«Ziegler spielt nichts vor, er ist sich treu»

Sein Wandel vom Thuner Kadett zum linken Kosmopoliten ist spektakulär, sein Image glänzend oder rabenschwarz. Wirtschaftsjournalist Jürg Wegelin erforscht in seiner Biografie, wie der vitale Jean Ziegler sich an seinem Ruf reibt.

Jean Ziegler verrührt die Hände über Unrecht und Armut. In Ländern des Südens wird er bisweilen verehrt wie ein Heiliger.<p class='credit'>(Bild: Susanne Keller)</p>

Jean Ziegler verrührt die Hände über Unrecht und Armut. In Ländern des Südens wird er bisweilen verehrt wie ein Heiliger.

(Bild: Susanne Keller)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Nach der Biografie über Uhrenkönig Nicolas Hayek haben Sie nun eine über Jean Ziegler geschrieben. Reizen Sie Ausnahmeschweizer, Herr Wegelin?
Jürg Wegelin: Hayek und Ziegler haben beide ein bewegtes Leben. Was sie verbindet, ist eine grosse Willensstärke. Sie sind ihren eigenen Weg gegangen und liessen sich nicht von den Eltern auf eine vorgegebene Schiene stellen. Mir kam schliesslich entgegen, dass ich Hayek und Ziegler sowie ihr Umfeld seit 40 Jahren kenne.

Überraschen Sie uns mit neuen Erkenntnissen über Jean Ziegler?
Ziegler wird entweder unkritisch verehrt oder richtiggehend gehasst. Beide Reaktionen beruhen auf einseitigen Bildern. Mir ging es darum, ein differenziertes Bild von Ziegler zu zeigen.

Hat Ihnen Ziegler dabei freie Hand gelassen?
Ja. Erst war er skeptisch. Er konnte ja nicht wissen, ob ich ihn in die Pfanne haue. Er wusste, dass ich auch ohne seine Einwilligung über ihn schreiben würde.

Er machte dann mit?
Wenn ich ein Kapitel fertig hatte, besprachen wir es in einem Genfer Restaurant. Da erkannte er, dass ich ein faires Bild von ihm entwerfe. Ich habe auf seinen Wunsch nur wenige, sachlich falsche Details geändert. Über Passagen, die ihn in einem kritischen Licht zeigen, ging er hinweg. Ziegler hat einen breiten Rücken, er hat in seinem Leben gelernt, harte Kritik einzustecken. Er verlangte nur eine Streichung: über seine Rolle bei der Entführung von Max Göldi in Libyen. Darüber hatte er mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey Stillschweigen vereinbart.

Freut sich Ziegler nun über die Biografie ?
Er äusserte sich nicht dazu. Er selber hätte sein Leben natürlich anders dargestellt. Der Schriftsteller Charles Lewinsky hat gesagt, Autobiografien würden ein Leben zeigen «wie aus der chemischen Reinigung». Wer über sich selber eine Autobiografie verfasst, lässt weg, was nicht in sein Eigenbild passt. Ich halte es für interessanter, wenn eine Figur von mehreren Seiten beleuchtet wird.

Sind Sie bei Ziegler auf ein Lebensmuster, auf Lebenswidersprüche gestossen?
Zieglers erste Lebenshälfte ist voller Widersprüche. Das hat mich fasziniert. Ich versuchte die Schlüsselerlebnisse festzuhalten, die seine enormen Wandlungen auslösten: vom Thuner zum frankophonen Kosmopoliten, vom Protestanten zum Katholiken, vom bürgerlichen BGB-Jungpolitiker und Zofingia-Mitglied zum libertären Marxisten.

Wie hat er diese Häutungen bewerkstelligt?
Ziegler hat eine enorme Energie, einen starken Willen und eine grosse Offenheit. Er reiste in den 1950er-Jahren als Student schon nach Palästina oder in den Maghreb, als seine Studienkollegen brav hinter den Büchern sassen. Er war gar ein Jahr in den USA, wo er für Schweizer Grossbanken arbeitete, die er später attackierte. Seit er 35 ist, ist sein Leben eine gerade Linie. Er ist von seiner Weltsicht felsenfest überzeugt.

Er sieht sich unbeirrbar im Recht als guter Kämpfer gegen den bösen westlichen Kapitalismus?
Ja. Daran glaubt er. Er spielt da nichts vor. Er ist sich selber treu, deshalb ist er auch authentisch. Und deshalb versteht er sich gut mit Christoph Blocher und mit Adolf Ogi, die ebenfalls beide voll überzeugt sind von dem, was sie sagen.

Dass Blocher und Ziegler weltanschaulich extrem gegensätzlich sind, spielt keine Rolle?
Nein. Blocher ist wie Ziegler keiner, der sich wie eine Fahne nach dem Wind richtet. Mit Blocher und Ziegler kann man richtig streiten. Die beiden haben miteinander auch schon heftig über theologische Fragen debattiert.

Im Ausland gilt Ziegler als einer der berühmtesten Schweizer, in der Schweiz als Nestbeschmutzer. Wie geht das zusammen?
In Afrika und Südamerika hat Ziegler ein tolles Image, weil er die Perspektive dieser Länder übernommen hat. Régis Debrais, der mit Che Guevara in Lateinamerika gekämpft hat, hat ihn einen «weissen Neger» genannt. Ziegler spricht den Afrikanern aus dem Herzen, die all ihre Probleme immer noch als Folge des westlichen Kolonialismus sehen. Ziegler ist natürlich im Ausland nicht zuletzt deshalb populär, weil man etwa in Frankreich mit Schadenfreude sieht, wie er den Schweizer Banken aufs Dach gibt. Aber auch in der Schweiz hat sich Zieglers Image verbessert.

Wie hat er das geschafft?
Früher hat er sich mit seinen Angriffen auf die Schweiz konzentriert und damit Abwehrreflexe ausgelöst. Heute attackiert er eher das internationale Grosskapital. Und Querdenker werden heute in der Schweiz weniger ausgegrenzt als zu Max Frischs Zeiten. Ziegler ist für die Schweiz zum Aushängeschild geworden. Sogar viele namhafte Bürgerliche lobten ihn mir gegenüber hinter vorgehaltener Hand.

Was loben Sie an Ziegler?
Seinen Mut, unbeirrt seine Meinung kundzutun. Er war in den 1970er-Jahren der einzige Parlamentarier, der die Geldwäscherei und das Bankgeheimnis angeprangert hat, was schon fast visionär war.

Ist er mutig? Oder eher naiv?
Er hat schon eine Portion Naivität. Etwa wenn er von der zukünftigen Gesellschaft spricht, von der er selber nicht weiss, wie sie aussehen soll. Aber gemessen daran, was für Kritik er einstecken und was für Ehrverletzungsprozesse er durchstehen musste, hat er enormen Mut. Viele andere hätten solche Angriffe nicht ausgehalten.

War Ziegler überrascht, wie hart die von ihm Angegriffenen vor Gericht zurückschlugen?
Nein. Überrascht hat ihn eher, dass sie den Dialog nicht aufnahmen und nicht mit ihm stritten.

So funktioniert Ziegler heute selber. Was seine Gegner sagen, interessiert ihn kaum. Im Interview doziert er atemlos seine Weltsicht.
Ja, er sagt heute, er sei gegen den Dialog mit den Mächtigen. Aber eher, weil sie sich ihm früher verweigerten. Im Fernsehen macht er sich bisweilen tatsächlich selber zur Karikatur, wenn er sein Mantra vom Raubtierkapitalismus herunterbetet. Deshalb kommt er auch schlecht an. Ich habe ihn als Student und im privaten Gespräch anders erlebt. Er ist einer, der die offene Diskussion liebt, ja herausfordert.

Schadet sich Ziegler selbst?
Bisweilen schon. Ich habe ihm mal gesagt, dass er im Gegensatz zu seinen Gegnern eben keine Medienschulung gemacht habe.

Er würde sich wohl auch nicht schulen lassen.
Er ist natürlich ein begehrter Interviewpartner, gerade weil er so auf die Pauke haut.

Versuchen Sie, Ziegler mit Ihrer Biografie zu rehabilitieren?
Das ist ein zu starkes Wort. Ich möchte zeigen, dass er nicht einfach ein dogmatischer Linkspopulist ist. Ich möchte ihn ins rechte Licht rücken. Als UNO-Sonderdelegierter für Nahrungsmittelsicherheit hatte er zum Beispiel grosse Verdienste.

Wie steht es heute um Zieglers finanzielle Lage?
Es gibt von früheren Prozessen immer noch Millionenforderungen. Davor ist er derzeit geschützt, weil er als Mitglied des UNO-Menschenrechtsrates Immunität geniesst. Für seine Reisen bekommt er UNO-Spesen. Er reist viel. Eben war er in Nordafrika, unter anderem in Libyen.

Bei seinem Freund Muammar al-Ghadhafi?
Er wurde kürzlich in Benghazi von den Rebellen empfangen, was wohl kaum geschehen wäre, wenn er ein Freund Ghadhafis wäre. Er hat ihn siebenmal getroffen, aber man muss sich das sehr formalisiert vorstellen, mit Übersetzer. Ziegler hat sich schon früh von Ghadhafi distanziert, als dieser seine Macht zu missbrauchen begann.

Aber eine Schwäche für linke Diktatoren hat er aber schon?
Gegenüber Kubas Fidel Castro halte ich ihn für unkritisch. Für Ziegler kommen die sozialen und medizinischen Errungenschaften in Kuba vor dem Rechtsstaat.

Läuft Ziegler Gefahr, im UNO-Menschenrechtsrat von autoritären Ländern des Südens instrumentalisiert zu werden?
Nein. Diese Länder haben im Rat zwar eine Mehrheit. Aber immerhin kritisiert dieser Rat jetzt zum Beispiel Syrien.

Gegner halten Jean Zieglers Wirken in der UNO oder seine Kampfschriften für Auftritte eines Politclowns.
Die Bezeichnung «Politclown» hat die «Bilanz» geprägt. Das hat Ziegler wirklich verletzt, obwohl er eine dicke Haut hat. Das hat er nie verdaut.

Berner Zeitung

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