Was Bern im Jura zu verlieren hat

Was geht uns die Jura-Frage noch an? Sollen doch die Bernjurassier am 24. November entscheiden, was sie wollen. Aber: Wenn sie austreten, dann wird der nicht mehr zweisprachige Kanton Bern national geschwächt.

Kampf um Deutungshoheit: Auf der Willkommenstafel zum Berner Jura haben Separatisten «bernois» übermalt. Berntreue haben es wieder rekonstruiert.

Kampf um Deutungshoheit: Auf der Willkommenstafel zum Berner Jura haben Separatisten «bernois» übermalt. Berntreue haben es wieder rekonstruiert.

(Bild: Beat Mathys)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Der lokalpatriotische Streit um den Verlauf der Kantonsgrenzen im Jura wirkt in der Gegenwart des ökonomischen Standortwettbewerbs skurril und verjährt. Ohne Medien, die ab und zu den Gegensatz zwischen der Deutschschweiz und der benachteiligten Minorité im Jura heraufbeschwören, gäbe es den Jura-Konflikt vielleicht gar nicht mehr. Und überhaupt: Weil es nur die Bezirke im Berner Jura und im Kanton Jura sind, die am 24.November an der Urne über ihre künftige kantonale Zugehörigkeit befinden, muss das den Rest des Kantons Bern und der Schweiz nicht weiter kümmern.

Der Jura geht uns eben doch an

Dass muss es wohl doch. Denn erstens müsste das ganze Schweizervolk eine Grenzverschiebung im Jura gutheissen. Und sollte sich zweitens der ganze Berner Jura – entgegen den Prognosen – am 24.November aus dem Kanton Bern verabschieden, dann dürfte dieser regionale Entscheid wie ein Erdbeben spürbare Wellen in den ganzen Kanton Bern aussenden. Die Erweiterung des überlasteten Berner Hauptbahnhofs etwa könnte redimensioniert oder aufgeschoben werden. Der Grossraum Bern würde im Standortwettbewerb der grossen Städte weiter zurückfallen – und als Motor des ganzen Kantons ins Stottern geraten.

Was solche Szenarien mit der Minderheit von 50000 Bernjurassiern zu tun haben? Ohne sie wäre Bern nur noch ein deutschsprachiger Kanton. Und als solcher würde sein nationales Gewicht abnehmen – ebenso seine Kraft, mit den Kantonen der Romandie Allianzen zu schmieden, um an die Infrastrukturmilliarden des Bunds heranzukommen.

Untotes Gespenst

Der Jura-Konflikt ist eine lästige Hinterlassenschaft aus den heissen 1960er- und 1970er-Jahren, als sich die Berner Kantonsbehörden und die separatistische Bewegung in den Haaren lagen. Er ist aber auch eine unerledigte Hinterlassenschaft. Deshalb geistert er wie ein Gespenst herum, absorbiert die Jura-Region bis heute und lenkt von ihren wahren Problemen ab: der Randlage, den kleinräumigen Strukturen, dem fehlenden Bevölkerungswachstum.

Gleichzeitig wird die Jura-Frage von ebendiesen Strukturproblemen am Leben erhalten. Die betroffenen Player – Kanton Bern, Berner Jura, Kanton Jura und Bund – erhoffen sich von einer Klärung der Jura-Frage Gewinne oder fürchten Verluste.

Aber es geht nicht nur um Zahlen und Marktanteile. Die Jura-Frage zeigt, dass die Schweiz mehr ist als ein Wirtschaftsraum. Weiche Faktoren wie die lokale Identität und Kultur, die föderale Balance und die mentalen Unterschiede im Land zählen ebenso. Als diese Zeitung die Bernjurassier vor ein paar Jahren aufforderte, den Kanton Bern zu verlassen, wenn es ihnen dort nicht passe, war die Empörung von Genf bis Moutier und Biel gross (siehe Box nächste Seite). Die welsche Minderheit war pikiert. Die angeblich vergessene Jura-Frage weckte doch Emotionen.

Um die Tragweite der Abstimmung zu verstehen, die am 24.November den Konflikt offiziell beilegen soll, braucht es also eine Auslegeordnung harter und weicher Faktoren. Was am 24.November für den Kanton Bern auf dem Spiel steht, darüber debattiert man am besten mit Vizestaatsschreiber Michel Walthert (60). Er ist im Rathaus in Bern der garantierte frankofone Vertreter in der Staatskanzlei. Walthert pendelt jeden Tag von seinem Wohnort Villeret bei St-Imier nach Bern. Am 24.November ist er Partei. Er ist von Amtes wegen berntreu. «Endlich ist die Ziellinie des jahrzehntelangen Jura-Marathons zu sehen», sagt er in seinem kleinen Büro unter dem Dach der Staatskanzlei am Rathausplatz.

Emotion & Mentalität

Die Bilanz der Gewinne und Verluste beginnt mit einem Bauchgefühl. Für Befürworter einer Vereinigung von Berner Jura und Kanton Jura geht es um eine grosse Emotion: Sie halten die französischsprachigen Bewohner der sechs Jura-Bezirke, die einst das Bistum Basel bildeten, für ein Volk, das zusammengehört und sich wehrte gegen die Bevormundung und die Germanisierungspolitik des Kantons Bern, dem das Bistum Basel 1815 zugeteilt wurde.

Michel Walthert sieht das anders. Das «jurassische Volk» ist für ihn ein politisch, ja ethnisch aufgeladener Kampfbegriff, mit dem die separatistische Bewegung einen Exklusivitätsanspruch untermauert und sich mit einer gewissen kulturellen Arroganz von den «plumpen Alemannen», aber auch anderen Jurassiern in Neuenburg oder der Waadt abgrenze. Der Berner Jura habe sich längst vor 1815 mental dem nahen Kanton Bern angenähert, weshalb er mehrheitlich protestantisch, der Nordjura aber katholisch sei. Süd- und Nordjurassier würden trotz gemeinsamer Sprache unterschiedlich ticken, sagt Walthert. Der Kanton Bern hätte in seinen Augen den Mix von Deutschschweizer Seriosität und welscher Lockerheit zu verlieren.

Zweisprachigkeit

Ohne den Berner Jura gäbe es im Kanton Bern nur noch die Welschen in Biel. Bern würde seine Zweisprachigkeit und die damit verbundene kulturelle Vielfalt verlieren. Und eben: die sprachlich gegebene Allianz mit der Romandie. Allerdings: Bern ist ein grossmehrheitlich deutschsprachiger Kanton, seine frankofone Minderheit ist klein. Die Zweisprachigkeit wird im realen Berner Alltag kaum aktiv gelebt. An der Sprachgrenze stehen Romandie und Deutschschweiz eher desinteressiert Rücken an Rücken.

Bilingue zu sein, das ist ein schönes Image. Aber hilft es dem Kanton Bern im Standortwettbewerb? Dass sich die Hauptstadtregion von Bern bis in den Neuenburger Jura nach Le Locle erstreckt, mag eine Reverenz an die Zweisprachigkeit sein. Aber dieser weite Perimeter verzettelt den Grossraum Bern, statt ihn zu stärken.

Michel Walthert ist überzeugt, dass die Hauptstadtregion bilingue sein müsse, wenn sie vorankommen wolle. Wäre sie nur deutschsprachig, verlöre sie einen Teil ihrer heute schon schwächelnden Anziehungskraft. Die Nachbarkantone Freiburg und Neuenburg würden sich noch eindeutiger dem boomenden Genferseebecken zuwenden. Und es sei nicht zuletzt das zweisprachige Arbeitskräftereservoir, das Unternehmen in den Kanton Bern locke, sagt Walthert.

Nationale Rolle

Ein offizieller Mythos der jüngeren Schweizer Geschichte besagt, Bern habe unter den Kantonen eine Führungsrolle inne, weil es eine Brücke zwischen Welsch- und Deutschschweiz bilde. 1848 wurde Bern in der Tat mit den Stimmen der welschen Kantone zur Bundesstadt gekürt. Wäre der Kanton Bern nicht mehr zweisprachig, hätte er die Rolle als nationale Moderatorin und als Klammer der Willensnation zu verlieren. Aber stimmt das wirklich? Brauchen etwa die Powerzentren Zürich und Genf die Moderation aus Bern, wenn sie zusammen reden wollen?

Gerade weil Berns Gewicht abnehme, sei es wichtig, dass es dank der Zweisprachigkeit seine einzigartige Doppelrolle behalte, erwidert Michel Walthert. Als einziger mehrheitlich deutschsprachiger Kanton habe Bern Einsitz in der Westschweizer Regierungsdirektoren-Konferenz . Oder im regional- und wirtschaftspolitischen Verbund Arc jurassien, in dem Bern sogar direkte Kontakte mit Frankreich unterhält. Die Achse mit der Romandie mache Bern im Powerplay des ganzen Landes stärker, sagt Walthert. Er nennt jenes Grossprojekt, das der Kanton Bern dank der Kooperation mit den welschen Kantonen national durchsetzen konnte: den Neat-Basistunnel durch den Lötschberg, der schon seit 2007 in Betrieb ist, während an der Gotthardröhre immer noch gebaut wird.

Auch die Schweiz würde etwas verlieren, wenn der Kanton Bern nicht mehr zweisprachig wäre, ist Walthert überzeugt. Er verweist auf das flämisch-französische Belgien, das auch deshalb vom Auseinanderfallen bedroht sei, weil seine Provinzen – ausser dem Raum Brüssel – nach der Sprache getrennt seien. Was zeige, dass zweisprachige Provinzen wichtige nationale Klammern seien.

«Wäre Bern nur noch einsprachig, wäre das auch für die Romandie ein Verlust, nur will das die welsche Öffentlichkeit noch nicht wahrhaben», sagt Walthert. Faktisch gäbe es dann nämlich einen welschen Kanton weniger, nach der Rechnung der Stände wäre die Romandie noch minoritärer als heute. Walthert weiss aus Erfahrung, dass die Romandie sich mit ihrer sprachlichen Sensibilität in einem Bern, das die Hauptstadt eines rein deutschsprachigen Kantons wäre, «weniger gut repräsentiert» fühlen würde.

Finanzen

Von den Emotionen zu den harten Zahlen: Blendet man die in der Schweiz heilige Solidarität von starken mit schwachen Regionen einmal aus, kann man kühl vorrechnen, dass ein Austritt des Berner Juras für den Kanton Bern eine finanzielle Entlastung bedeuten würde. Eine Studie des Beratungsbüros Blöchlinger, Staehelin und Partner über die Finanzflüsse zwischen dem Kanton Bern und seinen Jura-Bezirken zeigte 2001 auf, dass der Berner Jura im Jahr bis zu 40 Millionen Franken mehr aus der Kantonskasse bezieht, als er dort mittels Steuern einzahlt.

Hinzu kommen jährliche Kosten von rund 6 Millionen Franken für die Übersetzungsarbeit in der Berner Verwaltung und Politik. Der Zweisprachigkeit geschuldet ist auch die dichte und so teure Infrastruktur im Berner Jura. So gibt es etwa die zwei Spitalstandorte St-Imier und Moutier – in unmittelbarer Nähe der Spitäler von Biel, Delsberg und Solothurn.

«Wenn der Kanton Bern wirklich sparen möchte, müsste er andere und grössere Randregionen abtreten, die noch weit teurer sind als der Berner Jura», erwidert Walthert. Überdies käme den Bund und die finanzkräftigen Kantone ein Verbleib des Berner Juras bei Bern billiger als ein vergrösserter, aber immer noch schwacher Kanton Jura. Schon heute steuern der Bund und starke Kantone 42 Prozent der jurassischen Kantonsauslagen bei.

Weil der periphere Kanton Jura von den Zentren Biel, La Chaux-de-Fonds und Basel abhängt und mit seinen 70000 Einwohnern kaum die kritische Grösse erreicht, um aus eigener Kraft voranzukommen, wäre für ihn eine Vereinigung mit dem Berner Jura wohl ein Gewinn. Aber kaum für die bernjurassischen Steuerzahler, glaubt Walthert. Der Berner Jura hat eine tiefere Steuerbelastung als der Kanton Jura. In einem vereinigten Jura wäre sie wohl höher. Wie hoch, das ist umstritten.

Wirtschaft

Dass der Berner Jura mit seinen exportorientierten Uhren- und Mikrotechnikfirmen für den Kanton Bern ein ökonomischer Gewinn ist, scheint unbestritten zu sein. Nicht zuletzt dank dem Berner Jura ist der Kanton Bern der grösste Industriestandort der Schweiz. Unter den Kantonsregionen weist der Berner Jura aber eine unterdurchschnittliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Wertschöpfung aus. Und weil der Anteil der Exportindustrie hoch ist, ist der Berner Jura auch in höherem Masse von Konjunkturschwankungen betroffen, wie es der wechselhafte Geschäftsgang der Maschinenbaufirma Tornos in Moutier oder die Uhrenkrise der 1980er-Jahre zeigen.

Ohne die Industrieunternehmen stünde der ländliche Berner Jura dennoch schlechter da, erwidert Michel Walthert. In seiner Wohngemeinde Villeret etwa stünden 900 Einwohnern enorme 1000 Arbeitsplätze bei Spitzenfirmen wie Straumann, ETA, Nivarox oder Minerva zur Verfügung. Der Berner Jura sei ein um das zweisprachige Zentrum Biel herum aufgestellter Cluster mit hoch stehendem Spezial-Know-how und globalen Kontakten.

Sonderrechte

Ohne den Berner Jura stünde den deutschsprachigen Bernern ein Regierungsratssitz mehr zur Verfügung, der heute einem Vertreter der frankofonen Minderheit gehört und dieser eine überproportionale Vertretung in der Kantonsregierung zusichert. Weil der Jura-Sitz umstritten ist, wird sich im Frühling gar im peripheren Jura entscheiden, wer im Kanton Bern die Regierungsmacht innehaben wird. Der Kanton gewährt dem Berner Jura in einem Sonderstatut zudem Minderheitenrechte, wie es sie in keinem anderen Kanton für eine sprachliche Minderheit gibt.

«Wäre das wirklich ein Gewinn für den Kanton Bern, diese Sonderregelungen fallen zu lassen, welche die Koexistenz der Sprachgruppen sichern?», fragt Michel Walthert. Die paar Sonderrechte für die frankofone Minderheit beziehen sich überdies vor allem auf sprachlich-kulturelle Fragen, die den Kanton nicht viel kosten. Die Autonomiezusicherungen dürften allerdings nicht so weit gehen, dass sich andere Kantonsregionen benachteiligt vorkommen, betont Walthert.

Bilanz

Welche Bilanz der Gewinne und Verluste wird der Berner Jura am 24.November ziehen? Michel Walthert ist überzeugt, dass er beim Kanton Bern bleiben wird. «Die Leute werden sich die Frage der Verluste und Gewinne im ganz lokalen und privaten Rahmen stellen», sagt er. Sie werden sich etwa fragen, ob ein vereinigter Kanton Jura in Moutier noch 400 Staatsstellen unterhalten würde, wie das heute der grosse Kanton Bern tut. Und sie werden überlegen, in welchem Kanton sie am Ende des Monats mehr Geld im Sack haben.

Einen Gewinn bringe der 24.November dem Kanton Bern auf jeden Fall, sagt Walthert: Er habe ein Problem weniger, weil es in der Jura-Frage endlich Klarheit gebe.

Längst profitiert der Kanton Bern übrigens davon, dass durch die Versöhnungsarbeit der Interjurassischen Versammlung und des Bunds der einst heisse Konflikt in den letzten 20 Jahren so abgekühlt wurde, dass er schon fast vergessen ist. Am 24.November muss man sich noch einmal damit beschäftigen, um ihn dann ganz vergessen zu können.

Berner Zeitung

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