen Spital- und Gesundheitspolitik. Delegierte aus allen Regionen hätten für einen mehrjährigen Marschhalt plädiert. Sie argumentierten, die fehlende Planungssicherheit schwäche dezentrale Spitäler und führe dazu, dass nicht mehr genug Fachpersonal zu finden sei. Wichtig war für die Ärzte laut Gafner auch das Argument, dass die ländliche Bevölkerung keine weitere Zentralisierung akzeptiere. Der Unmut der Ärzteschaft hat offenbar viel mit dem Zusammenschluss der Spital Netz Bern AG mit der Insel zu tun. Gafner: «Nach Meinung der Delegiertenversammlung ist der Kanton damit eindeutig zu weit gegangen.»

«Wer soll das bezahlen?»

In Spitalkreisen erntet die Ärztegesellschaft Kopfschütteln. «Das hätte ich nie erwartet», sagt etwa Beat Straubhaar, Präsident des Verbands öffentlicher Spitäler. «Vermutlich waren die Ärzte nicht sehr gut informiert.» Straubhaar warnt, die Initiative würde den Spitälern massiv schaden, womit auch den Hausärzten nicht gedient sei. «Die Initiative steht völlig quer in der Landschaft»: Eben erst habe der Bund die Fallpauschalen eingeführt, der Preisdruck steige und zwinge die Spitäler zu mehr Wettbewerb – da könne man jetzt nicht eine politische, völlig unflexible Steuerung einführen und den Spitälern diktieren, wo sie welche Angebote aufrechterhalten müssen. «Wie soll das gehen?», fragt Straubhaar. Und: «Wer soll das bezahlen, wenn die Spitäler defizitäre Leistungen weiter erbringen müssen? Die Krankenkassen werden es sicher nicht bezahlen.»

Adrian Schmitter, CEO des Spitals Emmental (Standorte Burgdorf und Langnau), kennt den Unmut vieler Ärzte vor allem aus dem Oberen Emmental. Er sagt, es sei zwar verständlich, dass Hausärzte weiterhin garantiert ein Spital in der Nähe haben wollen. Dass sie aber glauben, das lasse sich über diese Initiative verwirklichen, erstaunt auch ihn. «Offenbar blenden sie die unternehmerische Seite einfach aus.» Für Schmitter steht fest, dass das Spital Emmental in «grosse Schwierigkeiten» geriete, wenn Langnau wieder rund um die Uhr ein Notfallangebot betreiben müsste.

Berner Zeitung

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