«Uni nimmt nicht die Besten»

«Es braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den wirklichen Kapazitäten und den eigenen Nachwuchskräften», sagt Strafrechtsprofessor Karl-Ludwig Kunz.

Professor Karl-Ludwig Kunz hat nie ein Blatt vor den Mund genommen – auch nach Volksentscheiden nicht.

Professor Karl-Ludwig Kunz hat nie ein Blatt vor den Mund genommen – auch nach Volksentscheiden nicht.

(Bild: Stefan Anderegg)

Sie haben 29 Jahre an der Universität Bern gelehrt. Haben sich die Studierenden verändert? Karl-Ludwig Kunz: Sie sind unauffälliger, braver und lerneifriger geworden. Weniger Spass und Witze, mehr Ernsthaftigkeit beim Studium und Aushilfsjobs zum Geldverdienen.

Ist dies eine Folge der Bologna-Studienreform? Auch, aber nicht nur. Entscheidender ist der Arbeitsmarkt: wenn die Stellen knapp werden, verlagert sich die Konkurrenz zunehmend auf die Uni. Das Alter ist für den Beruf ein Qualifikationsmerkmal: Je jünger man zu einem Abschluss kommt, als desto besser gilt man.

Nur die Professoren haben sich nicht verändert! Doch, natürlich. Das Bild des Professors, ein alter Bücherwurm, der lehrt und schreibt, ist zwar noch in den Köpfen. Doch längst gibt es (immer noch zu wenige) Professorinnen. Professoren sind heute Manager; es geht weniger darum, wissenschaftliche Schriften zu veröffentlichen, sondern Leute zu fördern und Organisationen zu leiten. Professoren müssen jetzt in Gremien bestehen und sich durchsetzen. Managerqualitäten stehen heute leider massiv im Vordergrund.

In den Rechtswissenschaften sind die Betreuungsverhältnisse an der Universität Bern oft schlecht. Wie gingen Sie mit diesem Negativum um? Im Grundstudium sind die Betreuungsverhältnisse völlig unzureichend, um nicht zu sagen schlimm. Im Herbstsemester habe ich Allgemeines Strafrecht gelesen; dafür gab es nur einen grossen Hörsaal in Bern. Der Verteilungskampf darum beginnt ein halbes Jahr zuvor. Letztlich musste ich die Veranstaltung von 18 bis 20 Uhr durchführen, nachdem die Studierenden schon einen anstrengenden Tag hatten. Zudem musste wegen des immer noch zu kleinen Hörsaals die Veranstaltung per Video aufgenommen und ins Internet gestellt werden.

Man könnte die Studiengebühren massiv anheben, um mit den Mehreinnahmen weitere Professoren anstellen zu können. Von Gebührenerhöhungen halte ich nichts. Das Thema wird relevant, wenn genügend Stipendien ausgerichtet werden. Eines unserer Grundprobleme ist, dass wir immer besser werden sollen. Doch exzellent würden wir erst, wenn wir unsere Studierenden selbst aussuchen könnten. Die müssten dann Stipendien oder Darlehen erhalten, wenn sie das Studium nicht selbst finanzieren könnten. Das ist im Moment nicht der Fall und wäre nur mit Aufnahmeprüfungen möglich, die unsere Kapazitäten noch mehr belasteten.

Haben Sie es einmal bereut, Ihre Berufung zum Generalstaatsanwalt in Deutschland abgelehnt zu haben? Das Interessante an diesem Job ist, dass man Rechtspolitik machen kann. Zum Beispiel kann man eine Strategie der Nichtbefolgung von Straftaten systematisch organisieren. Oder man setzt Schwerpunkte, etwa in der Wirtschaftskriminalität. Diesen Job habe ich abgelehnt, weil der Generalstaatsanwalt dort ein politischer Beamte ist. Konkret: Man ist auch bei rein politischen Entscheiden verantwortlich gegenüber dem Ministerium und der Farbe der Partei, die dieses Ministerium leitet. Sobald eine andere Regierung kommt, wird man abserviert und in den Ruhestand geschickt.

Auch im Kanton Bern ist die Wahl von Justizialpersonen eine politische Wahl. Die Stellen von Richtern und Staatsanwälten werden meist nach dem Parteienproporz vergeben. Anders als dort geht es hier nicht nur um Spitzenpositionen in der Justiz. Als ich in die Schweiz kam, hat mich dies sehr gewundert. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Das Gute an diesem System ist, dass tatsächlich eine Kontrolle der Richter über die Parteien erfolgt. Weil es hier kaum andere Kontrollen der Richter gibt, beurteile ich dies als positiv.

Trotz Berufungen an renommierte deutsche Universitäten haben Sie der kleinen Universität Bern den Vorzug gegeben. Weshalb? Die Attraktivität von Bern gründet zum einen in der Landschaft, zum anderen lag es daran, dass die Verwaltung von Universität und Kanton klein war, wenig Einfluss ausübte und tatsächlich tolerant ist. Die Selbstverwaltung mit mühsamen kontroversen Sitzungen fiel an der Universität Bern im Vergleich zu Deutschland bescheiden aus; inzwischen hat die Uni Bern auch in diesem Bereich aufgeholt.

Wurden Sie in Bern herzlich empfangen, oder gab es gegenüber deutschen Professoren bereits Animositäten? Ich wurde mit sehr offenen Armen empfangen. An der Universität Bern lehrten damals weit mehr ausländische Professoren als heute. Auch im Dorf wurden wir sehr gut aufgenommen.

Hat sich daran etwas geändert? Heute will man an der Uni Bern vermehrt eigenen Nachwuchs fördern; das geht oft auf Kosten der internationalen Konkurrenzfähigkeit, weil man dann nicht die besten, sondern die eigenen Leute beruft. Die eigenen Leute müssen sich nicht auswärts bewähren und damit keine wirkliche Probe in einem für sie fremden Umfeld bestehen.

Der Qualität der Lehre ist dies nicht förderlich. Nein, nicht unbedingt.

Ist die Exzellenz der Forschung in Gefahr? In Gefahr ist ein zu starkes Wort. Es braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den wirklichen Kapazitäten und den eigenen Nachwuchskräften. Letztere, vor allem auch Frauen, sollen die Chance für eine akademische Laufbahn erhalten. Man darf aber den freien Wettbewerb aller nicht zu sehr durch Hausberufungen beeinträchtigen.

Bei Professoren und Studierenden haben Sie vor Jahren für Aufsehen gesorgt, als Sie Mickey-Mouse-Geschichten auf kriminelle Handlungen untersuchten. Sind Sie ein Comicfan? Ja, natürlich.

Natürlich? Beim Lesen von Mickey Mouse merkte ich, dass die Geschichten lustig und erzieherisch verbrämt sind, aber in dieser Tarnung die realen Verhältnisse besser widerspiegeln, als dies ein ernstes Medium für Erwachsene kann.

Und die Akteure? Die Figuren haben sich verändert: Mickey, der über die Stränge schlägt, wird zum Superdetektiv. Die statistische Anzahl der gezeichneten Straftaten hat enorm zugenommen. Das sagt viel aus über die heutige Zeit. Zugenommen hat nicht unbedingt die Kriminalität, aber sicher die Angst vor ihr.

Konkret? Heute spielen bei Mickey Mouse Straftaten eine zentrale Rolle, das war vor 30 Jahren völlig anders. Kater Carlo, ein Ganove, war jemand, der Leute witzig übers Ohr gehauen hat. Heute ist er ein organisierter Gangster. Der Charakter der Personen ist zeit- und ortsabhängig: Donald ist in Italien ein ganz anderer als er hier ist. Die Interpretation der Figuren erfolgt spezifisch im Kontext der jeweiligen Gesellschaft.

Können die Gesetze mit den Veränderungen in der Gesellschaft Schritt halten? Nein. Das Problem ist nicht, dass man für ein neues Problem ein neues Gesetz macht, sondern dass man alles mit noch mehr Gesetzen regeln will. Ein Beispiel: Neben dem üblichen Diebstahl gibt es heute den Datendiebstahl. Diebstahl hat eine feste Struktur, die nicht auf Datendiebstahl passt. Wird das Gesetz so erweitert, so wird das System schwammig; gerichtliche Entscheide sind weniger vorhersehbar. Die Gesetze werden immer vager, damit immer mehr soziale Probleme abgedeckt werden. So geht die Voraussehbarkeit verloren, was man tun darf und was nicht.

Seit 1992 haben Sie den Schweizer Pass und dürfen an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Tun Sie sich manchmal schwer mit Volksentscheiden? Ja.

Zum Beispiel? Mit fast allen der letzten Jahre.

Die Unverjährbarkeit bei Sexualdelikten? Das ist eine symbolische Gesetzgebung. Man tut so, als ob man scharf vorgehen würde. In Wirklichkeit geschieht im Grunde gar nichts. Die Verjährungsfristen waren schon bisher ausreichend lang. Wenn die Verjährung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird, kann es vorkommen, dass eine 90-Jährige ihren Freund anzeigt, weil dieser sie im Kindergarten vergewaltigt haben soll. Dann tauchen enorme Beweisprobleme auf, die zu einem Freispruch führen müssen.

Und die Verwahrungsinitiative? Auch da war ich ganz klar dagegen. Doch die Volksmeinung war eine andere. Menschen, auch Straftäter, können sich aus eigener Kraft ändern. Wenn sie nicht mehr gefährlich sind, müssen sie entlassen werden. Nur wenn man daran zweifelt, wäre eine lebenslange Verwahrung zulässig.

Das Bernervolk hat vor Jahren Ja gesagt zum Vermummungsverbot. Angewendet wird es trotzdem nicht. Stört Sie das? Nein. Ich bin ein Gegner des Vermummungsverbots. In einer freien Gesellschaft soll man rumlaufen dürfen, wie man will.

Wer sich vermummt, will sich vor Erkennung schützen. Die Identifizierung wird ein Stück weit schwieriger, aber möglich bleibt sie trotzdem. Es stellt sich die Frage: Soll man diese Schwierigkeit um den Verlust eines Stücks Freiheit der Gesellschaft nicht in Kauf nehmen?

Viele Berner nerven sich, die Reitschule sei ein rechtsfreier Raum, weil sich die Polizei nicht mehr ins Gebäude wage. Die Polizei hat die Aufgabe, polizeirechtlich Ruhe und Ordnung herzustellen, und sie ist Hilfsorgan der Staatsanwaltschaft bei Straftaten. Bei Straftaten gibt es keinen rechtsfreien Raum, formell jedenfalls – auch in der Reitschule nicht. Bei polizeirechtlichen Interventionen ist dies anders: Da muss die Polizei abwägen, ob sie zum Beispiel bei einer Demonstration interveniert und dadurch im Gegenzug Verletzungen von Polizeipersonen in Kauf nimmt. Hier ist Ermessen angesagt. Da kann es sein, dass man Straftaten duldet, um auf dem Spiel stehende höherwertige Rechtsgüter nicht zu gefährden.

Ereifern kann sich die Volksseele auch bei Raserunfällen. Sollen Raser – was der Bundesrat nicht will – in jedem Fall in U-Haft gesetzt werden? Beim Thema Raserunfälle ist eine enorme Sensibilisierung der Öffentlichkeit erfolgt. Die Gerichte geraten unter öffentlichen Druck, möglichst harte Strafen auszusprechen. Die U-Haft dient nicht der Bestrafung, sondern der Verfahrenssicherung. Sie hat den Zweck, die Durchführung des Strafverfahrens zu sichern, etwa wenn jemand fliehen will oder Wiederholungsgefahr besteht. Deshalb ist es richtig, dass der Bundesrat nicht zwingend U-Haft anordnen will.

Psychiatrische Gutachten wirken sich bei Prozessen oft matchentscheidend aus. Haben solche Gutachten ein zu hohes Gewicht? In den USA gibt es im Strafverfahren keine Gutachten, auch Unzurechnungsfähige werden bestraft. Ist jemand gefährlich, bekommt er lebenslänglich. Bei uns ist es anders, weil wir zwischen Zurechnungsfähigen und Unzurechnungsfähigen unterscheiden und Letztere nur ohne Vorwurf verwahren können. Diese Entscheidung muss durch Gutachter fachlich gestützt werden. Unser System finde ich wegen seiner individuellen Beurteilung besser als dasjenige in den USA.

Welches ist für Sie der zentrale Fall in der Berner Kriminalgeschichte der letzten Jahrzehnte? Sicher der Fall Zwahlen. Der Fall wurde von so vielen Seiten aufgeputscht, dass wir uns an der Uni dazu entschlossen hatten, keine Stellungnahme abzugeben.

Wird man Sie künftig als Beobachter an Prozessen im Gerichtssaal antreffen? Das wäre durchaus möglich. Ab und an werde ich angefragt, ob ich einen Prozess kommentieren würde. Dies tue ich jedoch nur, wenn ich diesen live mitverfolge. Dem Swissair-Prozess habe ich auf Einladung von Radio SRF beigewohnt und diesen auch kommentiert. Im Fall Kneubühl war ich jedoch nicht anwesend.

Ihre Abschiedsvorlesung ist Geschichte, Sie wurden emeritiert. Und jetzt? Eigentlich habe ich mir nichts Besonderes vorgenommen. Ich will weiterhin Vorträge halten und Veröffentlichungen machen. Die Anfragen sind so zahlreich, dass ich nicht überall zusagen kann. Auch will ich mehr Zeit in unserem Ferienhaus im Wallis verbringen und meine Enkel geniessen können. Zudem habe ich noch einige Doktoranden und Habilitanden, welche ich weiterbetreue.

Werden Sie etwas tun, das Sie aus Zeitmangel in den letzten Jahren vernachlässigt haben? Mit Sicherheit sind dies zwei Sachen: Ich wollte schon immer einen Roman schreiben, vielleicht einen Krimi. Zudem male ich recht gerne gegenständliche Bilder, zum Beispiel die Walliser Alpen.

Berner Zeitung

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