Streit um das Sorgerecht für ein Mühlrad

Jura-Konflikt: Eigentlich haben die Béliers das alte Mühlrad von Bollement der Berner Kantonalbank gestohlen. Sie sehen das Rad aber als «Kulturerbe», das der Kanton Bern dem Jura geraubt habe.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Man muss sich einen Weg durch das dichte Gebüsch am Ausfluss des idyllischen Weihers von Bollement bahnen, um zum Ausgangspunkt dieser vertrackten Geschichte zu gelangen. Dort, tief in den jurassischen Freibergen, stösst man auf ein rostiges Wasserrad. Es ist das Überbleibsel einer schon 1514 bezeugten Mühle, um die sich seit 40 Jahren ein absurder Streit dreht, wie er nur im Jura möglich ist.

Jurassische Trophäe

Auch das zum Wasserrad passende, hölzerne Antriebszahnrad existiert noch. Man findet es, wenn man vom Weiher auf einem Strässchen ein paar Kurven hochfährt ins Dorf Saint-Brais. Dort haben die Béliers, die separatistische Jugendorganisation, das Rad auf dem Dorfplatz als Monument aufgestellt.  Martialisch widmen sie das Mühlrad auf einer Gedenktafel den «verschwundenen Militanten im Jura» und nennen einen von ihnen: Christophe Bader aus Saint-Brais, 1993 in Bern umgekommen bei der vorzeitigen Explosion seines Sprengsatzes, der angeblich für das Berner Rathaus gedacht war.

Ein Mühlrad verkörpert eine versunkene Epoche. Das gilt auch für den Jura-Konflikt. Die lokalpatriotische Gefühlsaufwallung der jurassischen Separatisten gegen den Kanton Bern wirkt heute seltsam deplatziert. Höchste Zeit, dass der Zwist mit der Abstimmung vom 24.November über die künftige Kantonszugehörigkeit der Region erledigt wird. Revolutionsromantiker wie die Béliers aber versuchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Indem sie etwa ein altes Mühlrad zu einer Trophäe und zum Zeugen des jurassischen Freiheitskampfs erklären.

Vom Jura an die Bankfassade

Die Geschichte des Mühlrads von Bollement begann 1965, als der Müller Laurent Crétin seine Mühle an den Kanton verkaufte. Das war damals noch der Kanton Bern. Crétin dürfte froh gewesen sein, seinen 1953 eingestellten Betrieb loszuwerden. Der Kanton Bern hatte die einleuchtende Idee, die Mühle zu entfernen, um den Weiher von Bollement in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln. Und die Schweizer Armee dürfte sich gefreut haben, dass ihr der Kanton Bern die Mühle zum Abriss überliess. 1972 beübte eine Luftschutzkompanie die Ruine als Trainingsobjekt und brannte sie ab. Protestaktionen dagegen sind keine überliefert.

Beim Erzählen kramt Ernst Häusermann, vitaler 76-jähriger Seniorchef einer Gartenbaufirma in Langenthal, in alten Papieren und Zeitungsartikeln. Er war Soldat in jener Luftschutzkompanie. Bei der Zerstörung der Mühle habe er nicht mitgewirkt, erzählt er, ein verstorbener Dienstkollege habe ihn aber angerufen, es gebe da ein Antriebsrad, ob man das nicht vor der Vernichtung bewahren wolle. Die beiden Soldaten wollten. Wie aber liess sich das im Durchmesser drei Meter grosse Mühlrad wegschaffen, ohne damit unangenehm aufzufallen? Sie stellten es vorerst bei einem berntreuen Bewohner von Saint-Brais hinters Haus. Dann transportierten sie es in der Nacht, mit Decken verhüllt, auf einem Anhänger ab.

Ein paar Monate lang stand das Mühlrad vor dem Haus von Häusermanns Dienstkollege. Dort sah es auf der Durchfahrt ein Bieler Architekt und kaufte es für ein paar Tausend Franken. Der Architekt veräusserte es weiter an die Berner Kantonalbank (BEKB), und die montierte das Mühlrad 1973 als Fassadenschmuck an die Wand ihrer Filiale in Lengnau bei Biel. Auf einer Tafel informierte sie darüber, dass das Rad aus dem Jura stamme und vor der Zerstörung gerettet worden sei. «Wenn ich jeweils in Lengnau vorbeikam, dachte ich: Da ist mein Rad», erinnert sich Häusermann.

«Rückführung von Raubgut»

Erst die Tafel über die Herkunft des Mühlrads dürfte die Béliers auf die Idee gebracht haben, das Rad am helllichten Tage des 11.Oktober 1996 von der Wand der BEKB-Filiale Lengnau abzumontieren und aus dem bernischen Feindesland wegzuschaffen. Die Separatisten erzählen die Geschichte des Mühlrads von Bollement etwas anders als der damalige Soldat Ernst Häusermann. Für sie ist das Mühlrad ein Opfer der kantonalbernischen Kolonialpolitik im Jura.

In einer skurrilen Rechtsbelehrung, die eine erstaunliche Liebe der Freiheitskämpfer zur Paragraphensprache verrät, erklären die Béliers auf Anfrage per E-Mail: Der Kanton Bern habe 1972 «eigenmächtig» die Mühle von Bollement, dieses «wertvolle, historische Erbe des Juras, zerstört. Die Schweizer Armee habe die Mühle, ohne ihre Teile zu dokumentieren, abgebrochen. Und die zwei Soldaten hätten das hölzerne Rad «zu ihrem persönlichen Vorteil gestohlen» und dieses «Raubgut» an die Berner Kantonalbank verhökert. Der «logische Eigentümer» des Rads sei aber der 1979 gegründete Kanton Jura. In dessen Namen habe man «das Sorgerecht» über das Mühlrad übernommen und es in seine Heimat «repatriiert». Weil die Polizei damals hinter dem Rad her gewesen sei, habe man es verschwinden lassen.

Seit die Béliers nicht mehr mit Brandanschlägen, sondern mit Lausbubenstreichen ihre unscharf gewordenen Ziele verfolgen, gehört das Verschwindenlassen zu ihrem Repertoire. 1985 und noch einmal 2005 haben sie medienwirksam den legendären Unspunnenstein «entführt». Über den Verbleib des Originalsteins schweigen sie sich bis heute aus. Mühlradretter Häusermann schüttelt ob solchen «Entführungen» den Kopf. Dass die Mühle von Bollement vom Kanton Bern und der Schweizer Armee in einem Akt von Herrscherarroganz zerstört worden sei, sei Quatsch, sagt er. Aber für ein Kulturgut hält auch Häusermann das 3-Meter-Rad aus Holz.

Die Béliers vor Gericht

Die Béliers hatten 1996 guten Grund, das Mühlrad verschwinden zu lassen. Wie BEKB-Sprecher Alex Josty auf Anfrage recherchiert hat, reichte die Bank nämlich Ende 1996 Strafanzeige gegen die «Entführer» ein. Einer wurde ermittelt und vor Gericht gestellt. Im Februar 2000 musste Ernst Häusermann als Zeuge vor dem damaligen Amtsgericht Aarberg vortraben. Worum es ging, begriff er erst, als er vor dem Gerichtssaal Polizisten mit Maschinenpistole und im Saal gut zwanzig Béliers sah.

Man habe ihn gefragt, ob er das Mühlrad gestohlen habe, erinnert sich Häusermann mit schalkhaftem Lachen. «Gerettet!», habe er den Richter korrigiert. Das Verfahren endete mit einem Schuldspruch gegen einen Bélier «wegen Sachentziehung». Er wurde zu einer Busse von 1000 Franken verurteilt, musste die Gerichtskosten tragen und der BEKB Schadenersatz zahlen. Das Mühlrad aber blieb verschwunden. Und die Kantonalbank verlor das Interesse daran. Ein unbestätigtes Gerücht besagt, die Bank habe es den Béliers für einen symbolischen Franken zum Kauf angeboten. Natürlich weigerten sich die Béliers, etwas zu kaufen, das sie als jurassischen Besitz ansahen.

Adelung als Kunstobjekt

Fast wäre das versteckte Mühlrad vergessen gegangen, wenn nicht im Jahr 2007 das Bieler Künstlerduo «Haus am Gern» – Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner – den Béliers eine willkommene Gelegenheit gegeben hätte, es prominent auftauchen zu lassen. Die beiden Künstler waren vom Espace d’art contemporain «Les Halles» in Porrentruy für eine Ausstellung eingeladen worden. «Für ein Kunstprojekt recherchieren wir, was ein Ort hergibt, was es dort für verschüttete Geschichten gibt, mit denen man eine Diskussion in Bewegung setzen kann», erklärt Steiner. Das zum Kultur- und Raubgut überhöhte Mühlrad kam dem Künstlerduo gerade recht. «Wir inszenierten dieses jurassische Spiel um Emotionen und Projektionen», sagt Steiner. Sie luden dafür zum Ortstermin nach Saint-Brais ein. Nicht nur Ernst Häusermann, sondern auch Michel Hauser, den Leiter des Amts für Kultur des Kantons Jura. Denn dem Künstlerduo war nicht entgangen, dass es um das Mühlrad auch einen innerjurassischen Zwist gab. Der offizielle Kanton Jura war nämlich – zum Ärger der Béliers – nicht bereit, das Mühlrad in die kantonale Liste des geschützten Kulturguts aufzunehmen. Scheute der Kanton zurück, weil die Besitzverhältnisse des Rads unklar waren und er die Berner Kantonalbank nicht brüskieren wollte? «Wir können ein Mühlrad, das wir nicht zu Gesicht bekommen, nicht zum schützenswerten Kulturgut erklären», replizierte Michel Hauser damals cool.

Vor Beginn der Ausstellung «Je ne sais quoi» brachten die Béliers das Mühlrad von Bollement bei Nacht und Nebel in den Kunstraum in Porrentruy und verhüllten es mit Decken. An der Vernissage wusste niemand, ob es das echte Rad oder ein Fake war. Die Ankündigung, dass die Wahrheit über das Rad aufgedeckt werde, lockte dann im November 2007 nicht weniger als 600 Schaulustige und Gäste zur Finissage in den Kunstraum «Les Halles». Gegen Abend stürmten die Béliers, mit rosaroten Schweinemasken getarnt , in die Ausstellung. Das Rad aber, das sie unter den Decken hervorholten und mit dem sie bald verschwanden, war zur Enttäuschung des Publikums mit weissen Bandagen verhüllt. Ernst Häusermann, der beim Spuk dabei war, vermutet, dass es sich bloss um eine Attrappe handelte.

Das Rad kommt zum Vorschein

Seine Frau, erinnert sich Häusermann, habe gefürchtet, die Béliers würden für einen unfreundlichen Besuch in Langenthal auftauchen. Er aber habe sie beruhigt: «Die tun mir nichts.» Man glaubt es dem gewitzten Häusermann, dass er mit den «Widdern» ins Gespräch gekommen wäre. Nach Langenthal gekommen seien sie übrigens nie. Häusermann aber ging in den Jura. Für die Vorbereitung der Ausstellung «Je ne sais quoi» traf er mit Einheimischen zusammen, obwohl er «kaum Französisch verstehe». Er bot damals einen Deal an: Wenn die Béliers am Ende der Ausstellung das Mühlrad wirklich herzeigen würden, bringe er ihnen eine Überraschung mit.

Sein Versprechen löste er dann im September 2010 ein, als ihn das Künstlerduo «Haus am Gern» auf ein weiteres Event um das Mühlrad in Saint-Brais hinwies. Diesmal fuhr Häusermann mit seiner ganzen Familie hin. Er musste wieder viel Französisch über sich ergehen lassen, bis dann die Béliers auf dem Dorfplatz von Saint-Brais tatsächlich das echte Rad von Bollement aufstellten. Häusermann übergab ihnen nun ein bis dahin unbekanntes, weiteres Überbleibsel der Mühle von Bollement: ein hölzernes Transmissionsrad. Es stand über all die Jahre in Häusermanns Langenthaler Gärtnerei. Hätten die Béliers davon gewusst, hätten sie es holen können.

Happy End im Mühlespiel

War es für ihn kein Problem, die Revoluzzer zu beschenken und bei ihrer Weihefeier für separatistische Extremisten mitzumachen? Das Lob von Extremisten sei nicht in Ordnung, sagt Häusermann. Aber er habe kein Problem, den Béliers die Hand zu geben. «Die wollen heute nichts Böses mehr, die wollen bloss auffallen.» Hätte er sich verweigert, hätte er bloss Angriffsfläche geboten. Indem er das Mühlespiel von Saint-Brais mitspielte, wurde Häusermann zu einem Versöhner, der dazu beitrug, das Klima zwischen Bern und dem Jura zu beruhigen. «Ich ein Versöhner? Das ist übertrieben», lacht Häusermann.

Übrigens ist die Berner Kantonalbank laut Sprecher Alex Josty immer noch die formelle Eigentümerin des Mühlrads von Bollement, aber nicht die physische Besitzerin, weil sie es ja nicht «bei sich» habe. Daran werde man auch nichts ändern. «Wir machen keine rechtlichen Forderungen mehr geltend und akzeptieren die Situation so, wie sie heute ist», erklärt Josty.

Der Kanton Jura hat das Mühlrad bis heute nicht auf die kantonale Kulturgüterliste aufgenommen. Zur Enttäuschung der Béliers. «Wir stellen nur ganze Ensembles und nicht einzelne Überbleibsel unter Schutz», sagt Michel Hauser vom Amt für Kultur. Ist das eine Ausflucht, weil der Kanton Jura die unklaren Besitzverhältnisse immer noch fürchtet? «Das könnte vielleicht ein Problem sein, aber das Mühlrad ist als Objekt schlicht zu wenig interessant», sagt Hauser. Dass die Geschichte des Mühlrads von Bollement nun zu Ende ist, zeigt, dass der Jura-Konflikt sogar im Kanton Jura verblasst ist.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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