Wie Berner Zeitzeugen das Kriegsende erlebten

Am 8. Mai 1945 ging in Europa der 2. Weltkrieg zu Ende. Die Erleichterung war gross – auch in der kriegsverschonten Schweiz und in Bern. Den Menschen, welche diesen Tag erlebten, blieb er bis heute in Erinnerung.

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Lucia Probst
Stephan Künzi

Heute vor siebzig Jahren trat der Berner Stadtrat am frühen Abend zu einer kurzen Sondersitzung zusammen. Anlass war das Ende des 2.Weltkriegs am 8.Mai 1945. Stadtratspräsident Viktor Lanz dankte «der gütigen Vorsehung, die unser Land vor dem Krieg bewahrt hat». Stadtpräsident Ernst Bärtschi gab sich erleichtert, dass das Völkermorden ein Ende gefunden habe. Und er erinnerte an den Druck, der auf der Schweiz gelastet hatte.

Die Stadtratssitzung war eine der Dankesfeiern, die in Bern tagsüber spontan stattfanden. Das Ende des Krieges wurde in vielen Schulen Berns würdig gefeiert. Teils pflanzten die Schüler gleichentags Friedenslinden.

Ein Blick in die Berner Tageszeitungen von damals zeigt: Das Schwergewicht der Berichterstattung lag auf dem Geschehen im Ausland. Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte und die Lage in den europäischen Ländern wurde breit kommentiert. Berichte über die Ereignisse in Bern und der Schweiz waren auch in den folgenden Tagen rar. Fotos gab es vor allem im Auslandteil, solche aus der Stadt Bern oder dem Kanton fehlten im «Berner Tagblatt», im «Bund» und in der «Berner Tagwacht» gänzlich.

Immerhin waren Feierlichkeiten in den Schulen erwähnt, und die Sitzung des Stadtrates schlug sich in einem grösseren Artikel nieder. Eine interessante Beobachtung findet sich im Bund: In Bern machten schon am 8.Mai Händler erste Geschäfte: Sie verkauften Fähnchen mit den Flaggen der Alliierten und solche mit dem Schweizer Kreuz.

Um 20 Uhr läuteten am 8.Mai im ganzen Land eine Viertelstunde lang die Kirchenglocken. Das Berner Münster und weitere Kirchen waren an den Gedenkgottesdiensten überfüllt, auf dem Münsterplatz war eine grosse Menschenmenge zusammengeströmt.

Spontane Hochrufe ertönten am frühen Abend, als General Henri Guisan in Bern durch die Lauben schritt. Er hatte im Bundeshaus den Dank des Parlaments entgegengenommen. Auf seinem Weg liefen immer mehr Leute zusammen, die ihm applaudierten.

Lesen Sie im Folgenden, was Zeitzeugen aus der Region darüber zu berichten wissen.

Markus Berger, Thun: Der Schrecken und die Ängste waren vorbei

28 Schüler waren sie in der Klasse am Berner Progymnasium. «Der Krieg war dauernd präsent», sagt der 85-jährige Pfarrer Markus Berger aus Thun. Zeitweise seien in der Turnhalle der Schule Soldaten einquartiert gewesen. «Und bei jedem Fliegeralarm mussten wir in den Keller.» Klassenweise sassen die Kinder dann beisammen und warteten, bis der Endalarm kam. «Ein heller, gezogener Ton war das», sagt Berger. «Das war kein Spass, sondern bitterer Ernst.»

Am 8. Mai 1945 mussten die Schülerinnen und Schüler kurz nach Schulbeginn morgens um 7 Uhr nicht in den Keller, sondern in die Aula. Rektor Paul Pflugshaupt hatte sie dorthin gerufen. «Er war ein sehr geschätzter Lehrer», sagt Markus Berger. Pflugshaupt habe seine Schützlinge an diesem Morgen begrüsst und ihnen dann verkündet, heute sei der Tag des Friedens, und sie hätten schulfrei.

«Wir stürmten auf den Waisenhausplatz, dann noch weiter zum Bärenplatz und vors Bundeshaus», erinnert sich Berger. «Aus allen Löchern kamen die Leute heraus und hatten Freude.» Das Kriegsende sei in Bern ein ganz spezieller Tag gewesen. «Viele Leute zogen durch die Stadt und haben auf den Strassen spontan gefeiert.»

Für Berger und seine Schulkameraden war das alles so eindrücklich, dass sie sich noch heute sofort davon erzählen, wenn sie sich treffen. «Die Kriegsjahre und der 8.Mai haben unser Leben nachhaltig geprägt – mit dem Kriegsende waren der Schrecken und die Ängste vorbei.»

Ein Plätzli für die Familie

Es sei mit dem Kriegsende nicht alles plötzlich einfach geworden, sagt Berger. «Die Rationierung der Lebensmittel zum Beispiel dauerte noch länger an.» Noch gut erinnert er sich daran, wie er und seine beiden Schwestern jeweils mit diesen Rationierungsmarken einkaufen gingen. «Hunger haben wir nie gehabt, aber wir haben spartanisch gelebt.» Sonntags zum Beispiel habe es für die fünfköpfige Familie ein Plätzli gegeben. «Eigentlich ging das Leben in den Kriegsjahren erstaunlich normal weiter.» Berger erinnert sich sogar an Wanderferien im Wallis, die seine Familie damals machte.

Auch die Progr-Schüler mussten in den Kriegsjahren ihren Beitrag zur Landesversorgung leisten. Sein Mathematiklehrer habe Bauernhöfe in der Nähe von Bern gekannt, sagt Markus Berger. «Die Schule gab uns frei, damit wir dort mithelfen konnten.» Dafür habe es manchmal auch ein feines Zvieri gegeben. In den Sommerferien stand für die Stadtkinder dann Landdienst auf dem Programm. Auch als Pfadfinder war der 15-Jährige mit dem Krieg konfrontiert. Mit dem Velo und in Pfadfinderuniform sei er jeweils in der Region unterwegs gewesen, um Ortskommandos Befehle zu überbringen. «Verschlossen lagen diese in meiner Tasche», erzählt Berger.

Lehrer im Aktivdienst

Der Verlauf der Fronten, die Invasion der Alliierten – der Kriegsverlauf war auch in der Schule Thema. Berger erinnert sich aber auch an den ständigen Lehrerwechsel und die vielen Vertretungen, weil Lehrer in den Aktivdienst mussten. Als düster hat er seine Progr-Zeit trotzdem nicht in Erinnerung. «Wir waren eine spassige, wilde Schülerbande.» Auf dem Estrich im Progr hätten er und seine Kameraden mit ausgestopften Tieren «umeglöölet». Und auch die Uhr im Progr-Hof hätten sie gerne manipuliert, damit sie falsch gelaufen sei.

Leni und Philippe Rochat, Bolligen: Sie sahen Bomben über Stuttgart und Mailand fallen

Wie hat ein kleines Mädchen in Deutschland das Ende des 2.Weltkrieges erlebt? Wie ein junger Westschweizer, dessen Ingenieurstudium immer wieder von Militärdienst unterbrochen wurde? Der gebürtigen Schwäbin Leni Rochat bleiben nur wenige Erinnerungen. 1945 war sie erst elf Jahre alt, aufgewachsen im Dorf Hohenacker, unweit von Stuttgart, das im September 1944 fast vollständig zerbombt wurde.

Der Lärm der Bombardierung war bis Hohenacker zu hören. Leni Rochats Familie flüchtete jeweils in den Keller, wenn am Himmel Flieger auftauchten. «Ich wollte nicht in diesen Keller», erinnert sich die etwas gebrechliche 81-Jährige auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer in Bolligen. Und: «Als der Krieg vorbei war, zogen die Soldaten weg.»

Bomben auf Mailand

1944 war Philippe Rochat als Sappeur in der Rekrutenschule in Monte Ceneri TI. Nachts habe er von dort das Leuchten der Bomben gesehen, die auf Mailand fielen. Der junge Mann litt. Zudem hätte er sich lieber mit seinem Ingenieurstudium befasst. «Weil ich an die Rekrutenschule auch noch die Unteroffiziersausbildung hängte, war ich bis im Sommer 1945 immer wieder im Militär, auch im Aktivdienst an der Grenze bei Liestal», erinnert sich der 90-Jährige.

Das Kriegsende erlebte er in Lausanne. Plötzlich hätten sich die Strassen mit jubelnden Menschen gefüllt. Es wurde gesungen, musiziert und gefeiert. Spontan seien in den Kirchen Gottesdienste gefeiert worden. «Die Freude explodierte, obschon der Bundesrat das Kriegsende noch gar nicht offiziell bekannt gegeben hatte», sagt Philippe Rochat, der sich noch gut an die Erleichterung erinnert, die er damals verspürte. Die Angst vor dem Einmarsch der Deutschen sei von ihm abgefallen, er konnte vorwärtsschauen. «Trotzdem musste ich noch vier Monate ins Militär, um den Korporal abzuverdienen», sagt er.

Danach habe er endlich sein Studium beenden können und eine Stelle im Bündnerland gefunden. In Bad Ragaz lernte er 1956 seine zukünftige Frau Leni kennen. Die junge Deutsche arbeitete dort als Hausangestellte.

Heirat in Mali

«Bald darauf flog ich nach Mali, und sie kam nach», fasst Rochat zusammen. Im Rahmen eines Entwicklungsprogramms der französischen Ex-Kolonialverwaltung arbeitete er gut zwei Jahre in Mali, damals noch die französische Kolonie Sudan. Das Paar heiratete in Bamako, dort wurde auch der älteste Sohn geboren. Wieder in der Schweiz, kamen zwei weitere Söhne zur Welt. 1973 zog die Familie nach Bolligen, weil der Tiefbauingenieur bei den SBB eine interessante Stelle gefunden hatte. «Mein Arbeitsgebiet waren Wasserkraftwerke und Staudämme», sagt er. Damit befasste er sich, bis er pensioniert wurde. Das ist nun schon 25 Jahre her. «Und dass ich das Kriegsende erlebt habe, liegt schon 70 Jahre zurück.»

Aus dem kleinen Mädchen und dem jungen Ingenieurstudenten von damals sind zwei alte Menschen mit vielen Erinnerungen geworden.

Ruth Sterchi, Kirchdorf: Von den Bomben erzählt sie noch heute

Der 8. Mai 1945 Ruth Sterchi aus Kirchdorf hat keine konkreten Erinnerungen mehr an den Tag, der Europa vor siebzig Jahren den Frieden gebracht hat. Ihr ist ein anderes Ereignis aus ihrer Kindheit viel präsenter, und das mit gutem Grund: Die Bauerntochter aus einem kleinen Heimet bei Riggisberg hat hautnah miterlebt, wie ein britisches Flugzeug notfallmässig Bomben über ihrem Dorf abwarf.

Passiert war es knapp zwei Jahre zuvor im Sommer 1943. «Ich erschrak gewaltig», erinnert sich die 85-Jährige an den Knall, der sie aus dem Schlaf riss. Dann sah sie, wie es unten im Dorf brannte, nahm wahr, dass der Druckwelle weder die Fenster noch das Dach des elterlichen Hauses standgehalten hatten. «Am kommenden Abend, als der Vater Brandwache hatte und deshalb nicht zu Hause war, hatte ich Angst.»

Sonst aber nahm sie das Leben in ihrer kleinen Welt mit kindlicher Unbeschwertheit. Auf dem Bauernhof gab es auch immer genug zu essen, «wir waren mehr oder weniger Selbstversorger». Einzig auf die Wolle, so viel weiss sie noch, musste sie gegen das Kriegsende hin verzichten.

Walter Sägesser, Murzelen: Am Geburtstag war der Krieg zu Ende

Just am zehnten Geburtstag von Walter Sägesser wurde der Frieden verkündet. War dies ein Grund, am 8. Mai 1945 ein doppeltes Fest zu feiern? «Nein», sagt der heute 80-Jährige. «Damals war ein Geburtstag nichts Besonderes, einfach ein Tag wie die anderen.» Aussergewöhnlich sei es aber gewesen, dass im ganzen Land die Kirchenglocken geläutet hätten. Sägesser erinnert sich von der Kriegszeit noch an die Nachrichten im Radio. «Ich drehte jeweils das Gerät an und lauschte den Meldungen über die Vorstösse der Alliierten und der Russen.»

Walter Sägesser wuchs mit zwei Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof im Weiler Steinisweg oberhalb des Wohlensees auf, wo er heute noch lebt. Die Kriegsjahre waren nicht leicht, denn 1942 war die Mutter gestorben. Und noch heute sieht er den Vater vor sich, wie er die Packung für den Militärdienst erstellte und in den Aktivdienst zog. In Erinnerung geblieben sind ihm auch die Lebensmittelmarken und die nächtliche Verdunkelung der Fenster. Diese war angeordnet worden, um den überfliegenden alliierten Flugzeugen keine Orientierung zu bieten.

Käthi Wüthrich, Köniz: Sie winkte Guisan zu

Vom Kriegsende weiss Käthi Wüthrich aus Köniz vor allem dies: «Wir haben eine Friedenslinde gepflanzt.» Die 85-Jährige erzählt von ihrer Kindheit in Frauenkappelen und davon, wie sie dabei war, als die Behörden den Baum setzten. Dazu auserkoren war das Hübeli, wo die Linde noch heute steht.

Natürlich sei die Erleichterung über den Frieden gross gewesen, sagt Käthi Wüthrich weiter. Als Kind habe sie die Tragweite der Ereignisse zwar noch nicht richtig erfasst, aber doch gespürt, «wie alle aufatmeten». Fortan war es nicht mehr nötig, die Fenster zu verdunkeln, und an den Strassen wurden wieder Wegweiser montiert. Apropos Strassen: «Wir sahen regelmässig das Auto von General Henri Guisan.» Er sei oft vorbeigefahren, «und dann winkten wir ihm zu».

Quellen: «Berner Tagblatt», «Der Bund», «Berner Tagwacht».

Berner Zeitung

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