Warum uns die afrikanischen Wachstumsbeschwerden wehtun

Im Angesicht der Flüchtlingstragödien vor Lampedusa gerät die Entwicklungshilfe an den Krisenkontinent Afrika unter Beschuss. Thomas Breu von der Universität Bern rät zu einer realistischeren Sicht.

Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wenn ich rund um die Welt unsere Kunden treffe, wollen sie als Erstes über Afrika reden», sagt Diana Layfield, regionale CEO der internationalen Bankengruppe Standard Chartered, im aktuellen Report des Wirtschaftsberatungsunternehmens Ernst&Young. In Afrika gehe wirtschaftlich die Post ab, und die Wachstumsaussichten seien brillant: In den letzten gut 10 Jahren verdreifachte sich die Wirtschaftskraft Afrikas, und schon 2035 werde der Schwarze Kontinent über das weltweit grösste Arbeitskräftereservoir verfügen – noch dazu einen Markt mit einer Milliarde Konsumenten.

Business-Treibhaus Afrika

Obwohl in der westlichen Öffentlichkeit das Bild Afrikas als konfliktgeschüttelter, instabiler, korrupter Flüchtlingsproduzent dominiert, setzt sich laut Ernst&Young unter global denkenden Investoren – namentlich in Wirtschaftsturbostaaten wie China oder Brasilien – eine andere Sicht durch: Afrika ist der Weltwirtschaftsmotor der Zukunft. Wer Business machen will, muss nicht mehr nur nach Shanghai oder Mumbai. Sondern nach Addis Abeba, Maputo, Accra. Jetzt.

Was hat dieses Wirtschaftswunder mit dem humanitären Drama von Afrikanern zu tun, die nach lebensgefährlicher Fahrt übers Mittelmeer in Lampedusa stranden? Deren Emigration legt nahe, dass die milliardenschwere Entwicklungshilfe aus dem Norden wirkungslos verdunstet – und die Migration sogar fördert, weil Afrikaner ihre Flucht erst finanzieren können, wenn sie der bittersten Armut entronnen sind.

Der Geograf Thomas Breu (50) ist stellvertretender Direktor des Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern, an dem sich rund achtzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit globalen Nord-Süd-Fragen auseinandersetzen. Der nüchterne Blick auf Afrika gehört zu den Kernkompetenzen des CDE, das ein verzweigtes Netzwerk mit Forschern im Süden der Welt aufgebaut hat.

Breu legt als Erstes eine Grafik auf den Tisch. «Wenn man über die Wirksamkeit von Entwicklungszusammenarbeit spricht, ist es wichtig, sich die globalen Grössenverhältnisse vor Augen zu halten», sagt er. Umgerechnet 24 Milliarden Franken Entwicklungshilfegelder aus aller Welt flossen 2012 nach Afrika (siehe Grafik auf dieser Seite). Rund doppelt so hoch (und stark wachsend) ist der Betrag, den ausländische Investoren 2012 direkt in ihre Projekte – etwa zum Abbau von Rohstoffen, aber auch zur Auslagerung von Dienstleistungen – in afrikanischen Ländern einsetzten.

Das zeigt: Die Bedeutung der Entwicklungshilfe für die wirtschaftliche Performance (und die Bekämpfung allfälliger Auswanderungsgründe) in afrikanischen Staaten ist schon nur quantitativ stark limitiert. Private Investoren – die Kundschaft von Standard-Chartered-Bankerin Layfield – steuern die Entwicklung in Afrika viel stärker. Noch umfangreicher sind die Rücküberweisungen afrikanischer Emigranten in den Norden, die nach neueren Untersuchungen nicht nur zu mehr Konsum führen, sondern auch in den wirtschaftlichen Aufbau investiert werden. «So gesehen», sagt Breu, «müsste man zur Stabilisierung in Afrika die Emigration eher stärken und sicherer machen.»

Beliebte Chinesen

Damit will er nicht sagen, dass Entwicklungszusammenarbeit davor gefeit wäre, unerwünschte Trends zu fördern. In einer Studie hat das Berner CDE untersucht, ob westliche oder östliche Entwicklungshilfe in Afrika besser ankommt. Während Westler ihre Unterstützung gerne an ökologische oder demokratiepolitische Vorbedingungen knüpfen, folgt etwa die chinesische Entwicklungszusammenarbeit einfacheren Prinzipien meist ohne humanitären Überbau: eine neue Prunkbrücke in der Hauptstadt aus China, im Gegenzug erleichterter Zugang zu afrikanischen Ressourcen. Der chinesische Approach ist bei Afrikanern klarer Favorit.

Millionen Binnenflüchtlinge

Trotzdem habe die globale Entwicklungszusammenarbeit, sagt Breu, Afrika messbar viel gebracht – etwa in der Gesundheitsvorsorge oder im Zugang zu Bildung. Und selbst bei der Bekämpfung der Armut: In den letzten 20 Jahren hat der prozentuale Anteil von Afrikanern, die weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung haben, von 58 auf 45 Prozent abgenommen. Absolut gesehen allerdings nimmt wegen des Bevölkerungswachstums die Zahl bitterarmer Menschen in Afrika ständig zu.

Und was Breu für fatal hält: Unter dem Diktat der Weltbank habe die internationale Entwicklungszusammenarbeit in den letzten Jahren die ländlichen Gebiete vernachlässigt, was die innerafrikanische Migration verstärkt. Das verschärfe soziale, ethnische und religiöse Konflikte, vor allem in den Slums afrikanischer Megacitys.

Dutzende Millionen Menschen sind deshalb innerhalb Afrikas auf der Flucht. Wenige Zehntausend pro Jahr sind es derzeit, die via Mittelmeer den Ausgang Richtung Europa suchen. Es sei unbestritten, so Breu, dass diese Emigranten – die auch vor Krieg oder Dürre flöhen – meist nicht direkt aus den Slums kämen und eher zu den innovativeren Köpfen gehörten. Insofern sei der Befund nicht falsch, dass Entwicklungszusammenarbeit die materiellen Voraussetzungen schaffen helfe, die Emigration in den Norden überhaupt zu ermöglichen.

Daraus zu schliessen, Entwicklungszusammenarbeit aufzugeben, hält Breu allerdings für falsch. Ebenso die gerne erhobene Forderung, Afrika zur Lösung seiner Probleme sich selber zu überlassen: «Aus Südamerika und Asien kommen kaum Flüchtlinge zu uns. Migrationsverhinderung muss also mit Entwicklung zu tun haben.»

Breu plädiert dafür, Entwicklungszusammenarbeit intelligenter auszurichten – zum Beispiel, mit Forschungspartnerschaften in afrikanische Wissensgesellschaften zu investieren, wie es das CDE versucht. Das wäre eine Voraussetzung, «dass Afrikaner ihre Probleme selber lösen können». Für solche langfristigen Projekte forderten die Geber westlicher Entwicklungshilfe heute aber oft zu kurzfristig Resultate ein. Das frenetische afrikanische Wachstum ist ein immenser Challenge: 7 der 10 am schnellsten wachsenden Länder der Welt befinden sich in Afrika. (Allerdings auch 30 der 39 ärmsten Länder). Äthiopien mit seinen 91 Millionen Einwohnern legt wirtschaftlich schneller zu als China. Während ausländische Direktinvestitionen weltweit um 18 Prozent zurückgehen, nehmen sie in Afrika um 5 Prozent zu. Aber: «Mit dem wirtschaftlichen Aufbruch sind die Probleme nicht einfach vom Tisch», sagt Breu. Im Gegenteil: Sie spitzen sich unter der aktuellen Goldgräberstimmung eher zu.

Fragile Entwicklung

Überspitzt könnte man sogar sagen: Wenn die bitterste Armut überwunden ist und sich die Entwicklungshilfe oft zurückzieht, fangen die Schwierigkeiten erst an: wachsender Unterschied zwischen Arm und Reich, grassierendes Städtewachstum, aufbegehrende Minderheiten, ökologischer Kollaps. Die Entwicklung ist fragil. «Länder wie Mali, Tansania, Kenia glaubte man gut unterwegs», sagt Breu. Aber es brauche wenig, wie etwa den Terroranschlag islamistischer Milizen kürzlich in Nairobi, und trotz Wachstumseuphorie ist sofort Krise.

Sawiris im Dutzend

Dass üppige Finanzströme aus dem Ausland Schwierigkeiten schaffen können, kennt man auch aus der Schweiz: Der afrikanische Unternehmer Samih Sawiris will mit einem Millionenprojekt die Region Andermatt vor dem Zerfall retten, was Verwaltung und Bevölkerung seit Jahren auf Trab hält. Schlechter ausgestattete Behörden afrikanischer Länder müssen parallel Dutzende solcher Monsterinvestitionen bewältigen: Malaysische und brasilianische Investoren erwerben Land, um Jatropha-Pflanzen zur Produktion von Biosprit anzubauen, Chinesen erkaufen sich Zugang zu seltenen Erden. «Die Frage ist heute nicht, ob sich Afrika entwickelt, sondern ob es das horrende Tempo des Wandels bewältigt», sagt Breu. «Bei uns im Norden dauerte diese Entwicklung 50 oder 100 Jahre, selbst China hat mehr Zeit gehabt, den Wirtschaftsboom zu verdauen.»

Abgesehen davon müsse man sich als Land des demografisch schrumpfenden Nordens wie die Schweiz aber im Klaren sein: «Die Globalisierung der Zukunft findet im Süden statt.» Die Tiger- und Löwenstaaten Asiens, Afrikas und Südamerikas vernetzen sich und richten sich aufeinander aus. Die Frage sei heute weniger, ob man zu viel Entwicklungshilfe leiste, sondern ob man nicht den Zug verpasse. Aufbauhilfe für die afrikanische Wissensgesellschaft oder die Regulierung von Finanzengagements in Afrika hält Breu für «lohnende Investitionen», weil sich die Schweiz damit als guter Partner aufstelle.

In wenigen Jahrzehnten, glaubt er, werden Schweizer Unternehmungen Firmenteile nach Afrika auslagern. In die kenianische Metropole Nairobi etwa, die gerade daran ist, sich als internationaler IT-Hub zu etablieren.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.10.2013, 10:49 Uhr

Artikel zum Thema

«Dann ist es scheinheilig zu jammern, wenn Flüchtlinge ertrinken»

Solange die EU und die Schweiz die Einwanderung aus Afrika unterbinden, sei es scheinheilig, wegen ertrunkener Flüchtlinge zu jammern, sagt Peter Niggli, Chef der Hilfswerkdachorganisation Alliance Sud. Mehr...

Das Botschaftsasyl ist wieder im Gespräch

Schon wieder sind im Mittelmeer Dutzende von Flüchtlingen aus Afrika ertrunken. In einem Interview zeigt sich Justizministerin Simonetta Sommaruga betroffen, aber auch ratlos. Mehr...

Bürgerliche fordern Flüchtlingslager in Afrika

Führende bürgerliche Politiker wollen erreichen, dass nur noch diejenigen Personen nach Europa kommen, die eine Chance auf Asyl haben. In nordafrikanischen Flüchtlingslagern sollen Gesuche geprüft werden. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...