Künstliche Kinderpornografie für die Verbrecherjagd

Kanton Bern

Weniger schwere Gewalt, weniger Vermögensdelikte, weniger Einbrüche: Kriminalität verlagert sich immer mehr ins Internet. Gerade bei der Bekämpfung von illegaler Pornografie beklagt die Polizei zu hohe gesetzliche Hürden.

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Michael Bucher@MichuBucher

«Wir leben in einem sehr sicheren Kanton», sagte Polizeikommandant Stefan Blättler gegen Ende seiner Rede. Es ist ein Satz, der den umfangreichen Datensatz zusammenfassen soll, um den es am Montag in der Polizeiwache an der Hodlerstrasse ging.

Präsentiert wurde die alljährliche Kriminalstatistik. Reihum konnte die Kantonspolizei Bern Positives vermelden. Allem voran, dass sich 2018 die Anzahl Straftaten (64863) auf dem im Vorjahr erreichten Tiefststand stabilisiert hat.

Viel mehr als bloss Hacker

Bei aller Freude über die rückläufigen Zahlen hat es die Polizei jedoch mit einem immer dringlicher werdenden Phänomen zu tun: der Internetkriminalität. Diese ist zugegeben nicht neu.

Doch in der jüngsten Kriminalstatistik sticht das Phänomen mit steigenden Zahlen ins Auge. Das bestätigen auch die Strafverfolgungsbehörden. «Zahlreiche klassische Delikte haben sich in die virtuelle Welt verschoben», sagte Thomas Sollberger, Chef der Kriminalpolizei, an der Medienkonferenz.

«Der Hacker als Sinnbild der Internetkriminalität ist längst verstaubt.»Thomas Sollberger, Chef der Kriminalpolizei

Der Hacker als Sinnbild der Internetkriminalität sei längst verstaubt. Vielmehr umfasst sie Tatbestände wie etwa den Betrug an Konsumenten im Internet, Drohungen und Ehrverletzungen in sozialen Medien, aber auch sexuelle Straftatbestände wie Pornografie oder sexuelle Handlungen mit Kindern. Durchs Band weg sind dort die Zahlen gestiegen. Am augenscheinlichsten geschah dies beim Internetbetrug (+21 Prozent).

Hürden bei Ermittlungen

Die Kantonspolizei nutzte die Präsentation der Zahlen auch, um Forderungen zu platzieren. Kripochef Thomas Sollberger machte auf zwei Gesetzeslücken im Bereich der Pädophilie-Bekämpfung aufmerksam, die der Polizei zu schaffen machen. So erhalte man zu einschlägigen Onlineportalen nur Zugang, wenn man selbst kinderpornografisches Material einspeise. Damit würden sich jedoch Polizisten strafbar machen.

Damit die Polizei trotzdem in solchen Foren verdeckt ermitteln kann, möchte sie eine Anpassung der eidgenössischen Strafprozessordnung erreichen. Dadurch könnten die Fahnder künftig eigenes Material herstellen. «Natürlich würde es sich dabei nicht um echte Fotos handeln, sondern um fiktives, computeranimiertes Material», fügte Sollberger an.

Mehr Kompetenzen möchte man auch in einem anderen Bereich der illegalen Pornografie. Verschicke etwa ein Erwachsener heute Nacktfotos von sich per Whatsapp an Minderjährige, so dürfe die Polizei nicht verdeckt ermitteln. Denn der genannte Fall ist nicht im Katalog enthalten, der regelt, bei welchen Delikten verdeckte Ermittlungen zulässig sind. Diese Lücke gelte es zu schliessen, so Sollberger.

Präsenz in Ausgehzonen

Die Bekämpfung von Cyberkriminalität war vor Wochenfrist mitunter die Begründung des Regierungsrates dafür, das Korps um 360 Polizisten aufzustocken (wir berichteten). Ein anderer Grund war die Gewalt im öffentlichen Raum. Seit Anfang letzten Jahres setzt die Kantonspolizei in diesem Bereich einen Schwerpunkt. Dies, weil im Jahr zuvor die Anzahl schwerer Gewalttaten – gerade unter Nachtschwärmern – um 21 Prozent angestiegen war. Deshalb verstärkte die Polizei ihre präventive Präsenz in urbanen Ausgehzonen.

Auch dieses Jahr will die Polizei an Stadtberner Hotspots wie Aarbergergasse, Bahnhof und Schützenmatte patrouillieren. Bestätigt in dieser Strategie fühlt sich Polizeikommandant Blättler durch die Statistik: Fälle von schwerer Körperverletzung haben letztes Jahr um 44 Prozent auf 45 Fälle abgenommen.

Ladendiebstahl nimmt zu

Zwei auffällige Entwicklungen gibt es auch im Bereich Diebstahl. Mit einem Anteil von 60 Prozent ist es der grösste Posten innerhalb der Vermögensdelikte. Auch hier konnte letztes Jahr ein leichter Rückgang (–3 Prozent) verzeichnet werden.

Besonders hervorgehoben hat die Polizei die Abnahme von Einbruchdiebstählen um 16 Prozent auf knapp 2900 Fälle. Es ist der tiefste Wert seit elf Jahren. Die Polizei sieht darin den Beweis, «dass sich der nunmehr langjährige Fokus auf die Bekämpfung von Einbruchdiebstählen auszahlt».

Während auch die Zahl der Taschen-, Fahrzeug- und Trickdiebstähle abnahmen, kommt das Delikt Ladendiebstahl mit einer Zunahme von 23 Prozent auf rund 3000 Fälle wie ein Exot daher. Der Kripochef vermutet, dass Self-Scanning-Kassen das Schummeln begünstigten. Das Verkaufspersonal verstärke deshalb die Kontrollen, was sich wiederum in der Statistik durch mehr Anzeigen niederschlage.

Berner Zeitung

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